Eine Hochzeit zweier Haltungen

Das Berliner Stadtschloss aus städtebaulicher Perspektive

Die kulturpolitischen Diskussio­nen rund um das im Berliner Stadtschloss beheimatete Humboldtforum sind brisant. Doch wie ist es aus städtebaulicher Perspektive zu beurteilen? Senatsbaudirektorin Regula Lüscher steht Rede und Antwort.

 

Theresa Brüheim: Frau Lüscher, was unterscheidet die Berliner Mitte von anderen Großstadtzentren?

Regula Lüscher: Die Geschichte. Berlin war lange eine geteilte Stadt, sodass es heute noch die Lesart gibt, Berlin wäre eigentlich eine doppelte Stadt. Viele Institutionen, insbesondere Kulturinstitutionen, sind hier zwei- bis dreifach vorhanden. Zum anderen ist die Berliner Mitte Teil einer polyzentralen Stadt, also einer mit mindestens zwei Zentren: der City West und der City Ost.

 

Wie verändert das Großbauprojekt Stadtschloss die Berliner Mitte – bzw. wie Sie gesagt haben – die City Ost?

Das Humboldtforum stärkt die Berliner Mitte und damit die City Ost in ihrer städtebaulichen Identität. Neben der Museumsinsel, die mit ihren Sammlungen inhaltlich herausragend ist und als UNESCO-Weltkulturerbe einen extrem hohen Stellenwert genießt, wird das Humboldtforum die Mitte als Architektur- und Kulturinstitution ergänzen. Es bekräftigt damit die stadt- und kulturpolitische Bedeutung der Berliner Mitte.

 

Muss diese Bedeutung auch gestärkt werden, weil die Berliner Mitte trotz Museumsinsel immer noch als leer gilt?

Ich bin nicht der Meinung, dass die Berliner Mitte leer ist. Ganz im Gegenteil: Sie ist unglaublich vielfältig und spiegelt die sehr bewegte, fragmentierte Geschichte der Stadt wider. Oder umgekehrt gesagt, die Geschichte Berlins macht den Städtebau sehr fraktal. So ist noch heute innerhalb des historischen Zentrums der Stadt, also der früheren Doppelstadt Berlin-Cölln, jede Zeitschicht erlebbar. Die ältesten natürlich nur noch sehr reduziert, vorwiegend durch archäologische Fenster und Grabungen. Die Berliner Mitte ist aber auch ein Ort des Wohnens – und zwar mittendrin. Am Rathausforum sind bezahlbare Wohnungen zu haben, das ist für eine europäische Stadt nicht selbstverständlich. Sie ist genauso ein Ort des Einzelhandels wie Anziehungspunkt für zehntausende Touristen. Und sie ist ein Ort des Wassers und des Landschaftsraums, ein grüner Ort. Ein Ort, wie es ihn sonst kaum in dieser Vielfalt gibt.

 

Welche Erwartungen haben Sie als Senatsbaudirektorin an das Stadtschloss?

Ich erwarte, dass das Stadtschloss mit dem Humboldtforum Berlins kosmopolitischen Aspekt und seine touristische Bedeutung nochmals stärkt. Die historische Mitte Berlins wird so noch weiter belebt werden. Zudem bringt das Humboldtforum durch seine besondere Konzeption den Aspekt der Hochkultur, der sonst nur auf ein bestimmtes Publikum ausgerichtet ist, einer breiten Öffentlichkeit nahe. So wandelt sich die Mitte in einen Ort für alle.

 

Sie haben 2015 auch das Bürgerbeteiligungsprojekt „Alte Mitte – neue Liebe?“ geleitet, das sich mit dem Areal zwischen Fernsehturm und Spree befasste. Welche Auswirkungen wird das Stadtschloss konkret auf dieses Gebiet, aber auch auf die benachbarte Museumsinsel haben?

Städtebaulich – das ist schon heute offensichtlich –  erzeugt das Humboldtforum im Kleide des Stadtschlosses mit seinem großen Volumen eine höhere bauliche Dichte. Dies führt aus meiner Sicht dazu, dass das Marx-Engels- und das Rathaus-Forum als öffentlicher, offener Raum ganz anders wahrgenommen werden. Ich könnte mir auch vorstellen, dass das Bedürfnis nach Erholungsraum nahe dem Wasser steigt und sich auch mehr Menschen, die das Humboldtforum besuchen, dort ausruhen wollen. Der Ort wird so noch stärker belebt, das ist ein großer Vorteil und geht Hand in Hand mit dem angesprochenen Prozess „Alte Mitte – neue Liebe?“. Sein Ziel war es, einen emotional anderen Zugang zu einem Raum zu finden, der von den Bürgerinnen und Bürgern Berlins sehr ambivalent wahrgenommen wird. Durch die starken Bautätigkeiten bietet er im Moment eine relativ niedrige Aufenthaltsqualität, das

wird sich in Zukunft aber

ändern.

