Wo residiert wird, gibt’s Kultur

Kommunale Kulturpolitik in Schwerin

Traumhaft schön ist Schwerin. Direkt am See, auf der Burggarten-Insel, liegt das Schloss. Es ist das Wahrzeichen der Stadt. Von anno dazumal bis heute ist es Herrschersitz. Wo früher der Fürst residierte, ist heute der Landtag untergebracht. Herzog Heinrich der Löwe gründete 1160 Schwerin als Herrschafts- und Verwaltungszentrum und von hier aus wurde das mecklenburgische Land regiert. Die Stadt selbst war dabei allerdings arm. Und en gros hat sich dieses Ungleichgewicht bis heute unter Regierung der Ministerpräsidenten gehalten. Schwerin hinkt in Handel und Industrie im Vergleich zu anderen deutschen Städten ähnlicher Größe immer etwas hinterher. Die letzten Jahre waren geprägt von desolater Haushaltslage, die zu Einsparungen zwang, was auch an der kommunalen Kulturpolitik nicht spurlos vorbeigegangen ist.

 

An kulturellem Erbe ist Schwerin reich, viele Sammlungen und Einrichtungen gehen auf Gründungen aus Zeiten der Herzöge und Großherzöge zurück, so etwa das Staatliche Museum Schwerin mit wichtigen Werken niederländischer und flämischer Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts. Die Mecklenburgische Staatskapelle, gegründet 1563, gehört zu den ältesten Klangkörpern der Welt, das Mecklenburgische Staatstheater geht zurück auf höfische Spielorte, die im 18. Jahrhundert anfingen, mehr oder weniger regelmäßig Musiktheater und Schauspiel auf die Bühne zu bringen. Kurzum: Ein großes kulturelles Erbe steckt in der Stadt, weil: Wo residiert wird, gibt’s Kultur. Das genannte Museum ist in Landesobhut, zu zwei Drittel auch das Mecklenburgische Staatstheater, das lange trotz des „staatstragenden“ Namens aber ein rein kommunales Haus war.

 

„Das war immer ein Sorgenkind meiner Vorgänger“, sagt Rico Badenschier (SPD), seit November 2016 Schwerins Oberbürgermeister und in Personalunion Kulturdezernent der Kommune. Also alles noch ganz frisch. Insbesondere in die Aufgaben des Kulturdezernenten muss sich Badenschier – das gibt er gern und ehrlich zu – noch intensiver einarbeiten. Das ist normal. In bestimmte Verantwortungen muss man reinwachsen. Doch eine kulturpolitische Hauptfrage hat Badenschier heute schon verinnerlicht und das ist diese Abwägung zwischen „Kultur ist Ländersache“ und „freiwilliger Aufgabe“ der Kommune. Badenschier ist nicht unglücklich darüber, dass die Finanzierungsfragen rund ums Staatstheater – ein Sechsspartenhaus mit großem Orchester für eine Stadt mit knapp 100.000 Einwohnern – just vor seiner Amtszeit geklärt werden konnten. Zurzeit gibt die Stadt Schwerin 6,6 Millionen Euro an das Theater, das Land gibt wiederum der Stadt Mittel via Finanzausgleichsgesetz, Schwerin erhält über direkte Kulturförderung auch nochmal Landesgelder und zudem regelt ein Landeshauptstadtvertrag, dass Schwerin 1,3 Millionen Euro für die Theatergebäude erhält. „Eine etwas skurrile Situation“, wie Badenschier das Finanzierungsgemenge kommentiert: „Zukünftig werden die Theatergebäude eigentlich eh dem Land gehören.“ Denn letztes Jahr konnte man endlich verhandeln, dass das Land als Mehrheitsgesellschafter zu 74,9 Prozent in die Mecklenburgische Staatstheater GmbH einsteigt; der Stadt gehören dabei 10 Prozent, weitere 10 Prozent dem Nachbarlandkreis und 5,1 Prozent der Stadt Parchim, wo das Theater weitere kleine Spielstätten hat. Vertraglich hat Schwerin zugesichert, dass es seine jetzigen 6,6 Millionen Euro die nächsten Jahre beibehält. Sicherung und Fortbestand für das Theater war für Schwerins Kulturselbstverständnis wichtig. Badenschier fasst es in seinen Worten zusammen: „Auch wenn der Begriff nicht ganz günstig ist, gehört diese Hochkultur zum Selbstbild der Stadt. Das Höfische, Musiktheater, Schlossfestspiele – das gehört zu Schwerin, das hier niemand missen möchte.“

