Irans Image im Wandel?

Die auswärtige Kulturpolitik Irans im 20. Jahrhundert

Der Iran gehört weltweit zu den medial regelmäßig beachteten Ländern. Und es sind mehr negativ behaftete politisch-gesellschaftliche Ereignisse der letzten dreieinhalb Jahrzehnte wie die Revolution, die Botschaftsbesetzungen, der Krieg, die Fatwa gegen Salman Rushdie, das Atomprogramm, die Holocaustleugnung und das Absprechen vom Existenzrecht Israels sowie die Unterdrückung der Zivilbevölkerung, die Irans Image in der westlichen Öffentlichkeit mittel- und langfristig als unberechenbaren »Schurkenstaat« und religiöse Diktatur im Nahen Osten geprägt haben. Der Iran gilt damit als real existierender, aber auch ideologischer Feind des Westens.

 

Bis in die 1970er Jahre hinein war das Land trotz des autoritär-grausamen Herrschaftsstils des Schahs und seiner Unbeliebtheit bis Verhasstheit in den 1968er Jahren ein enger Verbündeter des Westens mit einem mehr oder minder romantisch-historischen Image, welches eng mit dem Image des Schahs selbst und seiner Familie verknüpft war. Der Iran, auch als das „Kaiserreich Persien“ bekannt, war für viele Menschen ein ambitioniertes Entwicklungsland mit einer alten Zivilisation und westlich orientierten Königsfamilie. Dafür sprachen zumindest drei Assoziationen: Erstens hatte die Regenbogenpresse großes Interesse am „märchenhaften“ Leben des Schahs als orientalischer Monarch und an seinen Ehen mit der ägyptischen Prinzessin Fausia, der halbdeutschen Berlinerin Soraja Esfandiari und zum Schluss Farah Diba, die der Schah erstmals als Kunststudentin in Paris kennenlernte. Zweitens war Farah Diba als erste »kaiserliche Herrscherin« des modernen Iran neben ihrem Mann auf Staatsreisen sowie durch ihr intensives Engagement für Kunst, Kultur und Bildung sowie für Frauenrechte im Iran, etwa durch die Gründung des Teheraner Museums für zeitgenössische Kunst mit der größten Sammlung zeitgenössischer Kunst außerhalb Europas und Nordamerikas und die Vorbereitung eines neuen Familienrechts, präsent. Demnach wurden iranischen Frauen von 1967 an umfangreiche Rechte zugestanden. Drittens stan­den die zwar prunkvollen und damit in ihrer Art einzigartigen, aber zugleich exzessiv teuren und deshalb politisch hochumstrittenen Feierlichkeiten zum 2.500-jährigen Jubiläum des Bestehens der iranischen Monarchie in den Ruinen der antiken Stadt Persepolis 1971, bei denen hochrangige Staatsgäste aus fast aller Welt anwesend waren, im Fokus. Statt das Image des Schahs als Vater der Nation historisch zu verankern, bewirkte das pompöse Riesenfest, das auch weltweit medial großes Echo gefunden hatte, im Nachhinein das Gegenteil und markierte den Beginn des Endes der letzten Monarchie auf iranischem Boden mit Mohammad-Reza Pahlavi als letzten König. Mit seiner Flucht aus dem Iran 1979 verblasste auch das kaiserlich-historische Image Persiens und wurde durch die iranische Revolution und Ankunft Ajatollah Khomeinis aus dem französischen Exil durch ein revolutionär-islamisches Image ersetzt, das bis heute dominiert.

 

Kulturpolitische Selbstdarstellungen: Vom arischen zum islamischen Menschenbild

 

Die auswärtige Kulturpolitik im modernen Iran ging stets stark mit der inländischen Kulturpolitik einher. Mit der Gründung der Pahlavi-Dynastie vom Vater des Schahs, einem Armeeoffizier namens Reza Khan, entstand 1925 auch der moderne Iran nach dem Modell eines zentralistischen Nationalstaats wie Frankreich, allerdings mit der Despotie anstatt der Republik als Regierungsform. Vorrangiges Ziel Reza Schahs war eine säkulare Modernisierung des unterentwickelten und politisch instabilen Vielvölkerstaats. Dafür knüpfte man an das Vorbild des glorreichen vorislamisch-antiken Persiens, das etwa 1100 bzw. 1000 v. Chr. von den Uriranern, den Ariern, d. h. wörtlich Menschen mit edler Abstammung – allerdings nicht im rassischen Sinne wie bei den Nazis  – bewohnt wurde und dessen Großreiche weite Teile Westasiens umfassten. Gleichzeitig machte man den Islam zum Sündenbock der Unterentwicklung Persiens seit der Unterwerfung durch die muslimischen Araber im siebten Jahrhundert.

 

Somit belebte man eine alte Komponente neu, die sogenannte „arische“, die zusammen mit der islamischen Komponente bis heute zu den Grundpfeilern der kollektiven Identität vieler Iraner gehört. Entlang der Modernisierung und Neustiftung der arischen Identität wurde der offizielle Landesname im Ausland umbenannt, ab 1935 sollte das Land nicht mehr Persien, sondern Iran als „Land der Arier“ heißen. Der primäre Zweck der Umbenennung sollte sein, interethnischen Spannungen vorzubeugen oder diese einzudämmen. Es sollte also signalisieren, dass das Land keiner einzigen Ethnie – wie im Falle „Persiens“ suggerierend, den Persern – gehört, sondern allen arisch-stämmigen Ethnien gleichermaßen. Man kann dieses Ereignis mit hoher Symbolik aber auch als ersten Akt der kulturpolitischen Selbstdarstellung des modernen Iran nach außen sehen, mit dem man mehr die Welt von seiner arischen Abstammung überzeugen wollte als sich selbst. Denn historisch gesehen kannten die Iraner ihr Land schon fast immer unter Iran und nur die südiranische Landschaft als „Fars“, persisch für Persien. Persien als Landesbezeichnung war selbst in der Antike eine Fremdbezeichnung, die erstmals von den Griechen verwendet wurde.

