- Der Staat ist nicht allmächtig – Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik
- Schwerpunkt in Politik & Kultur September 2025
- Einladung: Podiumsdiskussion mit dem Goethe-Institut am 16. September 2025
- Weite und Enge: Die Vor- und Nachteile des Künstlerlebens auf dem Land
- Zum Nachhören: „Kulturgeschichte: Computer in der DDR“ auf der gamescom 2025
- Kulturportrait: Klaus Stuttmann
- Text der Woche: „Nicht einmal mehr Italien“ von Johann Michael Möller
Sehr geehrte Damen und Herren,
die Stärke der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik ist ihre inhaltliche Unabhängigkeit und ihre Verortung im kulturellen Geschehen in Deutschland und in den Ländern, in denen sie arbeitet.
Die Präsentation von Kultur aus Deutschland ist dabei ein ebenso wesentlicher Aspekt wie die Vermittlung der deutschen Sprache, die insbesondere in den Deutschen Auslandsschulen und durch das Goethe Institut erfolgt. Kulturaustausch bedeutet aber ebenso das Gespräch mit Künstlerinnen und Künstlern in den Ländern, in denen Auslandsinstitute und Künstlerresidenzen bestehen. Lange schon gehört zu den Residenzprogrammen beispielsweise in der Villa Massimo oder anderen deutschen Künstlerresidenzen, dass die Künstlerinnen und Künstler ihre Arbeiten dort präsentieren, dass sie ihre Arbeit zur Diskussion stellen und in den Diskurs mit ihren Kolleginnen und Kollegen treten. Mindestens genauso wichtig ist, dass Künstlerinnen und Künstler aus den unterschiedlichen Ländern ihre Werke in Deutschland zeigen. Dies gehört ebenso wie gemeinsame Forschungsvorhaben oder Ausstellungsprojekte zur Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik und geht weit über die Aktivitäten von großen Playern wie der Stiftung Preußischer Kulturbesitz hinaus, die weltweit vernetzt ist und mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Ländern zusammenarbeitet. Im Zusammenhang mit der Diskussion um die Restitution von Kulturgut aus kolonialen Kontexten ist die Kapazitätsbildung im Museumsbereich eine wesentliche Fragestellung. Hier geht es um Beratungsleistungen für Museen beispielsweise auf dem afrikanischen Kontinent.
Neben den großen Institutionen wie beispielsweise dem Goethe Institut, dem DAAD, dem Institut für Auslandsbeziehungen, der Deutschen Welle und anderen mehr gibt es auch zahlreiche Vereine und Organisationen, die zwar nicht die gleiche Reichweite haben, sich gleichwohl intensiv und nachhaltig engagieren. Zu denken ist etwa an Städtepartnerschaften. Sie leben von Begegnungen der Bürgerinnen und Bürger. Dazu gehören zum Beispiel auch gegenseitige Besuche von Laienchören, Austausch von Ausstellungen eher regional bekannter Künstlerinnen und Künstler und vieles andere mehr. So manche Schulpartnerschaft ist aus einer Städtepartnerschaft erwachsen. Gerade die Städtepartnerschaften können weltweit Verbindungen schaffen. Sie leben neben der institutionellen Partnerschaft, die über die Stadtoberhäupter gepflegt werden, in besonderem Maße vom bürgerschaftlichen Engagement. Das ist ihre Stärke und Schwäche zugleich. Stärke, weil sie von der Begegnung und dem Engagement der Menschen lebt. Schwäche, weil es oftmals schwer ist, Kontinuität zu gewährleisten.
Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik braucht Verlässlichkeit und eine sichere Finanzierung. Es dauert oftmals Jahre, bis Vertrauen aufgebaut wurde und verlässliche Verbindungen bestehen. Es ist daher zentral, dass über Legislaturperioden hinausgehend das feine Geflecht der verschiedenen Akteurinnen und Akteure der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik gepflegt und unterstützt wird. Nur so ist eine dauerhafte Kooperation mit den verschiedenen Partnern im Ausland möglich.
