„Mit der Gewerkschaftsjugend kann man sein Thema zum Thema machen“

DGB-Bundesjugendsekretärin Manuela Conte im Gespräch

Sie kommen ursprünglich aus der IG Metall, haben dort ein Trainee-Programm absolviert und sich engagiert. Was hat Sie motiviert, sich in einer Gewerkschaft zu engagieren.
Nach der Schule habe ich eine kaufmännische Ausbildung bei der Deutschen Bahn gemacht. Dort habe ich mich schnell in der Gewerkschaft und der Jugend- und Auszubildendenvertretung engagiert. Zu dieser Zeit gab es bei der Bahn massive Umbrüche im Zuge der Privatisierung. Ich bin damals in die Gewerkschaft eingetreten, weil ich gesehen habe, wie sich die Veränderungen auf die Belegschaft ausgewirkt haben. Personalabbau, massive Einschnitte bei Ausbildungsplätzen, nur noch wenige fertig ausgebildete Jugendliche haben keine Anschlussbeschäftigung bekommen. Außerdem waren die Zustände an der Berufsschule unzumutbar. Schimmel an den Wänden und zu wenig Lehrpersonal waren schon damals Probleme. In der Gewerkschaft konnte ich mich mit Jugendlichen auch aus anderen Betrieben und Branchen vernetzen und austauschen. Gemeinsam haben wir einige Verbesserungen auch in meinem Ausbildungsbetrieb erreicht. Wir konnten Ausbildungsplätze erhalten und fertig ausbildeten Jugendlichen einen Arbeitsplatz im Konzern sichern. Mit meiner Arbeit habe ich die Möglichkeit, politische Themen nach vorne zu bringen, die den jungen Menschen und mir persönlich sehr wichtig sind.

 

Zurzeit sind ca. 500.000 Menschen bis 27 Jahre beim DGB engagiert. Was fordert die Gewerkschaftsjugend – auch aktuell in der Coronakrise?
Schon vor der Krise war für viele junge Menschen Unsicherheit ein ständiger Begleiter. Es fängt an bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz, dem Druck, das Studium in der Regelstudienzeit abschließen und obendrein auch noch mit einem Niedriglohnjob das Leben finanzieren zu müssen. Und es geht für viele weiter mit Kettenbefristungen. Berufseinsteiger hangeln sich nach ihrer Ausbildung von einer Befristung zur nächsten. Allesamt schlechte Voraussetzungen, um die Zukunft zu planen, um eine Familie zu gründen.
Mit Corona verschärft sich die Situation nun noch einmal. In Krisenzeiten sind gerade junge Beschäftigte stark von Arbeitslosigkeit betroffen. Sie werden in überdurchschnittlich hohem Maße befristet beschäftigt und sind damit die Ersten, die ihren Job verlieren werden. An deutschen Hochschulen studieren 2,9 Millionen Studierende, rund 120.000 von ihnen arbeiten dort zugleich als studentische Beschäftigte. Studierende müssen sowohl um ihre Existenzsicherung in der Krise als auch um den geregelten Abschluss des von ihnen gewählten Bildungsweges fürchten. Die mehr als 1,3 Millionen Auszubildenden in Deutschland sind keine regulären Arbeitnehmenden, sondern dringend benötigte Nachwuchskräfte, sie sollen und wollen einen Beruf erlernen. Es darf keine Generation Corona geben.
Wir sagen: Die Betriebe müssen wieder mehr und gut ausbilden. Die Studierenden brauchen ein BAFöG, das zum Leben reicht. Generell muss Schluss sein mit den Befristungen nach der Ausbildung.

 

Welche Rolle nimmt die Jugend in den einzelnen Gewerkschaften ein? Welche Position kommt der Jugend dann im DGB zu?
Die DGB-Jugend ist ein Jugendverband mit demokratischen Entscheidungsstrukturen. Sie ist Teil des Deutschen Gewerkschaftsbundes und Dachverband der Jugendorganisationen der acht Mitgliedsgewerkschaften. Die DGB-Jugend setzt sich aus den Jugendorganisationen der DGB-Mitgliedsgewerkschaften zusammen. Sie hat demokratische Entscheidungsstrukturen von unten nach oben, sowohl in den Mitgliedsorganisationen als auch auf der Ebene
des Dachverbandes. Die Jugendorganisationen der Mitgliedsgewerkschaften bestimmen die Inhalte, Aufgaben und Formen der Arbeit in der DGB-Jugend.
Als Jugendorganisationen, die sich um die Interessen junger Menschen im Zusammenhang mit Ausbildung, Praktikum und Job kümmert, sind wir die junge Stimme in den Gewerkschaften. Mit unseren Themen und unseren modernen Formaten gelingt es uns häufig, Impulse in die Gesamtorganisation zu tragen.

 

Wie engagiert sich die DGB-Jugend für faire Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen?
Kurz gesagt: Wir bringen die betrieblichen Themen in die Politik und politische Handlungsfelder in den Betrieb. Während die DGB-Jugend auf Bundesebene die Gespräche mit politischen Entscheidungsträgern in Berlin und die Unterstützung zum Beispiel im Deutschen Bundesjugendring organisiert, nehmen wir in den Regionen die politischen Akteure in die Verantwortung, wo sie zu Hause sind.
Das Engagement vor Ort ist entscheidend. Ob mit kreativen, öffentlichen Aktionen und Diskussionsformaten, Themensetzung auf Betriebs- sowie Jugend- und Ausbildungsversammlungen, gemeinsamen JAV-Konferenzen und Betriebsbesichtigungen mit Gästen aus der Politik werden die Themen der jungen Leute in die Öffentlichkeit und die Politik getragen. Zuletzt wurden digitale Gesprächsrunden mit den Jugendlichen aus den Betrieben mit den Mitgliedern des Bundestages aus dem jeweiligen Wahlkreis organisiert und die Forderungen der Auszubildenden in der Krise diskutiert. Die Jugendlichen gehen mit den verantwortlichen Politikerinnen und Politikern vor Ort in einen direkten inhaltlichen Austausch, um ihnen klarzumachen, was ihnen wichtig ist. Die Politik lernt so gewerkschaftliche Arbeit anders kennen. Sie erfährt aus erster Hand, was ihr Handeln für die Jugendlichen bedeutet. Es geht um den Menschen – das wirkt.

 

Vielen Dank.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 11/2020.

Manuela Conte & Theresa Brüheim
Manuela Conte ist Bundesjugendsekretärin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Theresa Brüheim ist Chefin vom Dienst von Politik & Kultur.
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