Die Präsenz der Reformation

Das Reformationsjubiläum muss mehr sein als Anlass für den üblichen Rummel

Passend zur Lutherdekade hat man in Wittenberg die Lutherzwerge erfunden, was wohl mehr sein soll als eine harmlose Werbeidee. Denn nach Jahrzehnten der Entzauberung und des Missbrauchs unserer Geschichtsbilder ist die Zwergenperspektive offenbar zur gängigen Betrachtungsform in unserem kleinlauten Land geworden. Luther gewissermaßen zum Anfassen, genauso wie neulich Helmut Kohl zum Aufkleben, als man ihn für seine großen Verdienste mit einer kleinen Briefmarke ehren zu müssen glaubte. Natürlich darf man auch – um die Sinnentleerung dieses Reformationsjubiläums deutlich zu machen – die Band Pussy Riot für den Lutherpreis vorschlagen. Irgendeine Verbindung wird sich schon herstellen lassen; und man bekommt zugleich einen Eindruck, wie schwer wir Deutschen uns mittlerweile mit unserem Lutherbild tun. Jahrzehnte des ideologischen Missbrauchs haben ihre Spuren hinterlassen, genauso wie alle Versuche, Luther für unsere Zeit kompatibel zu machen. So wird uns in den nächsten Jahren wohl nichts erspart bleiben, was zum gängigen Repertoire der Werbestrategen gehört: der Lutherschnaps so wenig wie die Lutheruhr oder das nachgebildete Tintenfass; und natürlich wird es auch eine Luther-App für das Smartphone geben und Omnibusreisen zu den Luthergedenkstatten, den theologischen Kulturbeutel inklusive.

 

Dabei ist es völlig legitim, dass die Lutherorte teilhaben wollen am Jahrtausendereignis dieses Reformationsjubiläums. Besonders für ein wirtschaftlich so gebeuteltes Bundesland wie Sachsen-Anhalt besteht auch die Hoffnung, endlich wegzukommen vom Image des strukturschwachen Zonenrandgebiets, vom Ruf des Armenhauses einer reichen Nation. Insofern stellt dieses Jubiläum für Mitteldeutschland eine einzigartige Chance dar, aller Welt endlich vor Augen zu führen, welche Rolle dieser Landstrich für die deutsche und europäische Entwicklung einst gespielt hat. Diese ehedem preußische Provinz Sachsen war kein Land der Zwerge und der Nischen; von hier ging mehrfach Weltgeschichte aus. Das gilt für Sachsen und Thüringen nicht minder.

 

Insofern verbindet sich nach Jahrzehnten der Teilung, der Verdrängung und ideologischen Indienstnahme mit dieser Lutherdekade auch der Wunsch nach Geschichtsreparatur in einer Region, die immer noch heftig mit ihrem Selbstverständnis ringt.

 

Das ist völlig legitim und keineswegs nur Ausdruck einer banalisierten Aneignung Luthers in der weitgehend säkularisierten Welt Ostdeutschlands. Wer die Lutherdekade den Kirchen überlässt, den evangelischen allzumal, verkürzt sie zu einem Nischenthema und vergibt die Möglichkeit nach der Wiedervereinigung auch eine neue Wahrnehmung folgen zu lassen. Denn noch immer fällt der Schatten der Mauer auf die gemeinsame Geschichte. Noch immer sind viele der abgerissenen geistigen Linien nicht wieder verknüpft; und bis heute liegen Geschichte und Gegenwart unverbunden neben einander.

„Es geht um die Präsenz dieser Reformation – und nicht um ihre bloße Geschichte.“

Die Teilung war eben tief und nicht nur geografischer Natur. Umso wichtiger ist es, das Thema aus den kirchlichen Rückzugsgebieten herauszuholen und wieder bedeutsam zu machen für die Selbstvergewisserung unserer Zeit. Von Heldenverehrung mag zwar keiner mehr reden. Aber die Selbstverzwergung kann es dann auch nicht mehr sein.

 

Wenn das Reformationsjubiläum tatsachlich mehr sein soll als ein profaner Anlass für den üblichen Rummel, dann muss der historischen Auseinandersetzung die konfessionelle folgen. Gerade in der profanisierten Gesellschaft Ostdeutschlands muss man sich aber vor der Versuchung hüten, Luther aus seiner Theologie und Kirchengeschichte herauslösen zu wollen, um ihn zur Galionsfigur eines überkonfessionellen Religionsgefühls zu machen. In dieser Art von Ökumene zu reden, wird doch dort nur verstanden, wo man überhaupt noch weiß, was da jemals wieder unter einem Dach zusammengeführt werden soll. Auf das Vorbild der Leuenberger Konkordie von 1973 zu verweisen und die Überwindung der Konfessionsunterschiede hat in einer Gesellschaft keinen Sinn, die nicht einmal ihre eigene Kirchengeschichte mehr kennt. Und wenn ich die Überlegungen der Lutherbotschafterin Margot Käßmann dazu in dieser Zeitung lese, dann offenbaren sie doch einen sehr innerkirchlich westdeutschen Diskurs.

 

Dasselbe gilt für den Dialog zwischen den Religionen. Es ist wohlfeil, dafür den bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffenen Begriff der Toleranz zu bemühen, den schon Goethe für eine Form der Beleidigung oder besser Geringschatzung hielt. Luther hat an der Wahrheitsbezeugung des christlichen Glaubens nie einen Zweifel gelassen. Insofern war er intolerant und ein Kind seiner Zeit. Sein Antipapismus und mehr noch: sein Antisemitismus sind weiß Gott kein Erbe, auf das man sich berufen kann. Es hat mit Recht jenes gewalttätig barbarische Bild Luthers geprägt, von dem sich Thomas Mann angewidert abwenden musste.

 

Zur Heroisierung taugt Luther heute nicht mehr. Aber auch die Historisierung wird ihm nicht wirklich gerecht. Was feiern wir denn im Jahr 2017 in unserer entkirchlichten Welt? Ein profanes Ereignis? Eine Zäsur der Geschichte? Oder doch auch die Selbstvergewisserung der evangelischen Gemeinde in ihrem Verständnis von „Predigt, Taufe, Abendmahl und Ordnung christlichen Lebens“, wie es der Theologe Johannes Ehmann zu Recht reklamiert.

 

Ein Reformationsjubiläum ohne evangelische Einkehr bliebe ein bitterkaltes Ereignis, für das es keiner besonderen Hinführung bedarf. Die eigentliche Botschaft dieser Lutherdekade wäre es aber, daran zu erinnern, aus welchem Glauben und aus welchem Gottesverständnis heraus vor fünfhundert Jahren der Prozess der Selbstaufklarung Europas begann. Es geht um die Präsenz dieser Reformation – und nicht um ihre bloße Geschichte.

 

Der Text ist zuerst in Politik & Kultur 06/2012 erschienen.

Johann Michael Möller
Johann Michael Möller ist Hörfunkdirektor beim MDR.
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