Das besondere Kennzeichen der deutschen Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik ist, dass sie im Kern staatsfern organisiert ist. Die Goethe Institute sind eben keine Instituts Français, die den französischen Staat repräsentieren. Die Deutsche Welle ist kein Staatssender, sondern ein staatsferner öffentlich-rechtlicher Rundfunk. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) ist nicht staatlich gelenkt, sondern lebt die im Grundgesetz garantierte Wissenschaftsfreiheit. Die Kirchen machen im In- und Ausland ihr Ding, selbstverständlich in eigener Verantwortung. Der Jugendaustausch im Deutsche-Französischen und Deutsch-Polnischen Jugendwerk ist eingebunden in die Arbeit der jugendpolitischen zivilgesellschaftlichen Vereine und Verbände.
Städtepartnerschaften sind Aktivitäten der einzelnen Kommunen im Rahmen ihrer kommunalen Selbstverwaltung. In den deutschen Künstlerresidenzen im Ausland arbeiten Künstlerinnen und Künstler für einen abgegrenzten Zeitraum. Ausgewählt werden sie von unabhängigen Fachjurys, nicht von Ministerien oder Botschaften.
Die Staatsferne der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik ist ihre Stärke. Ja, die meisten Akteure der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik werden staatlich gefördert. Sie sind zwar Zuwendungsempfänger des Auswärtigen Amtes, des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt, des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend oder des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, aber von Weisungen unabhängig. Sie sind keine Auftragnehmer, die einen bestimmten festumrissenen Auftrag erfüllen müssen, sondern sie definieren eigenständig ihre Aufgaben und verhandeln dann mit den Zuwendungsgebern über die Bereitstellung der dafür notwendigen finanziellen Mittel.
Doch diese Unabhängigkeit ist in Gefahr. Immer öfter wird in der auswärtigen Kultur- und Bildungsarbeit von staatlichen Stellen kleinteilig in die Arbeit eingegriffen, es werden immer öfter weitreichende Vorgaben gemacht. So mancher Zuwendungsgeber gibt allzu deutlich zu verstehen, dass er, da er am Geldhahn sitzt, auch die Inhalte bestimmen will. Doch verkennt ein solches Vorgehen die Stärke und das Potenzial unabhängigen Handelns zivilgesellschaftlicher Organisationen, und es gefährdet unser demokratisches Gemeinwesen, das dem Staat gerade keine Allmacht zubilligt.
Die zivilgesellschaftlichen Akteure der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik pflegen Kontakte zu Organisationen vor Ort, sie kennen die Kulturszene in anderen Ländern, sie sind verbunden mit Universitäten und Hochschulen weltweit, sie arbeiten kollegial miteinander, sie fußen auf bürgerschaftlichem Engagement und vor allem haben sie noch Gesprächskanäle, wenn die politische Zusammenarbeit zwischen Staaten schwierig ist.
Die sehr unterschiedlichen Institutionen der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik tragen zum Bild Deutschlands in der Welt bei. Eines demokratischen Deutschlands. Wir können stolz darauf sein, dass unser Staat nicht allmächtig ist! Wir müssen sicherstellen, dass das so bleibt.
Ihr
Olaf Zimmermann
Geschäftsführer des
Deutschen Kulturrates
2. Schwerpunkt in Politik & Kultur September 2025
Im Schwerpunkt der September-Ausgabe von Politik & Kultur geht es um die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik (AKBP). Wie hat sich diese im Lauf der Zeit verändert, welche Schwerpunkte wurden gesetzt? Wichtige Akteure wie das Goethe-Institut, das Institut für Auslandsbeziehungen, die Deutsche Welle und viele andere stellen sich und ihre Arbeit vor. Die Ausgabe wirft auch einen Blick auf die europäische Dimension der Kultur- und Bildungspolitik.
