Kultur des Dialogs

Heinrich und Thomas hatten es in ihrer Kindheit nicht immer leicht. Ihr Lehrer sprach von „Elenden, die in der Schule nur Ärger bereiten“. Ihre Mutter stammte aus Brasilien und die Kaufmannsfamilie aus Lübeck war damit Ende des 19. Jahrhunderts irgendwie anders als alle anderen. Erst als die beiden Söhne der Familie Mann später weltberühmte Autoren wurden, spielte ihr brasilianischer Migrationshintergrund oder die schulischen Probleme keine Rolle mehr.

 

Nicht nur in der Literatur, sondern in der gesamten Geschichte unseres Landes sind Einwanderung und kulturelle Vielfalt stete Begleiter. Einwanderung ist nichts Neues, auch wenn einige das bis heute nicht wahrhaben wollen. Heute haben 22,5 Prozent unserer Bevölkerung eine familiäre Einwanderungsgeschichte und die Vielfalt unserer Gesellschaft wird auch künftig wachsen. Das birgt Chancen wie auch Konflikte.

 

Darum ist es Aufgabe der Politik, die gesellschaftliche Vielfalt zu gestalten und den Zusammenhalt zu stärken. Integration und Teilhabe sind Schlüsselthemen unserer Zeit.
Gelungene Integration ist dabei immer auch kulturelle Integration. Hier sind Respekt, Toleranz und kulturelle Offenheit auf Basis unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung unverzichtbar. Diese Aufgeschlossenheit geht mit einem gesellschaftlichen Selbstbild einher, das sich durch die Bereitschaft zur Integration und durch Selbstvergewisserung über die eigene kulturelle Identität auszeichnet. Der kulturellen Integration kommt somit eine enorme Bedeutung bei der gesellschaftlichen Integration zu, wenngleich eine erfolgreiche Integrationspolitik alle Lebensbereiche berücksichtigen muss – etwa gleiche Chancen auf Teilhabe im Bildungswesen oder Integration in den Arbeitsmarkt. In den aktuellen Diskussionen über Chancen und Risiken der kulturellen Vielfalt ist nicht selten zu beobachten, dass soziale Probleme durch kulturelle oder religiöse Konflikte überlagert werden. Umso wichtiger ist ein demokratischer Dialog, wie ihn sich auch die Initiative kulturelle Integration des Deutschen Kulturrates zum Ziel gesetzt hat. An diesem Dialog sollten sich alle gesellschaftlichen Akteure beteiligen, auch die kulturellen Institutionen in ihren jeweiligen Sparten und Formaten. Die Bundesregierung wird diesen Prozess unterstützen und hat sich im Koalitionsvertrag dazu bekannt, ein gesamtstaatliches Bündnis für kulturelle Bildung und Vermittlung zu schließen, das den Zugang zu Kunst, Kultur, Bildung und Medien stärken möchte. Das ist ein wichtiger Schritt, denn kulturelle Teilhabe und eine Kultur des Dialogs wirken der Spaltung unserer offenen, integrativen und demokratischen Gesellschaft entgegen. Heinrich Mann formulierte es übrigens so: „Demokratie ist im Grunde die Anerkennung, dass wir, sozial genommen, alle füreinander verantwortlich sind.“

 

Der Beitrag ist zuerst in Politik & Kultur 3/2018 erschienen.

Annette Widmann-Mauz
Annette Widmann-Mauz, MdB ist Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration im Bundeskanzleramt
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