Kosmos

1904 ist die erste Ausgabe des Kosmos, einer populärwissenschaftlichen Zeitung, mit dem Untertitel “Naturwissenschaftliches Literaturblatt” erschienen. 95 Jahre später wurde sie mit der Zeitschrift “natur” verschmolzen und verschwand.

 

In den Jahren ihres Erscheinens war der Kosmos für viele Leser mehr als eine normale Zeitschrift. Sie war das Zentralblatt der naturwissenschaftlichen Bildung im 20. Jahrhundert in Deutschland.

 

Als Jugendlicher war ich stolzer Abonnent des Kosmos und mein Großvater schenkte mir einige gebundene Jahrgänge aus den 1920er Jahren. Heute bin ich glücklicher Besitzer des Kosmos von 1905 bis 1990.

 

Wenn man die gesammelten Zeitschriftenbände betrachtet, kann man schon an den Buchrücken das Auf und Ab dieses Jahrhunderts ablesen. Immer dicker sind die Bände über die Jahrzehnte geworden. Nur die Kriegszeiten sind nicht spurlos am Kosmos vorbeigegangen. Im Ersten Weltkrieg ist er mit verminderter Seitenzahl durchgängig erschienen, im Zweiten Weltkrieg konnte 1945 keine Ausgabe erscheinen.

 

Vor einigen Tagen habe ich den Kosmos von 1920 durchgeblättert. Genau 100 Jahre ist der Band alt. “In ohnmächtiger Erbitterung und im heiligen Schmerz”, beginnt das Editorial des Januarheftes. Der Erste Weltkrieg ist verloren, es wird wortreich der Verlust der deutschen Art und des deutschen Wesens beklagt. Die Papierqualität ist schlecht, die Not dieser Zeit ist beim Durchblättern fühlbar. Der angeschlagene Ton lässt eine verhängnisvolle politische Zukunft schon erahnen.

 

Zwei Jahre vorher, 1918, wird im Kosmos zum ersten Mal über die Spanische Grippe berichtet. Eine neue Krankheit sei aufgetaucht, “eine Art der Influenza oder Grippe, die mit sehr heftigem Fieber einsetzt, aber auch sehr bald in Genesung übergeht”. Ein, wie wir heute alle wissen, fundamentaler Irrtum.

 

Beim Sammeln des Kosmos habe ich auch eine weitere Erkenntnis gewinnen können. Je jünger die Jahrgänge sind, umso schwieriger ist es, sie zu finden. Eine Ausnahme bildet nur der erste Jahrgang des Kosmos von 1904, den ich immer noch verzweifelt suche! Obwohl die Auflage des Kosmos kontinuierlich stieg, findet man die letzten Zeitschriftenjahrgänge nur selten, einfach weil sie nicht gebunden wurden, sondern nach dem Lesen im Müll landeten. Das wachsende Angebot von konkurrierenden Medien lässt sich hier gut ablesen. Die immer stärker werdende Wegwerfmentalität aber auch.

 

Ich stelle mir vor, der Kosmos würde noch heute erscheinen, wie würden die kommenden Jahrgänge wohl aussehen? Wird das Papier wieder schlechter, die Bände dünner, oder geht es bald weiter wie vor der Corona-Krise?

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 06/2020.

Olaf Zimmermann
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur.
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