Quijote oder warum die kulturpolitische Abstinenz der Medien tiefe Spuren in der Politik hinterlassen hat

Seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten erscheint die von mir herausgegebene kulturpolitische Zeitung „Politik & Kultur“ nun, zuerst nur viermal im Jahr, dann viele Jahre alle zwei Monate und seit Anfang dieses Jahres sogar zehnmal im Jahr. Gegründet wurde die Zeitung aus einem Akt der Notwehr, weil die klassischen Medien dem Thema Kulturpolitik immer weniger Platz einräumten. Dieser Trend hat sich in den letzten Jahren sogar noch verschärft.

 

Die Kulturseiten in den Zeitungen sind noch dünner geworden, die Übernahme von Agenturmeldungen hat noch einmal zugenommen und das bei einer Abnahme der Anzahl der zuliefernden Agenturen. Das Fernsehen hat sich fast gänzlich aus der ernsthaften kulturpolitischen Berichterstattung verabschiedet und selbst ein Nischenprogramm wie Kulturzeit auf 3sat hat sich dem feuilletonistischen Mainstream ergeben. Letztlich sind es nur noch die Kulturwellen im Hörfunk und einige wenige der großen Tageszeitungen, die die kulturpolitische Fahne manchmal hochhalten.

 

Die kulturpolitische Abstinenz der Medien hat tiefe Spuren in der Politik besonders des Bundes hinterlassen. Wenn Politiker sehen, dass ihre Themen medial keine Verbreitung erfahren, suchen sie neue Themen, die pressegefälliger sind. Jeder rote Teppich, egal wer auch immer, bei welchem Event auch immer, über ihn schreitet, ist eine Meldung wert. Und selbst die kleinste Auszeichnung einer Buchhandlung, eines Theaters, eines Verlages bringt mehr Presseresonanz als kulturpolitische Debatten im Deutschen Bundestag. Das zeigt Wirkung!

 

Die Medien gestalten Kulturpolitik mit, nicht weil sie die Politik kontrollieren und kritisieren, sondern weil sie nur einen kleinen Teil der Kulturpolitik protegieren.

 

Kulturpolitische Themen in den großen Nachrichtensendungen von ARD und ZDF sind die absolute Ausnahme, zumal gerade hier die Berichterstattung über eine Ausstellung oder eine neue Inszenierung fälschlicher weise mit einer Berichterstattung über Kulturpolitik verwechselt wird. Vollkommen kulturpolitikfrei sind die meinungsbildenden Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

 

Man stelle sich einmal vor, die Medien würden nur noch schöne Naturfilme zeigen und in den Zeitungen nur noch über das wunderbare Balzverhalten einiger Vögel schreiben. Keine Berichte über den Klimawandel oder das Artensterben, keine Debatte über den besten Weg wie wir die ökologischen Herausforderungen meistern können. Undenkbar? Ja richtig, doch genau diese Situation haben wir vielfach in der Kulturberichterstattung.

 

Was war in diesem Jahr bei den Bayreuther Festspielen die wichtigste Frage in den Medien: Wo blieb Angela Merkels Mann?

 

Ja, ich weiß, gegen den Trend der medialen Verdummung anzukämpfen, ist wie gegen Windmühlen zu kämpfen. Und trotzdem, wie Don Quijote, werden wir auch in der Zukunft gegen die kulturpolitische Abstinenz fast aller Medien anrennen. Danke für Ihr Interesse an Politik & Kultur!

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in leicht veränderten Version in Politik & Kultur 09/2019.

Olaf Zimmermann
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur.
Vorheriger ArtikelWenn fünf eine Reise tun
Nächster ArtikelWie sieht die Kulturnation des 21. Jahrhunderts aus?