Autorinnen und Autoren sind:
- Armin Laschet, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Deutschen Bundestag
- Gesche Joost, Präsidentin des Goethe-Instituts
- Peter Limbourg, Intendant der Deutschen Welle
- Barbara Haack, Chefin vom Dienst von Politik & Kultur
- Daniela Schwarzer, ehrenamtliche Präsidentin des ifa – Institut für Auslandsbeziehungen
- Joybrato Mukherjee, Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und Rektor der Universität zu Köln
- Sandra Winzer, Journalistin
- Barbara Gessler, Leiterin der Vertretung der Europäischen Kommission in Berlin
- Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts
- Bischof Frank Kopania, Theologischer Vizepräsident und Leiter der Abteilung Ökumene und Auslandsarbeit im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland
- Msgr. Peter Lang, Leiter des Katholischen Auslandssekretariats der Deutschen Bischofskonferenz
- Thilo Klingebiel, Geschäftsführer des Weltverbands Deutscher Auslandsschulen (WDA)
- Sönke Lentz, Orchesterdirektor des Bundesjugendorchesters und Bereichsleiter Orchester im Deutschen Musikrat
- Sven Scherz-Schade, freier Kulturjournalist
- Cathérine Lisa Schleicher, Fachbereichsleitung Internationales, Europa und Protokoll der Stadt Mannheim
- Tosin Stifel, Leiter der Abteilung Dialoge des ifa – Institut für Auslandsbeziehungen
- Silke Krummel, Geschäftsführerin und Sprecherin der Geschäftsführung der Agentur für Internationale Museumskooperation gGmbH
- Juliane Zellner, Geschäftsführerin des Internationalen Theaterinstituts (ITI)
- Patrick Bahners, Korrespondent des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Nordrhein-Westfalen
- Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur
Hier finden Sie alle Texte des Schwerpunktes
3. Einladung: Podiumsdiskussion mit dem Goethe-Institut am 16. September 2025
Ich lade Sie herzlich zur gemeinsamen Veranstaltung des Goethe-Instituts und des Deutschen Kulturrats zum Thema „Bedeutung und Ausrichtung der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik in der 21. Legislaturperiode“ ein. Neben der Vorstellung unseres Schwerpunkts in der neuen Spetember-Ausgabe von Politik & Kultur dreht sich alles um die Fragen, welche Ziele und Schwerpunkte die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik (AKBP) für Deutschland künftig verfolgen sollte? Welche Allianzen, Akteure und Strukturen braucht eine zukunftsgerichtete AKBP in Deutschland und der Welt?
Nach der Begrüßung durch Prof. Dr. Gesche Joost, Präsidentin des Goethe-Instituts, und dem Präsidenten des Deutschen Kulturrates Prof. Christian Höppner folgt ein Impuls von Staatsministerin Serap Güler, MdB, zu „Sicherheit, Freiheit, Wohlstand – Chancen und Aufgaben deutscher Kulturdiplomatie im aktuellen Umfeld“.
Im Anschluss diskutieren auf dem Podium:
- Johannes Volkmann, MdB (CDU/CSU)
- Nancy Faeser, MdB (SPD)
- Claudia Roth, MdB (Bündnis 90/Die Grünen)
- Maren Kaminski, MdB (Die Linke)
Abschließend sprechen Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts und Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates über Erkenntnisse und Ausblicke.
Moderation: Vladimir Balzer (Deutschlandfunk).
- Termin: Dienstag, 16. September 2025, 18.30 Uhr
- Ort: Mediothek des Goethe-Instituts Berlin (Neue Schönhauser Straße 20, 10178 Berlin)
Anmeldung: Bitte melden Sie sich bis zum 9. September 2025 verbindlich per E-Mail an: ed.eh1788588220teog@1788588220oreub1788588220tdats1788588220tpuah1788588220. Die Zahl der Plätze ist sehr begrenzt; die Vergabe erfolgt nach Reihenfolge der Anmeldungen.
