Fünftens baute er die ersten Kartoffeln in Korea an. In der deutschen Version von „Gützlaffs Bericht über drei Reisen in den Seeprovinzen Chinas 1831-1833“ wurden Armut und schlechte Hygiene in Korea beschrieben. Pietistischen Glaubensgrundsätzen folgend, zeigte Gützlaff den unter mangelnder Ernährung leidenden Koreanern, wie man Kartoffeln anbaut und Saft aus Wildtrauben macht.
Sechstens war er der erste westliche Missionar, der Koreaner mit westlicher Medizin behandelte. Als Schiffsarzt war Gützlaff mit westlicher Medizin vertraut. Zugleich beschäftigte er sich mit traditionellen Heilmethoden. So gelang es ihm, in der kurzen Zeit seines Aufenthalts mehr als 60 Patienten mit Erfolg zu heilen.
Doch warum lohnt es sich, sich in unserer Zeit mit Karl Gützlaff auseinanderzusetzen?
Erstens, durch seinen Besuch in Korea, wurde der Koreanische Protestantismus nicht nur von evangelischen Erbschaften aus Amerika beeinflusst, sondern auch durch die deutsche Erweckungsbewegung. Die Herkunft der westlichen Kultur in Südkorea hat also nicht nur amerikanische Wurzeln.
Zweitens, Gützlaff war in seiner Korea-Mission ein Vorreiter eines modernen Verständnisses von Mission. Es ging ihm nicht darum, eine fremde Religion und Kultur zu verkünden. Sondern er bemühte sich durch seine Sprach- und Kulturstudien und durch seine medizinische Fürsorge um eine ganzheitliche Sicht. Er wollte das Evangelium in den Bedürfnissen der Kultur verkünden.
Drittens, wir brauchen in unserem 21. Jahrhundert einen neuen Gützlaff. Um das Evangelium effektiv zu nutzen, brauchen wir eine neue Alternative in unserer Welt, wobei es um viel Kulturaustausch und die schnelle Veränderung von Selbst- und Fremdbildern geht. Gützlaff hat niemals die Einheimischen in ihrer lokalen Kultur ignoriert oder zur Kultur des Westens gezwungen. Er lebte mit den Einheimischen und suchte den Kontakt auf Augenhöhe. Diesen Ansatz der kulturellen Angleichung seiner Verkündigung verfolgte er auch in China, wo er in Fischerkleidung herumlief. So versuchte er, das Evangelium in der ihm fremden Kultur zu kommunizieren. Er würdigte alle Kulturen und versuchte, sie zu verstehen. Er verfolgte keine Eroberung und keinen Zwang in seiner Mission, sondern versuchte zu verstehen und Zeugnis zu geben.
Dies ist ein wichtiger Punkt, der ihn von manchen westlichen Missionaren unterscheidet. Und hier sollten wir seine Stimme hören, die die Bedeutung des Kulturaustausches betont. Es ist klar, dass Gützlaff in diesem Bereich ein Pionier war. Es wäre schön, in den historischen Bewertungen des Missionars Gützlaffs dies neu zu würdigen und über seine Missionen neue Diskussionen zu führen. Da er uns 1832 mit dem Evangelium berührt hat, sind wir an der Reihe, seinen verborgenen Ruf und seine historische Bedeutung wieder ans Licht zu bringen.
In diesem Sinne ist die Lichtinstallation der Berliner Bethlehemskirche „Memoria Urbana“, die 2012 vom spanischen Künstler Juan Garaizabal in der Mitte von Berlin errichtet wurde, auch für uns Koreaner von großer Bedeutung. Ein berühmter Prediger dieser böhmisch-lutherischen Bethlehemsgemeinde war Johannes Jänicke, Gründer der ersten deutschen Missionsschule. Zu seinen wichtigen Zöglingen gehörte Karl Gützlaff. Darum hat meine presbyterianische Dongil-Gemeinde in Daegu eine Kopie dieses Werkes der „Memoria Urnana“, das ca. 5 Meter hoch ist, durch den Künstler Juan Garaizabal im Jahr 2016 auf der Insel Godaedo in Korea errichten lassen. Hier war Karl Gützlaff angekommen. Die Installation auf der Insel Godaedo ist eine Verbindung nach Berlin und eine tiefe Erinnerung an den ersten protestantischen Missionar und den ersten Deutschen Karl Gützlaff in Korea: „Er erweckte uns, jetzt erwecken wir ihn“.
Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 09/2019.
