Ignoranz

In meinem Beruf begegnet man vielen Menschen. Politiker, Künstler, Kulturarbeiter aller Couleur, bekannte und noch unbekannte, einige ruhen in sich selbst, andere sind hyperaktiv und nicht wenige verzweifeln an ihrer Arbeit, wegen zu viel oder zu wenig Erfolg. Aber nur in einer Gruppe von Menschen finden sich so viele Unzufriedene wie unter den Kulturjournalisten.

 

Vielleicht bringt das der Beruf mit sich. Als Journalist schaut man auf die Personen und ihre Arbeiten und urteilt. Gerade im Feuilleton ist das Urteil zuallererst an den eigenen Geschmack gebunden. Als Wirtschaftsjournalist, als Politikjournalist und sogar als Sportjournalist muss ich mich in einem mehr oder weniger strengen Faktenkorsett bewegen. Die Aktienkurse sind stabil, dann brauche ich schon gute Argumente, um den Untergang des Unternehmens zu beschreiben. Eine Partei ist im freien Fall bei den Wählern, dann kann man den Umstand bedauern, aber muss trotzdem die Realität in die eigene Kommentierung mitdenken. Das Gleiche gilt im Sportjournalismus. Nur bei der Kulturberichterstattung zählt nicht selten das eigene Gefühl mehr als jeder Fakt. Denn die Meinung über Kunst ist genauso frei wie die Kunst selbst.

 

Und diese auf den ersten Blick komfortable Ausgangslage scheint dazu zu führen, dass einige Feuilletonjournalisten wirklich auch alles tun, um nicht mit Fakten behelligt zu werden. Mir ist es in den letzten Wochen mehrmals passiert, dass bekannte Feuilletonisten von großen Zeitungen sagen, vom Deutschen Kulturrat habe ich noch nie etwas gehört. Man stelle sich vor, ein Sportjournalist sagt: „Den Deutschen Olympischen Sportbund kenne ich nicht.“ Oder ein Wirtschaftsjournalist sagt: „Der Bundesverband der Deutschen Industrie, was ist das?“ Sie wären ihren Job sofort los. Im Feuilleton ist das aber kein Problem. Diese Ignoranz gibt es nicht nur gegenüber dem Deutschen Kulturrat, auf meine Nachfragen wird deutlich, alle großen Kulturverbände sind weitgehend unbekannt.

 

Die Welt für manchen Feuilletonisten scheint einfach, ein roter Teppich hier, eine Gala dort, hier eine neue Ausstellung, ein neues Buch, ein neuer Film. Informationen außerhalb der Kunstblase sind offensichtlich unerwünscht.

 

Ich biete Feuilletonjournalisten als Gegenstrategie an, ein Praktikum im Deutschen Kulturrat zu machen. Einmal hautnah zu erleben, was es heißt, unterschiedliche Interessen in einem Kompromiss zu verbinden oder um politische Positionen zu ringen, und zu erkennen, dass die Kunst oftmals nur dadurch möglich wird, dass Verbandsfunktionäre mit der Politik um die notwendigen Rahmenbedingungen kämpfen. Ich freue mich auf viele Bewerbungen!

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 6/2018.

Olaf Zimmermann
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur
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