Wer wird Kulturhauptstadt Europas 2025?

Die Redaktion von Politik & Kultur benennt ihre Favoriten

Wenn ich an Thüringen denke, dann denke ich ans Bauhaus in Weimar, an Goethe und an Schillers Schaffensort, an Thüringer Bratwurst vom Rost, an die Wartburg zu Luthers Zeiten, an den grünen Thüringer Wald, an die Domstufenfestspiele in Erfurt. Wenn andere an Thüringen denken, dann denken sie an erschreckend hohe Stimmzahlen für die AfD, an die NSU, an den Amoklauf am Gutenberg Gymnasium, an „den“ Osten. Die Bewerbung Geras als Kulturhauptstadt Europas 2025 ist eine große Chance, andere Bilder in den Köpfen zu schaffen. Gera ist nicht Erfurt – Weimar – Jena, das „Dreigestirn“ im Herzen Thüringens, Gera ist eher der „Underdog“ des Bundeslandes (und vielleicht auch der Bewerbungsrunde) – und gerade das macht die Bewerbung interessant. Geworben wird mit dem wohl berühmtesten Sohn der Stadt, Otto Dix, mit zukunftsgewandten energiepolitischen Debatten, nachhaltigen Infrastrukturprojekten und dem Motto »Im Aufwind«. Das verdient zumindest Beachtung. Ich unterstütze Gera – und das aus mehr als reinem Lokalpatriotismus: Gera und auch Thüringen sollen endlich auch aus positiven Gründen gesehen werden.
Theresa Brüheim

 

Dass ich als Bayer Nürnberg favorisiere, hat ganz und gar nichts mit „Lokalpatriotismus“ zu tun. Vielmehr halte ich eine alle Sinne öffnende Chance für diese stets im Windschatten von München dümpelnde Stadt für dringend nötig. Sie beherbergt einerseits neuerdings einen sehr konservativen Heimatminister dank Ministerpräsident Markus Söder. Sie war eine „Hauptstadt der Bewegung“, beheimatet mit dem „Zeppelinfeld“, ein von Nazis immer noch gern heimgesuchtes Aufmarschgelände, das dringend einer kulturellen Transformation harrt. Und sie pflegt eine teils nach dem Krieg liebevoll restaurierte, teils grob kommerzialisierte Altstadt. Renommierte Hochschulen und eine aktive und offene alternative Kulturszene in allen Sparten verdienen viel mehr – auch internationale – Aufmerksamkeit. Die Stadt engagiert sich noch ein wenig zu tourismusorientiert um den manchmal etwas altfränkischen Heimatbegriff. Für die Bürger, die Künstler und das kulturpolitische Standing Nürnbergs – und für die ganze fränkische Region wäre die Ernennung zur Kulturhauptstadt Europas ein verdienter und notwendiger Schub in die Zukunft. Und dank überraschender Begegnungen mit bislang Ungewohntem Entwicklungshilfe im besten Sinn des Wortes.
Theo Geißler

 

Die sächsische Kleinstadt Zittau würde man vielleicht nicht auf Anhieb als kulturelles Herz Deutschlands oder gar der EU nennen. Auch ihre Lage im östlichen Zipfel Deutschlands muss so manch einer doch noch einmal nachschlagen. Doch gerade diese und die gemeinsame Bewerbung mit der tschechisch-polnisch-deutschen Dreiländerregion wecken das Interesse. An der Grenze zu zwei Nachbarländern gelegen, steht Zittau täglich vor der Herausforderung, einen gemeinsamen europäischen Lebensraum zu formen. Pläne, wie eine Dreiländerbrücke mit gemeinsamem Veranstaltungsraum, Vernetzungsmöglichkeiten für die internationalen Kultureinrichtungen der Region, ein „Fest der Festivals“ sowie die Errichtung eines Ortes der Erinnerung und des Dialogs sind vielversprechende Projekte mit dem Potenzial, Kultur über die Ländergrenzen hinaus zu stärken. Eine schöne Idee ist auch, dass jeden Monat ein anderes europäisches Nachbarland im Mittelpunkt der Veranstaltungen stehen soll und so gemeinsam Neues geschaffen werden kann. Starke europäische Vorhaben mit 360-Grad-Blick – meine Daumen sind gedrückt für Zittau.
Maike Karnebogen