 

Die laufenden Aufwendungen des Schweriner Kulturbüros betragen dieses Jahr 7,29 Millionen Euro – exklusive jener Staatstheatermittel. Wie in anderen Landeshauptstädten der neuen Bundesländer kämpfen auch hier Kunst und Kultur mit schrumpfenden Budgets und unzureichender Personalausstattung. Prekär ist die finanzielle Lage für viele freie Träger, denen die Stadt beantragte und dringend erforderliche Fördermittel oft nur unzureichend bis gar nicht zur Verfügung stellen kann. Das frustet die Kulturszene, dieweil die Versorgung Schwerins kommunaler Kultureinrichtungen ebenfalls knapp bemessen ist. Dazu zählen die Musikschule, die in Schwerin Konservatorium heißt, das Freilichtmuseum für Volkskunde Schwerin-Mueß, Volkshochschule, Stadtarchiv und Stadtbibliothek. Zu den jüngeren Einrichtungen gehört das 1995 gegründete Schleswig-Holstein-Haus, das als Kulturforum der Landeshauptstadt fungiert, und das soziokulturelle Zentrum Speicher. Die letzten Jahre verliefen in diesen kommunalen Einrichtungen kulturpolitisch nicht stabil. Es wurde etwa bei Speicher und Schleswig-Holstein-Haus über mögliche Privatisierung diskutiert. Das verunsicherte und Veranstaltungsplanungen gerieten ins Stocken. Kaum waren die Privatisierungsbeschlüsse vom Tisch, sorgten neue Sparvorschläge eines beratenden Beauftragten für Verunsicherung unter Akteuren und Publikum: Es kursierten Streichlisten im Dienste der „Konsolidierungskommune“ und ein Standortwechsel der Volkshochschule wurde diskutiert.

 

Neben jenem Konservatorium gibt es mit ataraxia noch eine weitere, private Musikschule in Schwerin. Den Vorwurf, dies sei eine ineffiziente „Doppelausstattung“, hat Badenschier in seiner kurzen Amtszeit nun schon öfter gehört. Beide Einrichtungen werden gut angenommen, sind ausgelastet. Der Bedarf in puncto Musikbildung ist in der ehemaligen Residenzstadt eben sehr groß, weil dort viele Beamten- oder – wegen des großen Krankenhauses – viele Arztfamilien wohnen. „Die Nachfrage besteht“, sagt Badenschier: „Ich sehe erstmal keine Notwendigkeit, irgendwas zu ändern.“ Bevor der 1978 geborene Badenschier vor drei Jahren überraschend erklärte, sich als Oberbürgermeisterkandidat aufstellen zu lassen, war er Radiologe und Oberarzt. Er ist verheiratet, hat selbst Kinder. Die quasi kulturbürgerliche Perspektive auf Kulturpolitik ist ihm insofern aus seiner Privatsphäre bestens vertraut. Wo er sich sozialpolitisch jedoch hineinversetzen muss, sind Blickwinkel und Bedürfnisse der Kinder, die in Armut leben. Statistisch kommt fast jedes dritte Schweriner Kind aus einer Hartz-IV-Familie. Das ist insofern ein besonders krasser Gegensatz, weil Schwerin mit seinem breiten wohlhabenden Mittelstand (mit vielen Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes) die stärkste Kaufkraft in den Städten der Neuen Bundesländer hat.