 

Ein weiterer zentraler Akt der arisch-vergangenheitsverherrlichenden Selbstdarstellung der Kulturpolitik der Pahlavi-Dynastie war die Rede vom letzten Schah am Grabmal vom Kyros dem Großen, dem Gründer des ersten Perserreichs im Jahr 550 v. Chr., im Rahmen der Feierlichkeiten von 1971. Vor den Augen der Vertreter aller Herren Länder spricht Mohammad-Reza Pahlavi, offiziell der „König der Könige“ bzw. „Licht der Arier“, zur Seele des Kyros: „Sei unbekümmert im Schlaf, wir sind wachsam!“ Damit zeigt er Kyros gegenüber nicht nur Hochachtung, sondern sieht sich selbst in seiner legitimen Nachfolge und versichert ihm schließlich, dass Iran unter seiner Führung wieder groß werden wird!

 

Mit der islamischen Revolution 1979 unter Führung von Ajatollah Khomeini und der Gründung der ersten modernen Theokratie der Welt veränderte sich die kulturpolitische Selbstdarstellung Irans grundlegend: Der Iran präsentierte sich der Welt von nun an als islamische, block­frei-antiimperialistische Republik und machte den revolutionären Slogan „Nein zu Ost, nein zu West, ja zur islamischen Republik“ zum Leitsatz seiner Außenpolitik. Darin sind also zwei Hauptprinzipien der iranischen Kulturpolitik im In- und Ausland enthalten: Orientierung am Islam und seinen Lehren und zugleich Abwehr des geistigen Einflusses der westlichen Zivilisation, wozu auch der Kommunismus als herrschende Ideologie des ehemaligen Ostblocks gezählt wurde. Gerade aufgrund dieser ideologischen Neupositionierung gewann im postrevolutionären Iran das Thema der Kulturpolitik noch mehr an Bedeutung.

 

Die Kulturpolitik wurde nachhaltig institutionalisiert. 1980 wurde das „Komitee der Kulturrevolution“ gebildet, dessen Hauptaufgabe in der Islamisierung der iranischen Hochschulen bestand. Es benannte sich 1984 in den „hohen Rat der Kulturrevolution“ um und galt seither als höchste Instanz der iranischen Kulturplanung und -politik. Er verabschiedete schließlich im Jahr 1992 die „Grundprinzipien der Kulturpolitik der islamischen Republik Iran“. Darin wird das erste kulturelle Hauptziel der islamischen Republik so formuliert: „Gedeihen und Erhabenheit der islamisch-humanen Kultur und Verbreitung der Botschaft und des Wesens der islamischen Revolution in der iranischen Gesellschaft und der Welt“.

 

Staat versus Volk: Wer prägt das Image Irans mehr?

 

Das Iran-Image im Ausland wurde sowohl vor als auch seit 1979 von der Real- und Kulturpolitik Irans so stark mitgestaltet, dass es die Realitäten in Bezug auf das iranische Volkes bzw. eines Großteils dessen als widersprüchliches Gegenstück zum herrschenden System nicht widerspiegelte bzw. immer noch nicht tut. Das Iran-Image war und ist in der Tat ein zwiespältiges! Bei den verschwenderischen Feierlichkeiten 1971 gab es sicherlich viele Iraner, die in Armut und prekären Verhältnissen lebten und sicherlich hätte ihnen ein kleiner Teil der ungeheuren Kosten der fünftägigen Show-Off-Party viel mehr genützt als ein arisches Selbstbild oder ein Auslandsimage als „stolze Perser“! Auch die nicht wenigen, dem Westen und sogar den USA freundlich gesinnten Iraner aus einem Land, in dem man zu offiziellen Anlässen oft genug „Tod den USA“-Parolen skandieren hört, trugen dazu bei oder seien es diejenigen, die sich unmittelbar nach den 9/11-Anschlägen als erste Muslime im Nahen Osten auf den Straßen Teherans mit dem amerikanischen Volk solidarisierten oder seien es die hierzulande beispielhaft inte­grierten und säkularen Iraner. Und last but not least die kritischen Denker und Künstler, etwa die Filmemacher Jafar Panahi und Asghar Farhadi, deren Werken man hier mit Neugierde über eine für in westlichen Demokratien sozialisierte Menschen völlig unbekannte iranische Welt begegnet.

 

Das gegenwärtige Iran-Image, ob kohärent negativ oder zwiespältig, befindet sich schließlich in keinem tiefen Wandel, vielmehr ist es das westliche Interesse an sich für ein Land und seine Menschen, das lange isoliert war, es ist das Interesse für ein komplexes Land mit einer alten, aber turbulenten Geschichte im 20. Jahrhundert, das trotz aller Schwierigkeiten darauf besteht, seinen Weg zu sich selbst und seiner Zukunft allein finden zu wollen.

 

Dieser Text ist zuerst in der Politik & Kultur 1/17 erschienen.

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