4. Weite und Enge: Die Vor- und Nachteile des Künstlerlebens auf dem Land
Gestern haben wir bei einer gemeinsamen Veranstaltung mit dem Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler M-V und dem Norddeutsche Rundfunk (NDR) im Atelier von Michael Heckert über „Kunst und Kultur abseits der Metropolen – Chancen, Hürden und Perspektiven in ländlichen Räumen” diskutiert und den Schwerpunkt der Mai-Ausgabe von Politik & Kultur mit dem Titel „Kunst und Kultur auf dem Land” vorgestellt.
Auf dem Podium waren:
- Bettina Martin, Ministerin für Wissenschaft, Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten des Landes Mecklenburg-Vorpommern
- David Adler, Kulturlandbüro
- Michael Heckert, Bildender Künstler
- Claudia Kapellusch, 1. Vorsitzende des Berufsverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler M-V e.V.
- Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates e.V.
Moderiert wurde die Runde von Frank Breuner, NDR.
Unsere angeregten Gespräche reichten von Arbeits- und Lebensbedingungen für Künstlerinnen und Künstler im ländlichen Raum über die Bedeutung von Netzwerken und Förderstrukturen bis hin zum Umgang mit rechten Narrativen, die in die Kunstfreiheit eingreifen wollen.
Wer die spannende Diskussion nicht verpassen möchte, kann sie hier nachschauen und -hören:
- Sonntag, den 7. September 2025, von 19:00 bis 20:00 Uhr auf NDR 1 Radio MV und im Nordmagazin des NDR
- Als NDR-Podcast zum Nachhören
Hier können Sie alle Artikel aus dem Schwerpunkt „Raus aufs Land!? – Kunst und Kultur auf dem Land“ der Mai-Ausgabe von Politik & Kultur lesen.
5. Zum Nachhören: „Kulturgeschichte: Computer in der DDR“ auf der gamescom 2025
Am 21. August 2025 diskutierte ich auf der Retro Area der gamescom in Köln mit Nicole Hanisch vom Computerspielemuseum Berlin und René Meyer, Journalist und Sammler, über die Geschichte von Computern in der DDR.
Im Mittelpunkt standen Fragen nach der Erforschung, Bewahrung und Vermittlung dieser digitalen Kulturgeschichte. Das Publikum erhielt spannende Einblicke in Sammlungen, persönliche Erfahrungen und aktuelle Debatten rund um Computertechnik und Computerspiele im Osten Deutschlands.
- Hier kann die Diskussion nachgehört werden
- Hier geht es zu allen Artikeln aus dem Schwerpunkt „Von alten Computer und neuer Kunst“ der Juli-August-Ausgabe Politk & Kultur
Vorankündigung: Und am 13. September geht es auch schon weiter!
Auf der Classic Computing Messe 2025 laden wir Sie herzlich zu unserer Podiumsdiskussion „Alles Pixel! Was hat Retro-Computing mit Kunst zu tun?“ im Format „JaAberUnd“ ein.
Gemeinsam mit Hans Hübner, Vorsitzender Verein zum Erhalt klassischer Computer e.V. und Clemens Krause, Computermuseum Stuttgart, spreche ich über alte Computer als Kulturgut, über Reparieren statt Wegwerfen und über neue Kunst mit alten Computern, z.B. die Demoszene, kurz: über Schnittstellen zwischen Retrocomputing und Kunst und Kultur.
Moderation: Barbara Haack, Leitung Kommunikation Deutscher Kulturrat
- Zeit: 13. September 2025, 16-17 Uhr
- Ort: Freiheitshalle Hof, Kulmbacher Str. 4 95030 Hof
- Mehr Informationen und Programm
6. Kulturportrait: Klaus Stuttmann
Der Karikaturist Klaus Stuttmann, der regelmäßig auch auf der letzten Seite der Zeitung Politik & Kultur seine Werke veröffentlicht, wurde 1949 in Frankfurt am Main geboren, wuchs aber in Stuttgart auf. Es war keine Künstlerfamilie, in der er groß wurde, sie hatte aber nichts gegen seine künstlerischen Ambitionen. In Galerien und Ausstellungen ging er mit, außerdem gab es „irgendwo im 19. Jahrhundert einen relativ bekannten Maler bei meinen Vorfahren“, erzählt er im Interview. Gezeichnet hat er immer viel, in der Schule gefördert wurde er damals aber nicht.
