- Heimat: Zumutung oder Sehnsuchtsort
- Ankündigung Politik & Kultur 7-8/26
- Kulturelle Lesetipps für den Sommer
- Erinnerungskultur und Bundeswehr
- Erstes Treffen des Fachbeirats „Gemeinsam gegen Sexismus“
- Es geht voran: Sachstand Geschlechtergerechtigkeit in Kultur und Medien
- Text der Woche: Listen als Herrschaftsmittel – Von der Verwaltungshilfe zum Machtinstrument
- Zum Schluss: Bundespräsident Steinmeier besucht gamescom 2026
Sehr geehrte Damen und Herren,
der Begriff »Heimat« ist schillernd. Er hat Konjunktur – in der Politik, in der Kultur und im gesellschaftlichen Gespräch. Besonders die Parteien von rechts und hier besonders die Extremrechten greifen ihn auf.
Ist Heimat der Geburtsort? Ein Sehnsuchtsort? Ein Gefühl? Oder der Ort, an dem ich lebe? Schon die Wortgeschichte zeigt, dass Heimat mehr ist als ein geografischer Ort. Im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm wird »Heimat« mit »patria« und »domicilium« übersetzt. Das althochdeutsche »heimôti« und das mittelhochdeutsche »heimuot« verweisen jedoch nicht nur auf Ort und Vaterland, sondern auch auf »muot«, also auf Denken, Ansicht, Einstellung und innere Haltung.
Gerade in der Literatur wird deutlich, dass Heimat oft dort erscheint, wo etwas verloren gegangen ist. Heimat ist Erinnerung, Schmerz, Sehnsucht. In der Romantik wurde das Vergangene verklärt; das Mittelalter erschien in neuem Glanz. Im bürgerlichen Realismus wurde Natur beschrieben und bewahrt, während die Industrialisierung bereits den Raubbau an Mensch und Umwelt vorantrieb. Heimat und Natur gewinnen offenbar immer dann besondere Bedeutung, wenn die Welt im Umbruch ist.
Das erklärt, warum der Begriff heute wieder so stark ist. Viele Menschen erleben den Verlust alter Gewissheiten: Digitalisierung, ständige Erreichbarkeit, die Entgrenzung von Arbeit und Leben, Veränderungen in Landwirtschaft, Migration, der Wandel politischer Milieus und die Schwächung vertrauter Strukturen. Für manche entsteht daraus eine Sehnsucht nach einer Zeit, in der vermeintlich alles noch geordnet war. Andere verwerfen Heimat als Kitsch oder überlassen den Begriff den Rechtsextremen. Beides halte ich für falsch.
Heimat ist ein Begriff, der gefüllt werden muss. Deutschland ist heute die Heimat sehr vieler Menschen: derer, die hier geboren wurden, und derer, die freiwillig oder unfreiwillig hierhergekommen sind. Gerade Deutschland ist geprägt von Vielfalt. Norddeutsche sind keine Bayern, Rheinländer keine Westfalen, Schwaben keine Württemberger. Dialekte, Bräuche, Landschaften und Lebensweisen unterscheiden sich stark. Diese Vielfalt wird seit Jahrhunderten durch Migrantinnen und Migranten erweitert, die längst selbst Franken, Sachsen, Ostfriesen, Mecklenburger oder Berliner geworden sind.
Vielleicht wird Heimat erst in der Ferne wirklich begreifbar. Heinrich Heine beschreibt in »Deutschland. Ein Wintermärchen«, wie ihn an der Grenze die deutsche Sprache und die Erinnerung an Deutschland überwältigen. Wer längere Zeit im Ausland gelebt hat, kennt diese Erfahrung: Sprache, Essen, Landschaften und Gewohnheiten bekommen plötzlich Gewicht. Ähnlich geht es vielen Menschen, die nach Deutschland gekommen sind. Auch sie tragen Erinnerungen an Kindheit, Sprache, Gerüche, Speisen, Religion oder Erzählungen mit sich. Heimat ist daher nicht exklusiv, sondern vielfach.
