Nur ein Schaufenster in einem barocken Schloss?

Das Ethnologische Museum im Humboldt Forum

„Kann man den antagonistischen Widerspruch zwischen Innen und Außen, zwischen Funktion und Erscheinung produktiv machen oder zumindest verträglich?“, fragte Hartmut Dogerloh kürzlich und antwortete: „Ja, wenn man ihn selbst zum Thema macht, ihn erklärt, ihn räumlich und zeitlich verortet.“

 

Warum haben die Gründungsväter und Entscheidungsträger den künftigen Nutzern eine solche Aufgabe nicht aufgetragen? Unter den Mitgliedern der Internationalen Expertenkommission „Historische Mitte Berlin“ gab es ein Minderheitsvotum, das sich ausdrücklich gegen eine Nutzung als Humboldt Forum und Wiederaufbau eines Schlosses aussprach. So befand Franziska Eichstädt-Bohlig im Abschlussbericht, dass das Nutzungskonzept des Humboldt Forums und das von der Kommissionsmehrheit gewünschte Gestaltungskonzept mit der Rekonstruktion von drei Außenfassaden des Schlosses und den Schlüterhoffassaden nicht zusammenpassten, denn die Realisierung des Humboldt Forums brauche Raum für die ihr angemessene Architektursprache. Wenn allerdings das Hauptziel die Rekonstruktion des Hohenzollernschlosses sei, dann müsse sich das Nutzungskonzept in die bauliche Rekonstruktion einfügen.

 

Doch der Beschluss des Deutschen Bundestages von 2002/03 folgte der Mehrheit der Kommission und empfahl sowohl den Wiederaufbau des Schlosses als auch die inhaltliche Nutzung eines sogenannten Humboldt Forums, das die bedeutenden Sammlungen der außereuropäischen Kulturen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die wissenschaftsgeschichtlichen Sammlungen der Humboldt-Universität zu Berlin und die attraktiven Bestände der Zentral- und Landesbibliothek in sich vereinigen solle sowie eine hervorragende Ergänzung der benachbarten Museumsinsel darstelle.

 

Der Widerspruch wurde hingenommen, seine Lösung nicht als Auftrag für das Humboldt Forum formuliert. Als Veranstaltungsort und offenes Haus für die gesamte Bevölkerung aus Berlin und der Welt sollte es mehr sein als nur ein Museum. Gleichwohl sollten die Sammlungen aus Afrika, den Amerikas, Ozeanien und Asien sein „Rückgrat“ bilden und die Dahlemer Museen dafür sorgen, „die Welt in die Mitte Berlins“ zu transportieren. Stets war von einem Umzug des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst ins Schloss die Rede, wenngleich früh geklärt wurde, dass die Depots mit über 500.000 Objekten nicht auf dem Schlossplatz unterkommen können. Hartnäckig hielt sich das Gerücht, dass im Schloss weniger Ausstellungsfläche als in Dahlem zur Verfügung stehe, doch de facto wurde den beiden Museen gemäß der bis zu Beginn 2017 gültigen Planung sogar mehr Fläche zur Verfügung gestellt.

 

Seither hat sich viel geändert, zunächst wurden in dem Erdgeschoss und der ersten Etage die Nutzer ausgetauscht. Als die deutsche Bundekanzlerin 2016 ihre Befürchtung über ein „Völkerkundemuseum im Schloss“ äußerte und Gründungsintendant Neil MacGregor erste Ideen vorstellte, wurden auch die Dahlemer Museumsleute stutzig. Bislang lagen die Verantwortung für die Ausstellungskonzepte sowie die Oberhoheit über die Ausstellungsflächen bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, d. h. ihrem Präsidenten, dem Generaldirektor der Staatlichen Museen, den Museumsdirektoren und Kuratoren. In Zukunft werden sie an die neu gegründete Kultur GmbH übergehen. Der Beauftragte der Gründungsintendanz bezeichnet den Auftritt der beiden Dahlemer Museum im Humboldt Forum als ein „Schaufenster“.

