Deutlich wahrnehmbar

Die internationale Kulturförderung der Robert Bosch Stiftung

Die zunehmende kulturelle Vielfalt löst einerseits Angst vor Überfremdung aus und wird zur Ursache für Konflikte erklärt, andererseits weckt kulturelle Vielfalt Neugier und verbindet Menschen.

 

Die Robert Bosch Stiftung möchte im internationalen Kulturaustausch kulturelle Vielfalt als Bereicherung und Chance erlebbar machten. Wir begreifen Kultur als vorpolitischen Raum, in dem sich Wahrnehmungsmuster, Einstellungen und Überzeugungen bilden, die in der Politik zum Tragen kommen. Zugleich lädt Kultur zum Perspektivwechsel ein, erweitert Horizonte und bringt Denkmuster in Bewegung. In diesem Spannungsfeld schaffen unsere Förderprogramme geschützte Räume für kulturelle Unternehmungen, die Welt zu verstehen, neu zu erzählen und zu gestalten.
Die Robert Bosch Stiftung stellt den mutigen relevanten Akteur ins Zentrum ihrer Kulturförderung. Trotz eines hohen Qualitätsanspruchs geht es uns nicht um die Förderung der Schönen Künste im engen Sinne, sondern um kulturelles Engagement, das gesellschaftlichen Wandel sichtbar macht und konstruktiv begleitet.

 

Kulturaustausch soll Durchlässigkeit für internationale Impulse schaffen und so gewährleisten, dass Gesellschaften sich nicht weiter abschotten. Dann kann der Dialog auch aufrecht erhalten werden, wenn schwierige Themen die politische Agenda bestimmen. Literaturübersetzer, die wir seit Langem als Kulturmittler im Programm „Literarische Brückenbauer“ fördern, bringen mit ihren Übersetzungen Stimmen aus anderen Kulturen in die Diskurse ihres Sprachraums ein. „Grenzgänger“, ein Kooperationsprogramm mit dem Literarischen Colloquium, unterstützt Recherchereisen von Buch-, Film- und Rundfunk-Autoren in andere Länder, mit denen sie Werke vorbereiten, welche die Rechercheregion grenzüberschreitend thematisieren und für ein breites Publikum zugänglich machen. 300 Recherchen in 40 Ländern wurden durchgeführt, 170 Werke bereits veröffentlicht. Darunter der für den Deutschen Buchpreis 2016 nominierte Roman von Akos Doma „Der Weg der Wünsche“, der die Flucht einer Familie aus dem kommunistischen Ungarn in den Westen Anfang der 1970er Jahre schildert. Ein aktuelles Thema, eine authentische, bewegende Geschichte über zermürbendes Warten, Illusionen vom Westen und Heimatverlust.

 

Gesellschaftliche Herausforderungen machen nicht an nationalen Grenzen halt, sie erfordern lokales Handeln in länderübergreifenden Zusammenhängen. Unsere Projekte sind daher in der Regel multilateral aufgestellt und ziehen aus der internationalen Vernetzung Dynamik und Innovation. Im Förderprogramm „Actors of Urban Change“ fördern wir Stadtentwicklung durch Kultur. Transsektorale Teams aus Kultur, Verwaltung und Wirtschaft setzen sich vor Ort für ihre Stadt ein und erfahren zugleich Stärkung und Qualifizierung durch ein europaweites Netzwerk. Das türkische Team engagiert sich in Istanbul für die der Bewahrung und Wiederentdeckung des kulturellen Erbes des traditionell griechisch-armenisch geprägten Stadtteils Tatavla. Durch intensiven Austausch mit den Bewohnern wird Geschichte eingefangen und in Ausstellungen und Lesungen wieder lebendig gemacht.

 

Als nicht-staatlicher Akteur ist es für uns selbstverständlich, dass es in internationalen Beziehungen um das Verhältnis zwischen Gesellschaften geht. In der deutschen Außenpolitik erhält der Dialog der Zivilgesellschaften neben den klassischen, formell aber nicht finanziell unabhängigen Kulturmittlern zunehmend mehr Raum, bleibt aber dennoch ausbaufähig. Im Orchester der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik (AKBP) sind Stiftungen deutlicher hörbar geworden, das Zusammenspiel ist feiner abgestimmt. In öffentlich-privaten Kooperationen erhofft sich die staatliche Seite nicht nur die Verminderung von Kosten, man schätzt die unterschiedlichen Stärken, die beide Seiten für eine erhöhte Wirkung einbringen.

 

Der Part von Stiftungen ist dabei, auch Wagnisse einzugehen und ungewöhnliche Wege auszuprobieren; sie müssen nicht flächendeckend agieren, sondern können modellhaft vorgehen. So ist das Programm START eine nicht naheliegende Antwort auf die Folgen der europäischen Wirtschaftskrise in Griechenland, die den Kulturbereich und junge Menschen besonders hart treffen. START unterstützt junge griechische Kulturmanager bei der Entwicklung von innovativen Projektideen zu tragfähigen Kulturinitiativen. In Kooperation mit dem Goethe-Institut Thessaloniki und der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren absolvieren die Stipendiaten eine Hospitationsphase in Deutschland, durchlaufen ein länderübergreifendes Qualifizierungsprogramm und gehen dann in Griechenland mit ihrem Projekt an den Start. Dionysis Anemogiannis hospitierte bei landkunstleben e.V. in Brandenburg, wo er seine Idee ausprobieren konnte. Dann startete er in seiner Heimat mit „Sound of Kythera“ eine erfolgreiche Ausbildungsinitiative für Jugendliche, die neue mediale Technologien nutzt, um kulturelles Erbe durch Geräusche zu entdecken und die Identität der Insel Kythera auf neuartige Weise darzustellen.

 

In vielen Ländern schrumpft allerdings der Handlungsspielraum für die Zivilgesellschaft und damit auch für Kulturakteure, dies kann bis zur Gefährdung von Menschen und Organisationen reichen. Dennoch erweist sich nicht selten die Kulturförderung als das, was immer noch geht, weil Kulturarbeit einen langen Atem hat und im vorpolitischen Raum agiert.

Maja Pflüger ist Mitarbeiterin der Robert Bosch Stiftung
Vorheriger ArtikelFreiheit, die wir meinen
Nächster ArtikelEin breiter Blumenstrauß an Aufgaben