Als Jugendlicher träumte er davon, Künstler zu werden, fand aber keinen richtigen Zugang zur damals meist abstrakten Kunst. Er entschied sich für ein Studium der Kunstgeschichte. 1968 ging er dafür zuerst nach Tübingen und dann 1970 mit Freunden ins damalige Westberlin an die TU, wo er mit dem Magistertitel in Kunstgeschichte und Geschichte abschloss.
Aufregende Zeiten waren das damals: „Ich bin sozusagen ein Alt-68er-Nachzügler, da ich 1968 nicht direkt in Berlin war. Aber alles, was daraus folgte, die WG-Experimente z. B., das habe ich natürlich alles mitgemacht. Das freie Leben interessierte uns. Deshalb wollten wir nach Berlin. In Tübingen in der Studentenbude durfte man zum Beispiel keinen Damenbesuch mitbringen …“.
Das Studentenleben war von Anfang an politisch. Klaus Stuttmann gestaltete Flugblätter, die normalerweise immer Bleiwüsten waren, künstlerisch und fing so ganz organisch mit seinen Karikaturen an: „Es gab damals viele verschiedene politische Strömungen. Zum Beispiel die sogenannten K-Gruppen, die mehr Richtung China orientiert waren. Dann gab es die Trotzkisten, und dann in Westberlin die Sozialistische Einheitspartei Westberlins (SEW). In der Richtung war ich damals aktiv.“
Das Porträt wurde geschrieben von Ursula Gaisa, Chefin vom Dienst der neuen musikzeitung (nmz)
- Hier das ganze Kulturportrait lesen
7. Text der Woche: „Nicht einmal mehr Italien“ von Johann Michael Möller
»Jetzt kann ich nicht einmal mehr nach Italien fahren«, seufzte jüngst einer meiner guten Freunde, mit dem ich seit vielen Jahren die Liebe zu diesem Land teile. Den Anlass für seine Bemerkung gab die Meldung einer großen deutschen Tageszeitung, dass unter den Büchern, die Italiens Zeitungsverlage traditionell als Urlaubslektüre empfehlen, sich diesmal ein toxischer Titel befindet: »Das Heerlager der Heiligen« von Jean Raspail, ein Kultbuch der internationalen extremen Rechten, wie die deutsche Kulturkorrespondentin der FAZ mit Sitz in Mailand vermeldet.
Dieser Roman ist zwar schon seit einem halben Jahrhundert auf dem Markt und der Berliner Tagesspiegel hatte vor Jahren eine dezidierte »Lesewarnung« ausgegeben, aber die Neuauflage und auch die deutsche Übersetzung passen in die gereizte Stimmung der Zeit. Raspail beschwor, lange bevor sich die Flüchtlingskrise an der italienischen Küste zuspitzte, die Gefahr einer Überflutung Europas durch Migranten aus dem globalen Süden, die symbolträchtig in einem rostigen Seelenverkäufer an Frankreichs schönstem Strand der Côte d’Azur anlanden und auf eine postheroische Gesellschaft treffen, die ihre Traditionen und Werte nicht mehr verteidigen will; das bekannte rechtsextreme Narrativ also von der »Großen Invasion« und der drohenden »Überfremdung« Europas.
Das Buch zirkulierte schon immer in den entsprechenden neofaschistischen Kreisen, wurde von Trumps ehemaligem Chefberater Steve Bannon gelobt und in deutschen Medien besprochen. Aber es ist natürlich ein Unterschied, ob so etwas unter der Hand kolportiert wird oder als wohlfeile Strandlektüre zwischen Latte macchiato und Panini mit Schinken angeboten wird: was für besorgte Beobachter ein weiteres Indiz dafür ist, wie sehr sich solches Gedankengut in die Mitte der westlichen Gesellschaften auszubreiten beginnt.
Johann Michael Möller ist Publizist und Ethnologe
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