Sichtbar – zum Streit im PEN

Der Streit im deutschen PEN ist ein Tiefpunkt im deutschen Kulturverbandswesen. Statt eine deutliche Stimme der Schriftstellerinnen und Schriftsteller zum Krieg in der Ukraine, den Auswirkungen von Corona oder der sich noch einmal dramatisch zuspitzenden Klimakrise zu geben nur kleingeistiges Vereinsgemetzel. 

 

Die Lust des Feuilletons, den Niedergang der Schriftstellervereinigung so kleinteilig wie möglich zu berichten, hat oft mehr an Boulevardjournalismus erinnert als an eine ernsthafte Auseinandersetzung über die Gründe der Krise. Dieselben Feuilletons, denen das Kulturverbandswesen normalerweise keine Zeile wert ist, haben tagelang über die PEN-Mitgliederversammlung berichtet, als wäre die ohne Zweifel vollständig aus dem Ruder gelaufene Mitgliederversammlung des PENs das wichtigste Ereignis auf unserem Planeten.  

 

Nachdem Deniz Yücel die Brocken hingeschmissen hat und den PEN eine

„Bratwurstbude“ nannte, kannte die Häme in den Feuilletons und darüber hinaus keine Grenze mehr. Vergessen wird in den Redaktionsstuben, dass ihr Kollege Yücel zum PEN-Präsidenten gewählt wurde, weil die Schriftstellervereinigung ihre Wahrnehmungsschwäche gerade in der öffentlichen Debatte erkannt hatte und durch einen meinungsstarken Vorsitzenden beseitigen wollte.  

 

Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller haben in den letzten Jahrzehnten deutlich an gesellschaftlichem Einfluss verloren. Das hat aber weniger mit ihrer Sprachlosigkeit, als mit der grundsätzlichen Bedeutung von Meinungsäußerungen von Intellektuellen zu tun. Vor einigen Jahren konnte ein Gastbeitrag einer Schriftstellerin oder eines Schriftstellers in der Süddeutschen Zeitung oder der Frankfurter Allgemeinen eine gesellschaftliche Debatte auslösen.  

 

Das ist in Zeiten der weit bedeutenderen „Sozialen Medien“ nur noch Vergangenheit. Die Orte des geistigen Diskurses sind teilweise vollständig verschwunden oder haben sich zumindest deutlich verschoben. 

Die Krise des Feuilletons hat letztlich die Krise im PEN mit ausgelöst. Schriftstellerinnen und Schriftsteller hadern mit ihrem Wahrnehmungsverlust in der Öffentlichkeit. Nur so ist zu erklären, dass der PEN Deniz Yüzel zu seinem Vorsitzenden wählte, obwohl er die Voraussetzungen für einen Vorsitzenden eines Verbandes, nämlich die Mitglieder auf ein gemeinsames neues Ziel zu vereinen, nicht mitbrachte. Man hat ihn gewählt, um endlich wieder einmal sichtbar zu sein. Das ist gelungen, aber der Schaden für den gesamten Kulturverbandsbereich ist groß. 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 06/22.

Olaf Zimmermann
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur.
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