 

Doch nicht nur die Museumsleute in Dahlem sind beunruhigt, auch Planer, Architekten, Baufachleute, Techniker und Gestalter, die sich seit 15 Jahren für dieses Projekt engagieren, zeigen sich alarmiert von den Änderungen, Eingriffen und Auslassungen. Kollegen im Ausland hingegen sind verwundert: „Ihr seid noch immer nicht fertig? Wird dieses bürokratische Ungetüm noch vollendet?“ Solche Aussagen kennt man in Berlin vom Bauprojekt Flughafen, doch das Humboldt Forum wurde stets als leuchtendes Gegenbeispiel propagiert.

 

Neue Strukturen, der Wechsel der inhaltlich Verantwortlichen vom Projektleiter Martin Heller zum Gründungsintendanten Neil MacGrgeor sowie neue Akteure führen zwangsläufig zu neuen Ideen und Konzepten. Martin Heller hatte neben der Attraktivität für ein breites Publikum den „permanenten Gegenwartsbezug“ betont. Museumsdirektor Neil MacGregor hingegen wurde als „Erzähler der ‚material culture‘“ vorgestellt, eine Funktion, die uns Kuratoren entgegenkam: Schon im ersten Konzept von 2008 hatten wir uns zum seinerzeit innovativen Aspekt des „Wechsels der Erzählposition“ verpflichtet. Wir wollten die übliche alleinige Deutungshoheit fest angestellter Kuratoren über „ihre“ Sammlungen mit externen Wissenschaftlern, Künstlern und insbesondere Vertretern der Gesellschaften der Herkunftsregionen der Sammlungen teilen. Mittlerweile ist multiperspektivisches Ausstellen in ethnographischen Museen Usus. Wie schwierig die Umsetzung ist, haben wir während des von Martin Heller initiierten Humboldt Lab Dahlem von 2012 bis 2015 gelernt. Einerseits erschien Partizipation im ungeliebten Humboldt Forum der Kultur- und Wissenschaftsszene Deutschlands wenig attraktiv, andererseits warteten Vertreter der Herkunftsgesellschaften in Amerika, Asien, Afrika und Ozeanien nicht scharf darauf, im fernen Berlin alte Objekte zu kuratieren.

 

Da permanente Aktualisierung den baulichen Erfordernissen eines Großprojekts zuwiderläuft, hatte ich seit 2001 flexible Ausstellungsmodule gefordert und wir haben bewusst keine Dauerausstellungen mehr geplant. Das Konzept des Ethnologischen Museums sieht neben flexiblen Ausstellungsmodulen „Treffpunkte“ zum längeren Verweilen, „Schausammlungen“, um in verdichteter Präsentation mehr Objekte als normalerweise üblich zu präsentieren, sowie über die gesamte Fläche verteilte „Juniorflächen“ vor. Dieser seinerzeit innovative Ansatz wird aktuell besonders gefördert und erheblich erweitert.

 

Die Planung der beiden Museen für die zweite und dritte Etage ist abgeschlossen. Neu ist der Wunsch der Gründungsintendanten, zugunsten zusätzlicher Wechselausstellungsflächen auf einige, den Kuratoren wichtige Ausstellungsthemen zu verzichten, wie Schönheitsideale in Ostafrika, fernöstliche Heilmethoden am Beispiel der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Dabei tickt die Zeitbombe, die Zeit bis zur Eröffnung 2019 verkürzt sich. Nach zwei Jahrzehnten Vorlauf nun mit Lücken zu eröffnen, trotz bis ins Detail geplanter, evaluierter und durchgerechneter Konzepte, wäre peinlich. Deshalb warnen Fachleute davor, dass Terminpläne nicht zu halten seien, wenn jetzt noch umgeplant wird. Dabei gibt es durchaus gestalterische Mängel auf einer gesamten Ausstellungsfläche von 17.000 Quadratmetern, über die wir Kuratoren nie glücklich waren. Dennoch muss sich jeder, der zu diesem Zeitpunkt Änderungen des Inhalts oder der Gestaltung fordert, fragen lassen, ob es das Ergebnis rechtfertigt, die Kosten zu steigern, zeitliche Verzögerungen oder Lücken in Kauf zu nehmen. Immerhin wurden die existierenden Konzepte nicht nur von lokalen, sondern auch externen Entscheidungsgremien evaluiert.

