Für die Franckeschen Stiftungen ist das Ziegenbalghaus zu einem wertvollen Ausleger ihrer internationalen Kultur- und Wissenschaftsarbeit geworden. Sie unterstützen den weiteren Ausbau hin zu einem lebendigen Zentrum des interkulturellen Austausches. Es werden Wechselausstellungen, Vorträge und Musikveranstaltungen angeboten, die von indischen und europäischen Touristen, deren Zahl in dem historisch bedeutsamen Küstenort seit Jahren wächst, gleichermaßen genutzt werden. Seit Kurzem organisiert das Ziegenbalghaus stadtgeschichtliche Rundgänge durch Tharangambadi. Im Obergeschoss des Gebäudes entsteht derzeit eine Bibliothek mit Literatur zur deutsch-indischen Geschichte sowie mit Digitalisaten historischer Quellen aus den Franckeschen Stiftungen wie etwa der Sammlung Hunderter Palmblattmanuskripte aus dem 18. Jahrhundert in Tamil und Telugu.
Durch die enge Zusammenarbeit mit dem Ziegenbalghaus können seitens der Stiftungen neue Projekte des interkulturellen Austausches erheblich einfacher initialisiert werden. Dazu gehört die Erforschung der gegenseitigen musikkulturellen Beeinflussung im Zuge der Dänisch-Halleschen Mission, für die ein eigenes DFG-Projekt geplant ist, sowie der mediale Austausch zwischen Kindern und Jugendlichen in den Bildungseinrichtungen der Franckeschen Stiftungen mit Gleichaltrigen in Südindien und nicht zuletzt die Auswahl und Vorbereitung von jungen Leuten in Südindien, die im Zuge des Süd-Nord-Austausches des Bundesprogrammes „weltwärts“ für ein Jahr in die Franckeschen Stiftungen kommen, um hier berufliche und kulturelle Erfahrungen zu sammeln, so wie es umgekehrt in westlichen Ländern schon seit mehreren Generationen üblich ist.
In Zusammenarbeit mit der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt werden 2019 zwei neue Projekte des interkulturellen Austausches durchgeführt. Zum einen reisen zwei Künstler für einen mehrmonatigen Aufenthalt nach Südindien. Deren Arbeiten werden anschließend sowohl im Ziegenbalghaus als auch in Halle gezeigt. Zum anderen wurde eine indische Künstlerin beauftragt, einen sogenannten Deutschlandschrank für das Museum in Tharangambadi zu entwerfen. Ausgangspunkt dafür bietet der historische Indienschrank in der Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Dieser Schrank wurde damals in der Absicht angelegt, den Stiftungszöglingen ebenso wie einem halböffentlichen Museumspublikum einen Eindruck von der südindischen Kultur zu vermitteln. Die Missionare hatten Gegenstände gesammelt, käuflich erworben oder als Geschenk erhalten, die sie für landestypisch, für interessant und bisweilen für kurios hielten. Für sich genommen waren die Objekte nicht von hohem materiellem oder kulturellem Wert, etwa der Fliegenwedel aus Pfauenfedern oder ein exotisch anmutendes Öllämpchen. Der besondere Wert dieser Objekte liegt vielmehr in den begleitenden Beschreibungen der Missionare, die den Zweck und Gebrauch erläuterten und so auch heute noch eine kulturgeschichtliche Einordnung ermöglichen. 300 Jahre später kommt nun die indische Künstlerin Asma Menon vice versa von August bis November dieses Jahres nach Deutschland, um in ihren Augen landestypische oder aus indischer Sicht kuriose Objekte zu sammeln und diese künftig in einem eigens hierfür zu konstruierenden Deutschlandschrank im Ziegenbalghaus dem indischen Museumspublikum zu präsentieren. Einerseits wird so die etablierte, meist männliche europäische Perspektive auf Südindien mit zeitgenössischen Stilmitteln gegenbetrachtet, andererseits entsteht ein kritischer Dialog über gegenseitige Wahrnehmungsmuster in Geschichte und Gegenwart.
Das Ziegenbalghaus im südindischen Tharangambadi begreift die facettenreiche Geschichte der Dänisch-Halleschen Mission als gemeinsames europäisch-indisches Erbe und setzt sich für dessen Bewahrung, Erforschung und Vermittlung als eine gemeinschaftliche Aufgabe ein, bei der alle Beteiligten ihre spezifischen Kompetenzen einbringen. Allen beteiligten Seiten muss dafür ein geeigneter Zugang zu den Überlieferungen ermöglicht werden, um sich damit sowohl selbstständig als auch in Kooperationen wissenschaftlich oder kulturell befassen zu können. Zum anderen muss als wichtigstes Ziel die gemeinschaftliche Bewahrung der Überlieferungen stehen. Letztlich handelt es sich bei allen historischen Überlieferungen immer um ein Stück des gemeinsamen kulturellen Menschheitserbes.
Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 09/2019.
