KSK-Erfinder und deutsch-deutscher Chronist

Der Autor und Politiker Dieter Lattmann im Porträt

Mein Leben mit Literatur und Politik« – diesen Untertitel trägt das Buch »Einigkeit der Einzelgänger« (2006) von Dieter Lattmann. Besser kann man Vita und Wirken des heute 88-jährigen Autors und Politikers nicht übertiteln. Lattmanns Rückblick auf seine Jugend unterm Hakenkreuz, die Katastrophe des 2. Weltkriegs, die Anfänge der Bundesrepublik Deutschland, auf den Literaturbetrieb Nachkriegsdeutschlands, die Friedensbewegung, die Perestroika und die Wiedervereinigung ist deshalb so faszinierend und lesenswert, weil er nicht nur  literarisch-künstlerisch geprägt ist, sondern stets auch von einer politisch-engagierten Haltung.

 

Dieter Lattmann wurde am 15. Februar 1926 in Potsdam geboren und war somit 23 Jahre alt, als Deutschland  geteilt wurde. Ein Teil seiner Familie lebte damals in der DDR, ein größerer Teil in der Bundesrepublik. Der Bruder seines Vaters, General Martin Lattmann, Kommandeur der 17. Panzerdivision war in Stalingrad in Gefangenschaft geraten und wurde später höherer Beamter im Ministerium für Wirtschaft der DDR. Lattmanns Vater dagegen war CDU-Mitglied und sein Bruder Klaus (CDU) unter anderem Vize-Präsident der Hamburger Bürgerschaft. Sein Großvater Wilhelm war völkischer Reichstagsabgeordneter von 1903 bis 1912 gewesen und den Kindern wurde erzählt: »Unser Großvater hat beim Kaiser gegessen vom goldenen Teller.«

 

Seine frappierende Familiengeschichte – zwei Brüder, die sich  gegenüberstanden wie die deutschen Staaten – nahm Lattmann als Grundlage für den Roman „Die Brüder“ (1985). Die sich über drei Generationen erstreckende Saga der Brüder Ristenpart ist auch auf Russisch erschienen.

 

Lattmanns Vater war Offizier der Wehrmacht und so waren Ortswechsel Alltag: Potsdam, Kassel, Bonn, Hannover und Braunschweig hießen die Stationen seiner Kindheit und Schullaufbahn. Als Gymnasiast machte er nach der 12. Klasse Abitur, war Flakhelfer und vom 17. bis 19. Lebensjahr Seeoffiziersanwärter. Als Seekadett gehörte er zum Bordkommando des Kreuzers Leipzig, der Truppentransporte an die nördliche Ostfront begleitete. »Dort war ich Ladekanonier im Turm Caeser, dem hinteren 15 cm-Kanonenturm am mittleren Rohr.«

 

Nach kurzer englischer Gefangenschaft kehrte er als überzeugter Pazifist zurück ins zivile Leben und wurde Jahrzehnte später zu einer zentralen Figur der Friedensbewegung. Als das entscheidende politische Erweckungserlebnis bezeichnet Lattmann den 20. Juli 1944.

 

»Da mussten wir alle an Bord antreten und der Kapitän zur See, Kommandant des Kreuzers Leipzig, teilte uns mit, dass eine gewissenlose Gruppe deutscher Offiziere ein Attentat auf den Führer verübt hätte, dass aber der Herrgott den Führer uns erhalten hätte. Und von nun an würde auch in der Wehrmacht und der Kriegsmarine mit Hitlergruß gegrüßt. Da platzte es mir heraus – ich bin überzeugt, die haben das Beste für Deutschland gewollt. Darauf kriegte ich Strafdienst, auch später in der Marinekriegsschule Glücksburg kam ich in stärkere Bedrängnis und wurde zweimal eingebuchtet wegen Ungehorsams. Mehr habe ich mich nicht getraut.«

 

Aufgrund seiner Überzeugungen ist Lattmann auch im späteren Leben immer wieder angeeckt. So gab es etwa eine Verurteilung wegen der Teilnahme an einer Anti-Pershing-Sitzblockade vor dem US-Areal in Mutlangen in den 1980ern, oder Vorladungen wegen angeblicher Spionagetätigkeit für die DDR in den 1990ern. Seine Karriere im Verlagswesen startete Lattmann 1946 mit einer Lehre bei einem Musikverlag, dem Bärenreiter Verlag in Kassel. Durch die Vermittlung seiner Patentante kam Lattmann nach Kassel und traf dort die ihn sehr beeindruckende Verlegerpersönlichkeit Karl Vötterle inmitten eines Trümmerhaufens, der einmal dessen Verlag dargestellt hatte. Mit einer großen Geste sagte Vötterle: »Wenn sie das alles mit aufräumen und ihren ersten Arbeitsplatz selber mauern wollen, dann können sie bei mir anfangen.«

