Das Freiheits- und Einheitsdenkmal wird kommen, so oder so

Der Baustopp ist nicht das Ende des Denkmals. Er bietet die Chance für einen neuen Diskurs

Anders als das Holocaust-Mahnmal, das an das schrecklichste Verbrechen in der deutschen Geschichte erinnern soll, soll das Freiheits- und Einheitsdenkmal die positive Seite, die Vereinigung der beiden deutschen Staaten in Erinnerung rufen. Beide Denkmale werden oft in einem Atemzug genannt und als Pendant gesehen: Auf der einen Seite der unbegreifliche Gewaltexzess der Schoah und auf der anderen die Freude und das Ende des Kalten Kriegs durch die friedliche Revolution. Sie sind also unmittelbar aufeinander bezogen und bilden eine inhaltliche und eine Erinnerungsklammer. Und beide sind schwierige Denkmale.

 

Denn trotz aller Besuchererfolge bleibt für mich die Frage, wie kann man in einem Denkmal der Ungeheuerlichkeit der Ermordung von sechs Millionen Juden gedenken. Dies auch vor dem Hintergrund, dass in der Nachfolge des Denkmals für die ermordeten Juden Europas Erinnerungsstätten für andere Opfergruppen des Nationalsozialismus wie Sinti und Roma, Homosexuelle und zuletzt psychisch Kranke und Behinderte errichtet wurden und ein seltsamer touristischer Erinnerungswanderweg entstanden ist.

 

Dieser dunkelsten Seite unserer Geschichte soll nun ein Denkmal gegenübergestellt werden, in dem der Freiheit, der Einheit und der friedlichen Revolution von 1989 gedacht wird. Abgesehen davon, dass einem oft der Schrecken eher in Erinnerung bleibt als die Freude, stellt sich auch hier die Frage nach der angemessenen Form. Sicherlich, eine Jury hat nach einem nicht einfachen Wettbewerb einen Sieger gekürt. Der Auftrag wurde erteilt und seit einigen Jahren wird an dem Denkmal „herumgewerkelt“. Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags hat nun wegen deutlicher Kostensteigerungen die Reißleine gezogen und den Bau gestoppt. Der Baustopp, so bedauerlich er in den Augen der Initiatoren des Denkmals auch ist, ist in meinen Augen eine Chance. Eine Chance, um über die angemessene Form des Erinnerns noch einmal nachzudenken.

 

Vielleicht war es bei aller Wertschätzung gegenüber den damaligen Protagonisten für das Einheits- und Freiheitsdenkmal noch zu früh, um eine adäquate Form der Erinnerung zu finden. Schon beim Berliner Schloss, das einmal das Humboldt-Forum beherbergen soll, zeigte sich, dass die Volksvertreter zwar was von Politik aber nicht von zeitgenössischer Architektur verstehen. Wie gut hätte es der deutschen Hauptstadt angestanden, ein Museum an diesem zentralen Platz in herausragender moderner Architektur zu bauen. Doch dies ist nun zu spät, so wird leider ein modernes Gebäude mit einer Erinnerungsfassade verhängt, die nicht gerade die besten Zeiten der deutschen Geschichte präsentiert. Und in unmittelbarer Nähe des Schlosses das Freiheits- und Einheitsdenkmal eine weitere Geschichtsklammer, die nur misslingen konnte und bei der Umsetzung des Entwurfs tatsächlich an Grenzen stößt.
Neben der ästhetisch zumindest diskussionswürdigen Entscheidung für das Freiheits- und Einheitsdenkmal erscheint mir aber noch ein weiterer Aspekt von zentraler Bedeutung. Es geht unter anderem um die Deutungshoheit der friedlichen Revolution, um die Wertung von Lebensentwürfen, um das Gewinnen von und das Scheitern an Freiheit. Darum sind Geschichten über die friedliche Revolution, über ihre Protagonisten von so großer Bedeutung. Ein solches Narrativ bleibt der bisherige Entwurf des Freiheits- und Einheitsdenkmals schuldig und vielleicht konnte er darum auch so relativ sang- und klanglos „versenkt“ werden.

 

Das vorläufige Scheitern kann aber auch eine Chance für einen Neustart der Diskussion über das Erinnern an die Freiheit und Einheit sein. An dieser Diskussion sollten sich möglichst viele, auch der seinerzeit Beteiligten, beteiligen, sodass der Diskurs bereits ein wichtiger Teil der Erinnerungskultur wird und einem angemessenen Freiheits- und Einheitsdenkmal den Weg bereitet. Der Baustopp ist nicht das Ende des Denkmals. Das Freiheits- und Einheitsdenkmal wird kommen, so oder so.

 

Der Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 06/2016.

Olaf Zimmermann
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur
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