 

„Es gibt quasi zwei Schwerins“, sagt Badenschier. Die eine Stadt ist die schöne, eingangs erwähnte pittoreske Stadt, auf die alle stolz sind. Die Altstadt wurde von beiden Weltkriegen verschont. Das andere Schwerin sind Plattenbausiedlungen, von der Innenstadt gut 20 Minuten per Straßenbahn entfernt. „Die Kinder dort erreicht man mit kultureller Bildung nur, wenn z. B. die Musikschulen in die Kindergärten oder die Grundschulen gehen“, sagt Badenschier, „das ist wichtig“. Insofern gilt Schwerins Tradition „Wo residiert wird, gibt’s Kultur“ hier nicht, nein: Diese Tradition muss gebrochen werden. Es gab etwa das durch Bundesmittel getragene Programm „Soziale Stadt“, bei dem in einem sogenannten „Plattenpark“ Brachflächen von Einwohnern gärtnerisch und künstlerisch umgestaltet wurden. Kultur- und Stadtplanungspolitik gehen ineinander über. Bis 2023 hat Badenschier nun Zeit zur politischen Gestaltung. Gegen die gesellschaftliche Ungerechtigkeit, unter der die Kinder leiden, will er ankämpfen. Wenn es geht auch mit Kultur.

 

Manche kommunal-kulturpolitischen Wünsche brauchen sehr lange Zeit. Seit zwölf Jahren fehlt Schwerin das Stadtgeschichtsmuseum! Es war nie richtig gut angenommen worden, nicht zuletzt aufgrund seiner ungünstigen Lage. Schließlich wurde es dann bei der Haushaltskonsolidierung kurzerhand geschlossen. Die Konsolidierung im Hinterkopf hat sich Schwerin verpflichtet, keine neue freiwillige Leistung aufzunehmen, weshalb das Stadtgeschichtsmuseum bis dato auch nicht wiederbelebt werden konnte. Vielleicht aber lässt sich hier etwas mit der Weiterentwicklung des Freilichtmuseums für Volkskunde Schwerin-Mueß verknüpfen? Für dieses Volkskundemuseum liegt eine Machbarkeitsstudie vor, die ca. 26 Millionen Euro dafür anberaumt; bis zu 90 Prozent davon könnten aus Fördermitteln kommen. Dabei handelt es sich um ein Museumsdorf mit historischer Bausubstanz: reetgedeckte Fachwerkhäuser am See, anschauliches Zeugnis für Mecklenburger Landesgeschichte, aber eben nicht für Schweriner Stadtgeschichte.

 

Das sehen im Gemeinderat manche sehr kritisch, dass die Stadt „Landeskultur“ bezuschusst, aber sich selbst „freiwillig“ nichts aufbürden mag. Deshalb hofft Badenschier nun, dass im Zusammenhang mit dem Volkskundemuseum auch Möglichkeiten für das Stadtgeschichtsmuseum erörtert werden und vom Land auch dafür Fördergelder bereitgestellt werden könnten. Als Außenstehender mag man sich über solche kommunale Erwartungshaltung vielleicht wundern. In Schwerin habe das aber seit 900 Jahren eine gewisse Tradition. So sieht Badenschier das: „Wenn der Großherzog möchte, dass es Schwerin gut geht, dann geht es Schwerin auch gut.“ In der Landeshauptstadt setzt der Oberbürgermeister nicht zuletzt auch auf diesen Residenz-Bonus, auch auf die Gefahr hin, dass man in Rostock darüber verärgert ist. In Schwerin, dessen Wirtschaftsstruktur selbst eher schwach ist, wurde viel investiert, damit es eben rund ums Schloss so „traumhaft schön“ bleibt.

 

Gegenwärtig bewirbt sich die Landeshauptstadt um die Aufnahme in die Welterbeliste der UNESCO. Sie möchte als „Residenzensemble Schwerin – Kulturlandschaft des romantischen Historismus“ dort notiert sein. Ob das tatsächlich von einmaliger weltweiter Relevanz ist, muss die Jury entscheiden. Ein bisschen schleicht sich im Falle Schwerins aber schon der Verdacht ein, dass dieser Titel vorrangig, wenn nicht ausschließlich, aus fördertaktischen Gründen geholt werden soll. Denn „von Banausen oder sonstiger Zerstörung bedroht“, dass man sie via Welterbeliste schützen müsste, das ist die Schweriner Innenstadt nun gerade nicht. Schwerin ist heute schön, traumhaft schön.

Sven Scherz-Schade
Sven Scherz-Schade ist freier Journalist in Karlsruhe und arbeitet unter anderem zu den Themen Kultur und Kulturpolitik für den Hörfunk SWR2.
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