Heimat ist nichts Statisches. Für den einen ist sie die norddeutsche Tiefebene, für die andere der Wald, für wieder andere die Großstadt, eine Sprache, ein Geruch, ein Lied oder ein bestimmtes Essen. Entscheidend ist, dass der Begriff nicht missbraucht, sondern in seiner Offenheit verstanden wird.
Heimat ist für mich dort, wo es mir nicht egal ist, wie es ist. Ohne Engagement für die Heimat kann ich mir Heimat nicht vorstellen.
Ihr
Olaf Zimmermann
Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates
Herausgeber von Politik & Kultur
2. Ankündigung Politik & Kultur 7-8/26
Nächste Woche wird die Ausgabe für Juli und August unserer Zeitung Politik & Kultur gedruckt! Passend zur Festival- und Open-Air-Saison widmet sich die Sommerausgabe dem Schwerpunkt „Livekultur“.
Livekultur prägt unsere Kulturlandschaft und schafft wichtige Räume für Begegnung, Austausch und gesellschaftliche Teilhabe.
Im Schwerpunkt von Politik & Kultur beleuchten zahlreiche Autorinnen und Autoren die vielfältigen Facetten der Livekultur: von der Entwicklung der Konzert- und Festivalbranche über die Bedeutung von Clubs und Fankultur bis hin zu Fragen von Sicherheit, Diversität und Zukunftsperspektiven.
- Die Juli-August-Ausgabe von Politik & Kultur ist ab dem 1. Juli 2026 online auf politikkultur.de sowie als Printausgabe im Shop des Deutschen Kulturrates erhältlich.
3. Kulturelle Lesetipps für den Sommer
Die Urlaubssaison beginnt und zur Inspiration für Ihre Sommerlektüre empfehlen wir einen Blick in die Rezensionen von Politik & Kultur.
Darin bespricht die Redaktion von Politik & Kultur sowie Gastautorinnen und -autoren regelmäßig spannende literarische Neuerscheinungen und vertiefende kulturwissenschaftliche Sachbücher.
Wer sich lieber in digitalen Welten aufhält und tiefer in die Thematik der Gameskultur eintauchen möchte, findet mit unserem neuen Handbuch Gameskultur 2.0 außerdem eine vielseitige Lektüre zu einem Medium, das längst fester Bestandteil unserer Kulturlandschaft ist.
- Zu den Rezensionen von Politik & Kultur
- Das Handbuch Gameskultur 2.0 bestellen
4. Erinnerungskultur und Bundeswehr
Am 15. Juni fand der zweite Nationale Veteranentag statt. Der vom Deutschen Bundestag beschlossene und von der Bundesregierung ausgerichtete Gedenktag soll die Anerkennung von Soldatinnen und Soldaten stärker in den öffentlichen Fokus rücken.
Aus diesem Anlass möchten wir auf einen früheren Schwerpunkt in Politik & Kultur hinweisen: Unter dem Titel „Ein Platz in der Gedenkkultur: Bundeswehr & Erinnerung“ widmeten wir uns gemeinsam mit der damaligen Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages, Dr. Eva Högl, den Fragen rund um die Rolle der Bundeswehr in der deutschen Erinnerungskultur.
Auf 13 Seiten beleuchten 22 Autorinnen und Autoren unter anderem
- die Erinnerungskultur der Bundeswehr,
- den Umgang mit Kriegsgräbern,
- die Aufarbeitung der Verbrechen der Wehrmacht,
- die Bedeutung des Volkstrauertags sowie internationale Perspektiven auf die Erinnerung an Veteraninnen und Veteranen,
- den Wandel der deutschen Erinnerungskultur seit dem russischen Angriff auf die Ukraine
und vieles mehr.
Alle Beiträge des Schwerpunkts können Sie in der Online-Ausgabe von Politik & Kultur 11/23 lesen. Das E-Paper können Sie hier herunterladen.
5. Erstes Treffen des Fachbeirats „Gemeinsam gegen Sexismus“
Am Dienstag fand in Berlin die Auftaktsitzung des Fachbeirats „Gemeinsam gegen Sexismus“ der EAFG, Berlin und des Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend statt.