 

Das „Sommermärchen Deutschland“ scheint Sportgeschichte zu sein: Deutschland als ein offenes, gastfreundliches Land, das war einmal. Im letzten Jahrzehnt haben Fremdenfeindlichkeit und Populismus das Bild des „Ugly German“, des hässlichen Deutschen, wiedererinnert. Insbesondere das Image von Chemnitz wurde beschädigt: Wutbürger, Krawalle, Hetzjagden, rechte Szene, aber auch Konzerte gegen rechts, Demonstrationen und eine Polarisierung zwischen links und rechts bestimmen das Fremdbild der Stadt. Sind das die Fakten oder doch nur Vorurteile? Wenn man – so wie der Autor – aus familiären Gründen das erste Mal und dann immer häufiger von Regensburg nach Chemnitz fährt, geht einem da manches durch den Kopf. Vor Ort verflogen meine Sorgen schnell, denn man traf auf hilfsbereite Menschen und eine Stadtgesellschaft, die sich – zumindest auf den ersten Blick – von anderen deutschen Städten nicht wirklich unterscheidet. Ich freue mich auf jeden Fall, das kulturelle Angebot dieser Stadt, die ja in einer beeindruckenden Tradition der deutschen Wirtschafts- und Kulturgeschichte steht, besser kennenzulernen, und auch auf die »Aufbrüche«, die sich die Chemnitzer als Kulturhauptstadt-Motto gewählt haben.
Andreas Kolb

 

Als bekennende Niedersächsin hätte meine Stimme eigentlich Hannover oder Hildesheim gehört. Doch Hannover macht ein solches Geheimnis um die Bewerbung und will – wieder einmal – etwas so Besonderes sein, dass es für mich sofort ausschied. „Rüben und Rosen“ aus Hildesheim ist da schon wesentlich sympathischer, doch ob der Charme der Zuckerrübe und der Hildesheimer Rose tatsächlich europaweite Ausstrahlung hat, erscheint mir doch fraglich. Also den Blick nach Osten, zuerst nach Magdeburg, richten. Hier soll sich mit der Leere auseinandergesetzt werden, die einen tatsächlich auch befällt, wenn man in Magdeburg ankommt und die Stadt durchkreuzt, doch ob die Leere tatsächlich anzieht, erscheint mir doch sehr zweifelhaft – zumal auch Magdeburg bei seiner Bewerbung noch einiges unter Verschluss hält. Also, meine Wahl fällt auf Chemnitz. Chemnitz hat eine interessante kulturelle Infrastruktur, die Stadt will aufbrechen zu neuen Ufern, die Bewerbung macht neugierig und Lust auf mehr. Das steckt an, was will man mehr.
Gabriele Schulz

 

Chemnitz, warum? Als im Sommer letzten Jahres der rechte Pöbel durch Chemnitz zog und von ihm Menschen gejagt wurden, dachte ich, das war’s. Das war’s mit der Bewerbung Chemnitz als Kulturhauptstadt Europas, das war’s mit dem Bild einer weltoffenen Stadt. Doch die Chemnitzer Bürgerinnen und Bürger und besonders die Kulturschaffenden haben sich nicht unterkriegen lassen. Sie haben mit vielen Aktionen belegt, dass sie eine vielfältige, lebendige Stadt sind, die sich mit ihren Brüchen auseinandersetzt. Chemnitz steht für Aufbrüche, so auch das Motto ihrer Bewerbung. Die Chemnitzer Bewerbung ist gut, weil sie zeigt, dass Veränderungen nicht nur mit Verlusten, sondern mit Neuem, mit einer Zukunft verbunden sind. Das ist ein Geist, der auf Europa übertragbar ist. Noch besser wäre gewesen, wenn sich die ostdeutschen Bewerberstädte zusammengetan hätten und ähnlich Ruhr2010 die Lebendigkeit einer ganzen Region gezeigt hätten. So oder so, gerade die Wahl von Chemnitz zur Kulturhauptstadt wäre ein wichtiges Zeichen: Wir sind ein fremdenfreundliches Deutschland in Europa.
Olaf Zimmermann

 

Diese Texte sind zuerst erschienen in Politik & Kultur 12/2019-01/2020.

Nächster ArtikelLob der Provinz