 

Insgesamt 15 Jahre war Lattmann im Verlagswesen tätig, zuletzt sechs Jahre bei Piper in München. In dieser Zeit veröffentlichte er nebenher Essays und Erzählungen in der Süddeutschen Zeitung. Aus diesem Material entstand 1957 sein erstes Buch »Die gelenkige Generation«. Aus der Sicherheit der Festanstellungen bei Franckh’sche Verlagshandlung, Kosmos, Riederer Verlag, Kreuz-Verlag, Paul List Verlag, Albert Langen-Georg Müller und Piper Verlag ging Lattmann 1960 in den freien Schriftstellerberuf. »Mit Frau und zwei Kindern, ohne  etwas geerbt zu haben, war das ein mutiger Schritt.«

 

Der Autor nennt sich den ersten schreibenden Lattmann, ein weit vom Stamm gefallener Apfel in der Familie: »Mit 13 hatte ich mit Versen angefangen, die ich für Gedichte hielt, und seither nie mehr mit dem Schreiben aufgehört.“ Auch jetzt sitzt er an einem Buch. 2013 ist Lattmann mit seiner Frau Marlen ins Wohnstift Augustinum München Nord gezogen. Wie lebt man in einem solchen System wie dem Augustinum? Wie lebt eine Gruppe von Menschen zwischen 80 und 103? „Dank der Medizin müssen wir immer älter werden. Dieses riesige gesellschaftliche Thema versuche ich in einem erzählenden Sachbuch zu behandeln und bin bemüht, es 2016 zu meinem 90. Geburtstag bei einem guten Verlag zu veröffentlichen.«

 

Lattmann gehörte zu der von Günter Grass gegründeten sozialdemokratischen Wählerinitiative, die Willy Brandt bei den Wahlen 1969 und 1972 unterstützte. Aus dieser Zeit rührte auch die frühe Bekanntschaft mit Brandt: Als dieser Bundeskanzler wurde, nutzte Lattmann der persönliche Zugang und er bekam die Chance, im Oberallgäu auf der Landesliste für den Bundestag zu kandidieren.

 

Der Schriftsteller blieb stets auch sozial engagierter Politiker. Von 1969 bis 1974 war er Mitbegründer und Vorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller, von 1972 bis 1980 Mitglied des Bundestags, wo er früh eines seiner zentralen Anliegen in Angriff nahm:  Die soziale Absicherung der Schriftsteller und Künstler.

 

»Mir war klar, so eine relativ kleine Gruppe kann ein Gesetz nur durchbringen, wenn man eine interfraktionelle Möglichkeit findet. Ich habe den Entwurf zum Künstlersozialversicherungsgesetz sieben Jahre durch den Bundestag getragen. Zunächst hatte ich ihn Willy Brandt zugeleitet, aber da versandete das zunächst. 1974 im Mai löste Helmut Schmidt Willy Brandt ab: Er schaute sich meine Entdeckung des Mechanismus einer Kultursozialabgabe und einer entsprechenden Einrichtung an und meinte: ‚Das ist ein guter Vorschlag, das werde ich weiterfördern‘. Noch vor meinem Ausscheiden aus dem Bundestag wurde das Gesetz beschlossen.«

 

1983 hat die KSK die Arbeit als Teil der gesetzlichen Versicherung für selbständige Künstler und Publizisten aufgenommen. 1991 waren 40.000 Personen versichert, heute sind es über 180.000 aus den Bereichen Darstellende Kunst, bildende Kunst, Musik und Wort. Doch gerade diese Zuwächse brachten das Erfolgsmodell immer wieder in Gefahr, denn ohne wachsende Beiträge von Seiten der abgabepflichtigen Unternehmen sind die Mehraufwendungen  für die Versicherten nicht zu finanzieren. Erst vor wenigen Wochen haben sich das Ministerium für Arbeit und Soziales und die Deutsche Rentenversicherung auf eine Lösung geeinigt, wie man die Beitragspflichtigen effizient überprüfen kann. Dazu Lattmann: „Ich war froh, im Papier der GroKo die KSK als erhaltens- und förderungswürdig vorzufinden. Und ich bin befriedigt, dass vor einigen Tagen Andrea Nahles dieses nochmals bekräftigt hat.“

 

Artikel aus Politik & Kultur 3/2014

Andreas Kolb
Andreas Kolb ist Redakteur von Politik & Kultur
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