 

Im April 2011 hatten sich auf Vorschlag des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin knapp 50 Mitglieder des ersten internationalen und interdisziplinären Advisory Boards für das Humboldt Forum getroffen. Zwei von ihnen – Martin Heller und Neil MacGregor – wurden 2010 und 2015 mit der inhaltlichen Leitung beauftragt. Im Dezember 2010 stellte der damalige Kulturstaatsminister Bernd Neumann einen zweiten achtköpfigen Beraterkreis vor, darunter noch ein Mitglied des ersten Advisory Boards. Im September 2015 berief Kulturstaatsministerin Monika Grütters das dritte internationale Expertenteam des Humboldt Forums. Unter den neuen Experten waren nun überwiegend Kunsthistoriker. Aus dem ersten Advisory Board wurden zwei Experten gebeten, aus dem zweiten Expertenteam niemand. Die Mitglieder der Advisory Boards fragen nun: Haben sie die Erwartungen der Berliner Verantwortlichen nicht erfüllt?

 

Der leitende Gründungsintendant Neil MacGregor möchte die Ausstellungen des Humboldt Forums „in einer neuen Herangehensweise für epochen-, kultur- und fächerübergreifende ‚Humboldt‘-Themen öffnen. Besondere Schwerpunkte bilden die Verflechtungen von Natur- und Zivilisationsgeschichte sowie die Themen Globalisierung, Migration, Religion und Kolonialismus.“ Diese Schlagworte spezifizieren die „großen Menschheitsthemen“, die alle politisch Verantwortlichen in den vergangenen Jahren einforderten. In den Ausstellungskonzepten spiegeln sie sich in Beispielen, die sich mit Exponaten veranschaulichen lassen. Mit der „neuen Herangehensweise“ sind weitere Kooperationspartner angesprochen sowie die Integration von Exponaten aus anderen Berliner Sammlungen, z. B. dem Naturkundemuseum oder dem Botanischen Garten.

 

Während die neuen Wunschkandidaten für das Humboldt Forum ihre umfangreichen Hauptausstellungen weiterhin in ihren Stammhäusern betreiben, mussten die beiden Dahlemer Museen zu Beginn 2017 ihre Ausstellungen komplett schließen und sind dabei sie abzubauen. Die Flächen sollen anderen Nutzungen zugeführt werden. 12.000 Objekte werden für den Umzug fit gemacht. Bedauerlich ist, dass der 2012 diskutierte Plan, das Museum für Europäische Kulturen in das Humboldt Forum zu integrieren, aufgegeben wurde. Im dritten Obergeschoss, das nur Asien gewidmet ist, wäre dies durchaus realisierbar gewesen, scheiterte aber am vehementen Widerstand des Museums für Asiatische Kunst.

 

Als Ethnologen sehen wir unsere Aufgabe nicht darin, Besuchern das humboldtsche Weltbild nahezubringen, sondern vielmehr unterschiedliche „Weltverständnisse“ zu entschlüsseln und zu übersetzen. Dazu zählen Schönheits-, Heilungs- und Körperkonzepte ebenso wie Rituale, die die Welt in Balance halten. Deutsche Klischees wollen wir überwinden, es muss ohne Winnetou-Inszenierung gehen, vielmehr zeigen wir die schönen alten, aber fragilen Originale der Native Americans im Schaumagazin.

 

Museen mit Sammlungen aus europäischen Kontexten können auf Quellen zurückgreifen, die aus dem eigenen Kulturkreis stammen. Das Verständnis für Objekte aus anderen Kulturen setzt dagegen Decodierungsprozesse voraus. Das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst orientieren sich dabei an drei Leitgedanken: Multiperspektivität, Gegenwärtigkeit und Publikumsorientierung.

 

War es naiv, zu glauben, dass man in der Mitte Berlins, umgeben von europäischen Institutionen und Sammlungen, die europäische Perspektive auf den Kopf stellen könne? Laut sagt dies niemand, aber aktuelle Pläne und die Personalpolitik legen dies nah. Zahlt eines der bedeutendsten ethnologischen Museen der Welt einen zu hohen Preis für Schaufenster in einem barocken Schloss in der Mitte Berlins? Wer wird dort in Zukunft seine Interessen vertreten?

Viola König
Viola König ist Direktorin des Ethnologischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin.
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