Schwedens Kulturförderung
Schwedens erst im Januar 2019 nach zähen Verhandlungen neu gebildete Regierung „Löfven II“ hat noch keine klare politische Richtung, die Kulturpolitik der neuen Kulturministerin Amanda Lind ist unscharf. Es zeichnet sich aber eine Tendenz zur Abkehr von bürgerlicher Hochkultur zugunsten von Maßnahmen für bisher vernachlässigte Zielgruppen ab und das Bestreben, Kultur allen Menschen zugänglich zu machen. Das Museum für moderne Kunst in Malmö etwa hat auch arabische Bildbeschriftungen. Die schwedischen Grünen vertreten multikulturelle Toleranz, aber zugleich Positionen bei Gleichstellung und individueller Freiheit, die mit dem kulturellen Verständnis mancher Immigrantengruppen nicht kompatibel sind.
Der Wohlfahrtsstaat Schweden besitzt eine breit subventionierte kulturelle Infrastruktur und verfügt über ein reiches Netz staatlich geförderter Kulturinstitutionen wie Stadttheater, Museen, Kunsthallen, Opern und Konzerthäuser. Das landesweite staatliche Kulturfördersystem ist in den letzten Jahren zunehmend dezentralisiert worden. Dadurch wirken die schwedischen Regionen stärker bei der Verteilung der entsprechenden Mittel mit. Private Geldgeber sollen vermehrt einbezogen werden. Kultursponsoring ist jedoch schwach entwickelt. Kreativindustrien spielen eine immer wichtigere Rolle, insbesondere in den Bereichen Mode, Design und Popindustrie. Der Finanzierungsdruck auf die freie Szene und auf experimentelle Ausdrucksformen ist stark. Er führt zu meist unterhaltenden, ökonomisch erfolgreichen Formaten. Die Anstrengungen von Bildungs- und Kulturprozessen werden, scheint es, allseits durch Schonung, sogenannte niedrigschwellige Angebote, ersetzt. Statt Bildung bloß Ausbildung? Ist im kulturindustriellen Mainstream-Zirkus am Ende der geistige Solitär der in Wirklichkeit gesellschaftlich Marginalisierte?
Staffan Forssell, Generalsekretär von „Statens kulturråd“, sagte: „Wir haben eine nationale Kulturpolitik, die ihren Ausgangspunkt in den demokratischen Grundprinzipien hat: Meinungsfreiheit, die Gleichwertigkeit aller Menschen. Wir haben auch eine Staatsform, die insbesondere im Kultursektor eine Armlänge Abstand von der Politik hält. Wir haben eine Politik, die sich hinter die öffentliche Finanzierung von Kultur stellt, der es schwerfällt, sich ausschließlich durch Publikumseinnahmen zu finanzieren. Auch um sicherzustellen, dass mehrere Perspektiven und Stimmen Gehör und Austausch finden. Dies ist auch notwendig für eine demokratische Gesellschaft.“ Ziel des staatlichen Kulturrates ist es, Vielfalt zu erhalten, damit nicht nur eine bestimmte Kunstrichtung präsentiert wird. Um die Unabhängigkeit der Kultur von der Politik sicherzustellen, hat der schwedische Kulturrat 15 Arbeits- und Referenzgruppen aufgestellt, die die jeweiligen Anträge beurteilen. Diese Gruppen bestehen aus Expertinnen und Experten, die dazu beitragen, dass jeder an Kultur teilhaben kann. Die Politik stellt sich somit hinter die staatliche Förderung der Kultur und schafft Voraussetzungen für Meinungs- und künstlerische Freiheit.
Initiativen des Goethe-Instituts Schweden
In Schweden herrscht großes Interesse an Kunst im Kontext von Politik. Kulturprogramme, die dem Eigenwert des Ästhetischen gerecht werden, ergänzt das Goethe-Institut Schweden daher durch innovative Formate oder Beiträge in seinem Online-Magazin, um auf die genannten politischen und zivilgesellschaftlichen Entwicklungen zu reagieren, welche für Deutschland wie Schweden gleichermaßen relevant sind. Die Nachfrage nach Bildender Kunst aus Deutschland und an deutschsprachiger Dramatik ist besonders groß. Deutsche Literatur hingegen hat es in Schweden schwerer. Oft erscheint diese in kleinen Verlagen, die Sparte der Übersetzungsliteratur ist insgesamt bei großen Verlagen oft unterfinanziert. Deshalb fördert das Goethe-Institut die Übersetzung deutschsprachiger Literatur. Über 30 Autorinnen und Autoren hat es seit 2015 präsentiert, darunter Cornelia Funke, Felicitas Hoppe, Lutz Seiler, Marcel Beyer, Durs Grünbein, Tamara Bach, Terézia Mora, Katja Petrowskaja, Daniel Kehlmann, Abbas Khider und Eugen Ruge. Auch deutsche Philosophie von Immanuel Kant, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Friedrich Nietzsche, Hannah Arendt, Theodor W. Adorno und Axel Honneth bis zur Zukunft der Frankfurter Schule ist Teil des nachfrageorientierten, auch durch schwedische Fördermittel kofinanzierten Programmangebots. Das schwedische Bibliothekssystem gehört bezüglich Dichte, Reichweite und Benutzerfreundlichkeit zu den weltbesten.
Insbesondere vom modernen Theater und Tanz verspricht man sich in Schweden neue Horizonte und Entdeckungen. Dabei gilt die zeitgenössische deutsche Bühnenkunst als richtungsweisend. Von dort erwartet man frische kulturelle Impulse und hohe künstlerische Qualität. Das Goethe-Institut kopräsentiert Gastspiele moderner Produktionen in Schweden, wie Falk Richter, Yael Ronens „Roma Armee“ vom Maxim Gorki Theater und Thomas Ostermeiers „Richard III.“ an der Berliner Schaubühne. Zudem positioniert sich das Goethe-Institut Schweden proeuropäisch. Es kooperiert mit anderen europäischen Kulturinstituten (EUNIC) beim gemeinsamen Auftritt auf der Göteborger Buchmesse, zur Förderung der Mehrsprachigkeit und organisierte internationale Konferenzen über die Rolle von Kultur und Kulturpolitik in Zeiten des Populismus. Gleichzeitig orchestriert das Goethe-Institut Großprojekte mit anderen Ländern Nordeuropas, die auf die zukünftige Bestimmung des politischen und kulturellen Denkens sowie die Gestaltung unserer Zukunft eingehen. Beispiele sind Projekte wie „In Transit“ zu Fragen der Stadtentwicklung, „Picture Politics“, digitale Comics gegen Xenophobie und Nationalismus oder das interdisziplinäre Kunstprojekt „Drone Dancing“. Über 50 Künstlerinnen und Künstler aus 18 Ländern kamen hier zusammen, um künstlerische Zukunftsvisionen zur Frage zu entwickeln, wie wir 2047 leben werden.
Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 03/2019