 

Wie beeinflusst das Stadtschloss die Baukultur Berlins?

Das Stadtschloss steht für die sehr tiefe Sehnsucht der Berlinerinnen und Berliner, Bauten wieder zum Leben zu erwecken, die durch Kriege oder andere ideologische Konflikte zerstört wurden. Diese Sehnsucht muss zu einem gewissen Grad befriedigt werden. In den letzten zehn Jahren bemerkten wir jedoch eine Trendwende: Die jüngere Generation in Berlin steht der Geschichte viel offener gegenüber und hat ein anderes, unverkrampfteres Verhältnis zu den unterschiedlichen Bauwerken. Ob das die DDR-Moderne, die West-Moderne oder zum Teil auch die Nazi-Architektur ist – sie alle werden als selbstverständliche Zeitzeugnisse wahrgenommen. Gleichzeitig besteht das Bedürfnis, zeitgenössische Spuren zu hinterlassen – also neue Schichten hinzuzufügen, um auch die eigene Identität in der Stadt zu verwurzeln. In diesem Sinn ist das Humboldtforum für mich eine Hochzeit von zwei sehr unterschiedlichen Haltungen. Das Äußere ist eine qualitativ hochwertige Rekonstruktion. Gleichzeitig konnte durchgesetzt werden, dass die wirklichen historischen Spuren, nämlich die archäologischen Grabungen, als offenes Fenster ausgestellt werden und dadurch diese Rekonstruktion als eine Rekonstruktion des 21. Jahrhunderts erkannt werden kann. Das Innere ist von der zeitgenössischen Architektur Franco Stellas geprägt, die sich in keinster Weise der Barockarchitektur anbiedert, sondern ein eigenes Statement setzt. So schließt sie die inhaltliche Klammer zur Konzeption des Humboldtforums als Verweis auf das 21. Jahrhundert.

 

Welche Herausforderungen bringt es mit sich, das Äußere eines historischen Gebäudes dieses Ausmaßes zu rekonstruieren?

Das sind vor allem technische Herausforderungen, z. B. die qualitätsvolle Rekonstruktionen der Barockfassaden. Aber auch die Art des Bauens hat sich verändert. Heute errichtet man keine monolithischen Gebäude mehr, sondern Bauten, die eine Tragstruktur, eine Dämmschicht und eine quasi angeklebte Verkleidung haben. Das sind bauphysikalische und zugleich statische, bautechnische Herausforderungen. Und natürlich ist es eine Herausforderung, dass ein Schloss rekonstruiert wird, das im Sockelbereich quasi keinen Austausch mit dem öffentlichen Raum bietet. Heutzutage wird öffentlicher Raum ganz anders wahrgenommen und belebt. Im weiteren Verlauf wird es eine Gratwanderung sein, dass die Außenräume – und nicht nur die Hofräume – einen städtischen Charakter, eine Lebendigkeit erhalten. Aber das ist bei allen Bauwerken Herausforderung und Chance zugleich.

 

Wenn wir über die Außenräume reden, müssen wir auch über das Freiheits- und Einheitsdenkmal sprechen, was nun nach langen Diskussionen doch auf die Schlossfreiheit kommt. Wie beurteilen Sie das?

Aus städtebaulicher Perspektive sehe ich eine gewisse Gefahr, dass dieses sehr expressive Denkmal in Konkurrenz mit der Schaufassade des Schlosses treten könnte. Ich persönlich hätte mir einen etwas offeneren Begegnungsort gewünscht. Man hätte z. B. einfach den Sockel mit den historischen Mosaiken belassen und auf ihm einen Begegnungsort für Veranstaltungen oder repräsentative Empfänge inszenieren können.

 

Zum Abschluss noch eine Frage: Werden die Berliner – trotz aller finanzieller, inhaltlicher, politischer Kritik, die rund um das Stadtschloss und Humboldtforum laut geworden ist – es ab 2019 besuchen?

Ja. Erstens, weil es ein inhaltlich wahnsinnig interessanter Ort wird. Zweitens sind dem rekonstruierten Stadtschloss räumliche Dimensionen vorbehalten, die in einem zeitgenössischen Bau kaum entstanden wären. Das wird die Menschen auf jeden Fall begeistern.

Regula Lüscher und Theresa Brüheim
Regula Lüscher ist Senatsbau­direktorin und Staatssekretärin in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen Berlin. Theresa Brüheim ist Chefin vom Dienst von Politik & Kultur
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