Die Courage der Andersdenkenden

Opposition in der DDR

DDR-Geschichte – auch ihre Widerstandsgeschichte – kann nicht beurteilt werden ohne die Tatsache, dass die DDR vier Jahrzehnte ein entscheidendes Bauelement außenpolitischer Interessen der Sowjetunion war und von dieser erst quasi aufgegeben wurde, als das eigene Riesenreich ins Wanken geriet. Die Gründung der DDR, ihr 40-jähriger Bestand und ihr Untergang waren Ergebnisse weltpolitischer Situationen.

 

Der Filmregisseur und Bürgerrechtler Konrad Weiß schrieb im Sommer 1990: „Ich habe meine Heimat verloren, dieses graue, enge, hässliche Land (…). In diesem Land bin ich aufgewachsen, es war das Land meiner ersten Liebe, das Land meiner Träume, das Land meines Zorns (…).“

 

Heute, nach Jahrzehnten, können viele ehemalige DDR-Bürgerinnen und -Bürger sich kaum noch vorstellen, dass sie einmal „überzeugt“ waren, und in welchem Maß sie am politischen System mitgewirkt haben. Bis hin zu ehemaligen Politbüromitgliedern werden Geschichten des Widerstrebens, des Einspruchs und des Zurückziehens von ihnen berichtet. Natürlich gab es Situationen, in denen Bürger Verweigerungen androhten. Man wählte nicht oder bestellte die Zeitung ab, schrieb Eingaben oder blieb Versammlungen fern. Solange diese Nörgeleien keine politische Qualität erreichten, ließ die SED ihre Untertanen nörgeln. Dieses auf Gegenseitigkeit beruhende Stillhalteabkommen, das sich in den Jahrzehnten der SED-Herrschaft modifizierte, verwischte absichtsvoll die Grenze zwischen den Herrschenden und den Beherrschten.

 

Die tatsächliche Opposition in der DDR hatte sich in weiten Teilen lange Zeit religiös legitimiert und statt auf Auflösung und Liquidation der DDR zu dringen, eine verbesserte DDR gefordert. Die Verflechtung der Opposition mit der protestantischen Kirche schuf ein authentisches Gegengewicht zur geistigen und politischen Herrschaft der SED.

 

Betrachtet man die Widerstandsgeschichte von DDR-Bürgern, lassen sich vier Typen von Opposition benennen:

 

• Nach 1945 stellten die demokratischen Parteien CDU und LDPD – wenn auch in ihren Aktionen extrem behindert – in Ansätzen eine parlamentarische Opposition dar.
• Auch die Kirchen nahmen ersatzweise über einen langen Zeitraum eine oppositionelle Haltung ein.
• Die dritte Form einer oppositionellen Bewegung bildete sich in den sozialethischen Gruppen aus. Wehrdienstverweigerer, Antragsteller auf Ausreise aus der DDR gehörten dazu, ebenso die kirchliche Friedens- und Umweltbewegung.
• Erst im Frühjahr und Sommer 1989 entstand die vierte Form der politischen Opposition, als sich verschiedene Gruppen aus der kirchlichen Bindung lösten und sich zu Bürgerbewegungen und Parteien formierten.

 

Politischer Widerstand konnte sich im Unterschied zu den verschiedenen Oppositionsformen nur illegal formieren.

 

Der schon bald nach Gründung der DDR einsetzende Opportunismus und die millionenfache Flucht in die Westzone waren Ergebnisse der Okkupation des Staates durch die SED. Stalinistische Enge wurde zur Stütze der SED-Macht. Dazu gehörte die Erziehung zu einer sozialistischen Jugend, Arbeiterklasse und Intelligenz.

 

Deshalb wurde ein immer stärkerer Druck auch auf Studenten ausgeübt, in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) einzutreten. Seinen vorläufigen Höhepunkt erreichten die Zwangsmaßnahmen gegen die umfassende politische Betätigung beispielsweise an der Universität Leipzig, als der frei gewählte Studentenrat im November 1948 abgesetzt wurde, um ihn mit FDJ-Mitgliedern neu zu installieren. Damit war eine demokratische Oppositionsarbeit nur noch im Untergrund möglich. Schlimmer noch war das Verbot einer nichtmarxistischen Hochschulgruppe, in dessen Folge den Mitgliedern dieser Gruppe am 12. November 1948 ihre Stipendien gestrichen wurden.

 

Gleichzeitig wuchs die Angst, nachts mithilfe der Besatzungsmacht verschleppt zu werden, wie bei dem Leipziger Studenten Wolfgang Natonek praktiziert. Er war Vorsitzender des einzigen, je in freier Wahl gewählten Studentenrates. Gleichzeitig war er Mitglied der LDP. Natonek knüpfte an die Traditionen der Geschwister Scholl an und forderte im Februar 1948 von der damaligen Universitätsleitung ein Fünfjahresgedenken.

 

Die kommunistischen Kader der Universität versuchten alles, Wolfgang Natonek auf ihre Seite zu bekommen. Als das nicht gelang, verschwand er am 11. November 1948. Die Verhaftung erfolgte heimlich durch einen sowjetischen Offizier und einen deutschen Instrukteur vom Kriminalamt Leipzig, Kommissariat K5, der Vorgängerorganisation der Staatssicherheit der DDR. Er wurde von einem sowjetischen Militärtribunal zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Die Anklage erstreckte sich auf Spionage, Sabotage und Mitwisserschaft eines Verbrechens, angeblich begangen von einem Kommilitonen, den er nicht angezeigt habe.

 

Nach über sieben Jahren wurde Wolfgang Natonek am 10. März 1956 aus der Haftanstalt Torgau entlassen und begnadigt mit der Auflage, Leipzig nicht verlassen zu dürfen. Doch er wählte den über Berlin noch möglichen Weg in die Bundesrepublik.

 

Es blieb nicht verborgen, dass sich ab dem Wintersemester 1949/50 um den Studenten Herbert Belter eine kleine Gruppe demokratisch gesinnter Studenten bildete, die mit Flugblättern versuchten, die Öffentlichkeit vor einer kommunistischen Diktatur zu warnen und gleichzeitig an der Universität die Informationspolitik SED-treuer Studenten, Dozenten und Professoren zu hinterfragen. Sie verteilten innerhalb der Universität selbst gefertigte Flugblätter, die zum Widerstand aufriefen. So auch in der Nacht des 4. Oktober 1950. Bei der Durchsuchung von Belters Wohnung fand man weitere Flugblätter und ein Notizbuch mit Namen. Daraufhin wurden die übrigen Gruppenmitglieder inhaftiert und einem sowjetischen Militärtribunal übergeben, das die Todesstrafe über Herbert Belter verhängte und Freiheitsstrafen zwischen 10 und 25 Jahren für die anderen Angeklagten. Belter und seine Verbündeten wurden deportiert, er selbst am 28. April 1951 in Moskau hingerichtet. Die Mitglieder der Gruppe wurden verurteilt und in sowjetische Arbeitslager gebracht, was für viele einer Todesstrafe gleichkam.

 

Regine Möbius
Regine Möbius ist Schriftstellerin und Vorsitzende des Arbeitskreises gesellschaftlicher Gruppen der Stiftung Haus der Geschichte.
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