Abgeschoben

In der Coronakrise stellen sich viele die Frage, warum der Kulturbereich eigentlich in den Medien so wenig gehört wird. Das ist nicht richtig, es werden viele aus dem Kulturbereich gehört, aber leider oft die Falschen.

Ein schönes Beispiel ist der nicht offene, aber in die Öffentlichkeit gespielte Brief von einigen Museumsdirektorinnen und Museumsdirektoren. Sie fordern richtigerweise eine schnelle Öffnung der Museen. Der Brief beschäftigt das Feuilleton wochenlang. Der Deutsche Museumsbund, der Interessenverband der Museen, der in der Krise eine sehr gute Arbeit macht und die Verhandlungen über eine Wiedereröffnung mit der Politik führt, blieb weitgehend medial vor der Tür.

 

Das Feuilleton nimmt sich kulturpolitischer Fragen gerne so an, wie es vor der Krise über eine neue Inszenierung diskutiert hat. Der persönliche Standpunkt ist das Credo. So notwendig dieses Vorgehen bei Kunstkritik ist, so wenig hilfreich ist es bei der Einordnung von kulturpolitischen Erfordernissen in der Pandemie.

 

Ein weiteres Beispiel dafür ist die Kritik an der Künstlersozialkasse. Künstlerinnen und Künstler fliegen massenweise aus der Künstlersozialversicherung, so konnte man lesen, weil sie entweder ihre Beiträge nicht mehr bezahlen können oder weil ihre Nebeneinkünfte aus nicht künstlerischer Tätigkeit mehr als die Hälfte ihrer Gesamteinkünfte betrugen. Aber der Vorwurf ist unbegründet, etwas Recherche bei der Künstlersozialkasse hätte Klarheit gebracht.

 

Es ist eine unsägliche Aufteilung in den Medien. Immer wenn irgendwo die Worte Kunst, Künstler oder Kultur auftreten, wird das Thema kurzerhand ins Feuilleton abgeschoben. Die Tagesschau und auch das heute-journal machen das sehr schön deutlich. Die Not des Handels und der Gastronomie im Lockdown wird regelmäßig im ersten Teil der Sendungen vorgestellt. Über die Not im Kulturbereich wird, wenn überhaupt, kurz vor dem Wetter in einer Homestory bei einem Künstler berichtet.

 

In den großen Tageszeitungen herrscht derselbe Verschiebebahnhof vor. Kulturpolitik gehört ins Feuilleton und damit aufs politische Abstellgleis. Nur der Hörfunk versucht gegenzusteuern.

 

Kein Wunder, wenn die Politik glaubt, der Kultur-Lockdown ist schon nicht so schlimm.

 

Ich wünsche mir sehr, dass der Kultur-Lockdown endlich endet und das Feuilleton dann endlich wieder über neue Inszenierungen und Biennalen berichten kann. Vielleicht schafft es die Kulturpolitik dann einmal in den Politik- oder Wirtschaftsteil der Medien, wo sie hingehört.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 3/2021.

Olaf Zimmermann
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur.
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