Ein Bewusstsein für koloniales Unrecht

Für eine Auseinandersetzung mit Kolonialismus im Humboldt Forum

Am 3. Juni 2013 zeichneten zahlreiche postkoloniale, antirassistische und andere zivilgesellschaftliche Gruppierungen einen Appell „No Humboldt 21“. Sie empörten sich, dass mit dem Humboldt Forum durch eine „herabsetzende Form der Präsentation“ Europa „als überlegene Norm konstruiert“ werde. Das Konzept sei eurozentrisch und restaurativ. Es verletze „die Würde und die Eigentumsrechte von Menschen in allen Teilen der Welt“. Das Bündnis forderte ein Moratorium. Da dieses unterblieb, schloss es seither kategorisch jede Form der Mitwirkung und damit auch Gestaltungsmöglichkeit am Humboldt Forum aus.

 

Stattdessen nahmen Forderungen nach einem zentralen Gedenkort für die Opfer des Kolonialismus zu. Dieser soll, wie zahlreiche dezentrale postkoloniale Aktivitäten und Formen des Gedenkens, die Konsequenzen deutscher und damit auch europäischer kolonialer Gewaltgeschichte thematisieren. Als Initiativgruppe „Gedenkort für die Opfer des deutschen Kolonialismus im Humboldt Forum“ sind wir Anfang Januar 2019 an die Öffentlichkeit getreten. Wir wollen damit ein Bindeglied schaffen und das Humboldt Forum in die Pflicht nehmen, ähnlich gestaltend zu wirken. Damit werden die weitergehenden Forderungen weder relativiert noch obsolet, sondern ergänzend gestärkt. Die überfällige Rückgabe aller in kolonialen Unrechtskontexten geraubter Objekte bleibt hiervon unberührt. Der Gedenkort wäre ein weiteres Element postkolonialer Erinnerungskultur.

 

Unser Anliegen, dass sich das Humboldt Forum am zentralen Ort des Deutschen Kaiserreichs der Verantwortung für koloniales Unrecht und seinen Folgen bis in die Gegenwart stellen möge, hat einen direkten Bezug für die künftige Entwicklung des Forums. Wir sind überzeugt, dass sein ambitionierter Anspruch, den Dialog der Weltkulturen zu fördern, nur verwirklicht werden kann, wenn sich die deutsche Seite selbstreflexiv und proaktiv mit den Schattenseiten der geschichtlichen Rolle Deutschlands in anderen Weltregionen befasst. Die internationale Ausstrahlung und Attraktivität des Humboldt Forums ist somit unauflösbar mit der Frage verknüpft, ob bzw. in welcher Form dort koloniale Erinnerungskultur praktiziert wird.

 

Unser per Twitter verbreiteter Aufruf führte zu einer neuen Debatte um geeignete Formen des Umgangs mit musealer Erinnerungsarbeit in Zusammenhang mit kolonialen Exponaten, die im öffentlichen Raum sonst so nicht stattgefunden hätte. Zahlreiche positive Reaktionen von Menschen unterschiedlichster Herkunft dokumentierten, dass wir ein Bedürfnis artikulierten, das – auch bei vielen kolonialkritisch engagierten Wissenschaftlern an deutschen Universitäten – Zustimmung findet. Einige namhafte Personen des öffentlichen Lebens erklärten ebenfalls ihre Unterstützung. Als binnen eines Monats etwa 200 Unterzeichnende bekräftigten, dass eine Bearbeitung kolonialer Gewaltverhältnisse gerade auch im Humboldt Forum Platz finden müsse, beendeten wir die öffentliche Aktion. Unser Ziel, einen Anstoß zur historisch kontextualisierten Ausgestaltung des Humboldt Forums als Teil eines bundesweiten Gesamtkonzepts gegeben zu haben, war erfüllt.

 

Mit Hermann Parzinger hat auch der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz seine Unterstützung erklärt und festgestellt: „Auf die zunehmende Aktualität der deutschen Kolonialgeschichte in unserer Öffentlichkeit muss das Humboldt Forum reagieren.“ Wir sollten ihn beim Wort nehmen, denn trotz aller Grundsatzkritik wird es das Humboldt Forum geben. Besuchende werden mit Kulturgütern konfrontiert, die an die gewaltsame Ausbreitung Europas und die Unterwerfung und Ausbeutung großer Teile der Welt und der dort lebenden Menschen erinnern. Es gibt Gestaltungsmöglichkeiten, die Gewaltgeschichte zu reflektieren und die Restitution von Raubgut zu thematisieren. Dies eröffnet Chancen zur Sensibilisierung – auch für die weitergehenden Forderungen postkolonialer Initiativen. Wir wollen damit keinen Ersatz für diese schaffen, sondern einen Schritt zu deren Verwirklichung tun.

 

Die Rückgabe der Witbooi-Bibel und Peitsche durch das Linden-Museum in Stuttgart war ein spektakulärer erster Schritt von großer symbolischer Bedeutung, hin zu einer umfassenden Restitution geraubter Kulturgüter. Weshalb soll eine Signalwirkung nicht auch von einem Gedenkort im Humboldt Forum ausgehen? Dieses als Schandmal abzutun, verpasst eine Möglichkeit, Besuchende zu sensibilisieren. Ausgerechnet an einem Ort, der sich anbietet, Bewusstsein für koloniales Unrecht und dessen anhaltende Wirkung zu wecken und zu vertiefen.

 

Unser Vorschlag richtet sich nicht nur an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz – Ethnologisches Museum, Museum für Asiatische Kunst –, sondern auch an das Stadtmuseum Berlin und die Humboldt-Universität als ebenfalls beteiligte Institutionen. Es ist erfreulich, dass diese ihre Mitwirkung am Forum im Sinne einer kolonialen Erinnerungskultur gestalten wollen.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 04/2019.

Henning Melber, Johanna Ridderbeekx, Michael Zschiegner und Thomas Fues
Henning Melber, Johanna Ridderbeekx, Michael Zschiegner und Thomas Fues sind Initiatoren des Aufrufs "Gedenkort für die Opfer des deutschen Kolonialismus im Humboldt Forum".
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