Fotografische Schlaglichter der Deutschen Einheit

Die Ausstellung „Umbruch Ost“ der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Im Sommer 2019 startet auf der Projektwebsite umbruch-ost.de der Countdown zur Eröffnung der Ausstellung „Umbruch Ost. Lebenswelten im Wandel“. Alle Vorbereitungen sind auf den 18. März 2020 ausgerichtet, an dem die gemeinsam von der Bundesstiftung Aufarbeitung und dem Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer herausgegebene Schau auf dem Vorplatz des Berliner Abgeordnetenhaus der Öffentlichkeit vorgestellt werden soll. Es ist der Jahrestag der einzigen freien und demokratischen Volkskammerwahlen in der DDR, deren Ergebnisse 30 Jahre zuvor ein Plebiszit für die Deutsche Einheit waren. An diesem besonderen Tag also soll der Startschuss für die neue Ausstellung fallen, die Schlaglichter auf die Geschichte der Deutschen Einheit seit 1990 wirft und dabei die Umbruchserfahrungen der Ostdeutschen in den Mittelpunkt stellt. „Umbruch Ost“ präsentiert zeitgenössische Bilder namhafter Fotografen wie Daniel Biskup, Paul Glaser, Harald Hauswald und Ann-Christine Jansson. Die Ausstellungskonzeption sowie -texte stammen vom Historiker und Publizisten Stefan Wolle. Zeitzeugeninterviews des Norddeutschen Rundfunks, die über QR-Codes abgerufen werden können, sowie Infografiken zur Deutschen Einheit vom Statistikportal Statista ergänzen die Schau.

 

Es ist die 13. Jahresausstellung der Stiftung. Seit 2009 erfährt das Konzept, Ausstellungen als Poster-Sets zu verbreiten, die gegen eine geringe Schutzgebühr bestellt und unkompliziert präsentiert werden können, ständig steigende Nachfrage. Und so ist auch das Interesse an der neuen Schau riesig. Anfang März sind fast die Hälfte der 2.500 gedruckten Poster-Sets an Kultur- und Bildungseinrichtungen im gesamten Bundesgebiet ausgeliefert. Die 23 DIN-A1-Poster werden von vielen Volkshochschulen, Schulen und Rathäusern sowie anderen lokalen Bildungseinrichtungen direkt nach Posteingang gerahmt und aufgehängt. Erste lokale Ausstellungspremieren sind für die zweite Märzhälfte terminiert und Hunderte weitere Präsentationen sind für die Monate bis zum 3. Oktober sowie darüber hinaus geplant. Auf der Projektwebseite warten umfangreiche didaktische Materialien zum kostenlosen Download.

 

An der Berliner Premiere der Ausstellung am 18. März sollten unter anderem der Präsident des Berliner Abgeordnetenhaus Ralf Wieland, der Ostbeauftragte der Bundesregierung Marco Wanderwitz sowie der Ratsvorsitzende der Bundesstiftung Aufarbeitung Markus Meckel, 1990 DDR-Außenminister in der Regierung de Maizière, teilnehmen. Bei so viel Prominenz würde die Presseberichterstattung das Ausstellungsangebot noch einmal bundesweit bekannter machen, so das Kalkül.

 

Doch es kommt alles anders als geplant: Am 16. März verkündet Bundeskanzlerin Angela Merkel einschneidende Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie. Das öffentliche Leben kommt zum Stillstand. Alle Veranstaltungen sind ab sofort verboten. Es ist der Tag, an dem die großformatige Open-Air-Fassung der Schau vor dem Berliner Abgeordnetenhaus aufgebaut wird. Sie wird dort – trotz Corona – bis zum 14. Juni 2020 stehen, aber in dieser Zeit nur von wenigen Passanten gesehen.

 

Im April und Mai setzen die Veranstaltungsmacher alles daran, ihre vielen lokalen Partner zu bestärken, die Ausstellung für die zweite Jahreshälfte 2020 oder für das Folgejahr neu einzuplanen. Mit Erfolg. Auch die Nachfrage nach der Ausstellung nimmt im Sommer wieder zu. Nicht nur aus dem Inland, sondern auch aus dem Ausland. „Umbruch Ost“ steht in unterschiedlichen Formaten in englischer, französischer, spanischer und russischer Sprache sowie als zweisprachige Fassung für die deutsche Kulturarbeit im Ausland zur Verfügung. Zweisprachig Englisch und Deutsch ist auch der gleichnamige Begleitband zur Ausstellung, der im Metropol Verlag Berlin erschienen ist. Deutsche Botschaften, Konsulate, Goethe-Institute, aber auch lokale Kulturvermittler können die Druckdaten der entsprechenden Sprachfassung kostenfrei anfordern und die Produktion dann vor Ort auf eigene Kosten durchführen.

 

Letztlich hat die Corona-Krise das Ausstellungsprojekt nicht gestoppt, sondern nur verzögert. Dadurch dass die Schau inhaltlich am 3. Oktober 1990 beginnt und die Jahrzehnte der deutschen Einheit ausleuchtet, bleibt das Bildungsangebot über den Jahrestag hinaus aktuell. Und so wird am Montag, dem 28. September 2020, in der Mall of Berlin die Nachpremiere der Ausstellung „Umbruch Ost“ in Verbindung mit der Schau „Einheitsbilder“ stattfinden, die Musealis in Weimar mit Förderung der Bundesstiftung Aufarbeitung erstellt hat.

 

Teil der Konzeption ist es zudem, dass die Ausstellungspartner vor Ort dazu eingeladen sind, die Schau mit eigenen Ausstellungstafeln zur Lokalgeschichte zu erweitern. Die Herausgeber stellen hierfür ausführliche Handreichungen sowie Gestaltungsvorlagen zur Verfügung, um den damit verbundenen Aufwand so gering wie möglich zu halten. Am 3. Oktober 2021 soll die Ausstellung „Umbruch Ost“ mit allen bis dahin erstellten Ergänzungstafeln im Rahmen der zentralen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Halle (Saale) bei einer großen Finissage präsentiert werden.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 07-08/2020.

Ulrich Mählert
Ulrich Mählert ist Zeithistoriker und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.
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