Die Kraft des Kinos

Wieder geöffnet: Wie ist es aktuell um die Lichtspielhäuser bestellt?

Schauen wir auf die letzten anderthalb Jahre zurück, fährt einem immer wieder der Schrecken in die Glieder. Nicht nur die finanzielle Notlage wiegt schwer, sondern auch die emotionale Last war kaum zu ertragen. Wie sagte ein Kinobetreiber: „Selbst im Zweiten Weltkrieg waren wir in der Not für die Menschen da, bei uns konnten sie der Realität entfliehen“, diesmal nicht. Corona hat die Kinos als Begegnungsstätte lahmgelegt, es machte sich das Gefühl breit, nicht systemrelevant zu sein, und der vermeintlich größte Gegner „Streamingdienste“ schöpfte aus dem Vollen.

 

Den wirtschaftlichen Verlust im Jahr 2020 von über eine Milliarde Euro können die Kinos nicht wieder wettmachen, auch wenn die Fördermaßnahmen der Politik sie durch die Pandemie getragen haben. Aber ohne die flächendeckende Unterstützung des Bundes und der Länder hätten wir heute keine Kinolandschaft mehr, niemand hätte überlebt. Damit wird klar, dass Corona unser stärkster Gegner ist, den wir je hatten. Oberflächlich gesehen, könnte man meinen, wir gehen geschwächt aus der Krise. Schaut man genauer hin, wird sichtbar, dass das Kino durch Corona auch eine neue Chance bekommen hat oder gar gestärkt ist. Um dies zu verstehen, hilft ein kurzer Blick zurück.

 

Bis 2017 verkauften die Kinos jährlich über 120 Millionen Tickets, 2018 nur noch 105,4 Millionen. Für viele schien dies der Abstieg der Kinos in Deutschland zu sein und ein klares Indiz dafür, dass sich das Publikum vom Kino weg hin zu den Streamingdiensten wendete. Im folgenden Jahr konnten sich die Besucherzahlen mit 118,6 Millionen verkauften Tickets zwar wieder erholen, aber die wirtschaftliche Lage wurde schwieriger. Vor allen Dingen war Kino bei der breiten Bevölkerung nicht mehr „en vogue“, man sprach nur noch über die neuesten Serien und rühmte sich, die Nacht damit verbracht zu haben. Sie waren attraktiver in ihrer Erzählweise.

 

Endlich konnte man Filme und Serien nun nicht mehr nur sehen, wann, sondern auch wo man wollte. Dem Zuschauer schien es nicht mehr relevant, wie groß der Bildschirm war. Ob auf Tablets oder Mobiltelefonen – ihm war jedes Medium recht – Hauptsache, selbstbestimmt.

 

Zusätzlich wurde die Exklusivität der Auswertung im Kino immer stärker angegriffen, es war das bestimmende Thema in der Kinobranche. Es entbrannte ein regelrechter Kampf um die Dauer der Exklusivität für das Kino. Denjenigen, die an einem langen Auswertungsfenster festhielten, wurde Rückständigkeit vorgeworfen. Diejenigen, die zeitgleich mit den Streamingdiensten Filme zeigten, wurden als Verräter beschimpft.

 

Die Pandemie hat nun vieles beschleunigt, auch für die Streamingdienste. Die Menschen haben anderthalb Jahre zu Hause vor dem Fernseher gesessen und sich alles angesehen, was auf den Plattformen angeboten wurde. Damit ist der neuartige Zauber des Streamings verpufft! Das Publikum möchte Filme jetzt wieder als Event genießen und außerhalb der eigenen vier Räume erleben. Dies ist eine echte Chance für das Kino, da nur im Kinosaal ein Film ohne Ablenkung mit vielen Menschen gemeinsam erlebt werden kann. Ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Bereits vielfach wurde in der Presse die Sehnsucht der Menschen nach einer Reduzierung multisensorischer Einflüsse thematisiert. Hier setzt das Kino an, kann seine Chance ergreifen und wieder Trends setzen.

 

Deutlich ist der Kampf um die Exklusivität des Kinofensters wieder in den Mittelpunkt gerückt. Gab es bisher – auch für die Blockbuster – ein „Gentlemen Agreement“, welches besagt, dass Filme erst nach 120 Tagen auf den Streamingplattformen gezeigt werden, wurden diese Absprachen mit der Öffnung der Kinos einseitig aufgekündigt. Nicht alle Kinos haben dies mitgetragen und diese Filme z. B. nicht ins Programm genommen. Langsam wird aber allen Beteiligten klar, dass ein starres Festhalten an alten Strukturen nicht in die Zukunft führen kann. Ein flexibleres, aber planbares Kinofenster wird von den Kinos gefordert, und man tritt in den Dialog. Auch eine gelernte Praxis aus der Pandemie.

 

Auch kulturpolitisch sollten wir von der Pandemie lernen, da dort offensichtlich wurde, dass Kultur bei einem Angebot für eine breitere Masse aufhört. Die Trennung in U & E – unterhaltsam und ernst – ist allgegenwärtig und hat dazu geführt, dass Fördergelder während der Schließung ungleich verteilt wurden. Dabei ist es gerade in diesen Zeiten, wo der Rechtsdruck größer zu werden scheint, wichtiger denn je, alle Menschen mit der Kultur abzuholen. So müssen wir endlich verstehen, dass Kinder ihren ersten Kontakt zum Kino meist bei einem Mainstream-Film haben, weil sie Spaß wollen. Hier sollten wir mehr in die Kraft des Kinos vertrauen. Denn wer ein gutes Kinoerlebnis hatte, kommt wieder und wird ganz natürlich zum anspruchsvollen Film geführt, weil er neugierig geworden ist. Neugierig auf Kultur!

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 09/2021.

Christine Berg
Christine Berg ist Vorstandsvorsitzende des HDF KINO.
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