Ich habe dort u.a. unsere Stellungnahme „Gemeinsame Verantwortung: Für sicheres und respektvolles Arbeiten in Kunst, Kultur und Medien“ vorgestellt.
Vieles ist im Kunst-, Kultur- und Medienbereich in den letzten Jahren geschehen, um respektvolles und diskriminierungsfreies Arbeiten sicherzustellen. Gleichwohl kann und darf sich niemand zurücklehnen.
Respektvolles und diskriminierungsfreies Arbeiten und die Verwirklichung des Kulturwandels sind eine Daueraufgabe, bei der fortlaufend nachjustiert bzw. auf aktuelle Entwicklungen reagiert werden muss.
6. Es geht voran: Sachstand Geschlechtergerechtigkeit in Kultur und Medien
Der neue Bericht des Deutschen Kulturrates „Es geht voran. Sachstand Geschlechtergerechtigkeit in Kultur und Medien“ verrät die gute Nachricht: Es geht voran. Der Band macht aber auch deutlich: Es ist noch viel zu tun.
Der Bericht enthält Daten zur Geschlechtergerechtigkeit im Bereich von Kultur und Medien:
- Wie steht es mit Frauen in Führungspositionen und der Partizipation von Frauen an der individuellen Künstlerinnen- und Künstlerförderung?
Neben zahlreichen Daten und Fakten enthält der Band Artikel von 38 Autorinnen und Autoren aus Verbänden, der Kulturverwaltung, der Kulturförderung und der Wissenschaft. Sie schreiben über die Situation in den einzelnen Bundesländern und die Lage in verschiedenen Sparten des Kulturbetriebs. Sie verdeutlichen, was bereits geschieht, um Geschlechtergerechtigkeit zu verwirklichen, und zeigen Handlungsbedarfe auf, um die Situation weiter zu verbessern.
Es geht voran – Sachstand Geschlechtergerechtigkeit in Kultur und Medien
328 Seiten, ISBN- 978-3-947308-68-2, 22,80 Euro
- Im Shop des Deutschen Kulturrates können Sie den Bericht bestellen
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- Hier können Sie eine ausführliche Rezension des mdr lesen
7. Text der Woche: Listen als Herrschaftsmittel – Von der Verwaltungshilfe zum Machtinstrument
Es gibt einen Anlass, über eine scheinbar langweilige Literaturgattung nachzudenken: die Liste. Es heißt, dass im Haus des Kulturstaatsministers eine Liste angelegt werden soll, die alle Jurys und Jurymitglieder erfasst, die staatliche Fördermittel verteilen. Das haben einige kulturpolitische Akteure kritisiert. Andere fragen sich, warum man im BKM einen solchen Überblick nicht schon besitzt. Aber was ist eine Liste eigentlich, wozu braucht man sie, und was kann an ihr hilfreich oder gefährlich sein? Vielleicht hilft da eine kulturgeschichtliche Orientierung.
Man kann nämlich folgende These aufstellen: Am Anfang war die Liste. Die ersten schriftlichen Zeugnisse der Menschheit enthalten – nicht nur, aber wesentlich auch Listen. Sie zählen auf, wer welche Waren an wen geliefert hat und wer welche Steuern gezahlt hat. Das ist die Geburt der Schriftkultur aus dem Geist der Finanzbehörde, könnte man sagen.
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland
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8. Zum Schluss: Bundespräsident Steinmeier besucht gamescom 2026
Mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird 2026 erstmalig ein Bundespräsident die gamescom, das weltweit größte Games-Event in Köln, besuchen. Dabei wird er am 27. August an der Eröffnung des gamescom congress teilnehmen und einen Rundgang über die Messe machen.
Das freut mich sehr, da damit auch unser jahrelanges Bemühen Games als Kulturgut zu positionieren, eine deutliche Anerkennung erhält. Lesen Sie dazu auch unsere aktuelle Veröffentlichung: Handbuch Gameskultur 2.0.