1. Anthropozän: Vom Einfluss der menschlichen Kultur auf die Natur
2. Kultur ist Vielfalt und Heimat: Statement der Kultur in Sachsen-Anhalt unterzeichnen
3. Rückblick auf Veranstaltung am Bauhaus in Dessau: Kultur – Fundament der Demokratie?
4. 10 Jahre FREO – Politisches Panel: „Zwischen Wettbewerb und Wir-Gefühl – Solidarität als politische Überlebensstrategie“
5. Text der Woche: „Irans Kulturerbe ist bedroht, aber nicht verloren“ von Natascha Bagherpour Kashani
Sehr geehrte Damen und Herren,
wie kann ich mir selbst die Idee des Anthropozäns erklären? Für einen Menschen, der schon in seiner Jugend durch „Raumschiff Enterprise“ geprägt wurde, hilft der Vergleich mit der Obersten Direktive der Föderation der vereinigten Planeten. Diese Direktive enthält ein verbindliches Nichteinmischungsprinzip in die Entwicklung anderer Zivilisationen, besonders dann, wenn diese noch keine Warp-Technologie entwickelt haben. Solche „Prä-Warp-Zivilisationen“ sollen vor Einflüssen höher entwickelter Kulturen geschützt werden. Jede Veränderung ihrer natürlichen Entwicklung ist verboten, selbst wenn sie gut gemeint oder unbeabsichtigt wäre.
Eine solche Direktive gibt es auf der Erde nicht. Im Gegenteil: Die gegenseitige Beeinflussung von Kulturen ist seit Jahrtausenden einer der stärksten Antriebe kultureller Entwicklung. Zwar gab und gibt es immer wieder Phasen, in denen Nichteinmischung oder Nichtvermischung gewünscht wird, doch grundsätzlich lebt Kultur vom Austausch.
Beim Anthropozän geht es jedoch nicht um den Einfluss verschiedener Kulturen aufeinander, sondern um den Einfluss menschlicher Kultur auf die Natur, also auf unsere Umwelt. Wir nennen diese Umwelt oft „natürlich“, obwohl dieser Begriff heute irreführend ist. Denn „natürlich“ verbinden wir mit „ursprünglich“, „unberührt“, „rein“ oder „sauber“. Doch eine solche unberührte Natur ist weitgehend Fiktion. Überall dort, wo menschliche Kultur Spuren hinterlassen hat, ist die Unberührtheit verschwunden. Heute finden sich diese Spuren in den tiefsten Meeren, auf den höchsten Bergen und selbst im „ewigen“ Eis.
Der Streit darüber, ab wann die menschliche Kultur den letzten Fleck unberührter Natur berührt hat, interessiert mich weniger. Spannender ist die Frage, welche Folgen dieser heute kaum noch zu bestreitende Umstand für unser Verständnis von Kultur und Natur hat.
Kultur, vom lateinischen cultura, also „Bearbeitung“, „Pflege“ und „Ackerbau“, bezeichnet im weitesten Sinne alles, was der Mensch gestaltend hervorbringt. Sie steht damit im Gegensatz zu einer Natur, die vom Menschen nicht geschaffen und nicht verändert wurde. Wenn es diese unveränderte Natur aber nicht mehr gibt, weil der Mensch überall seine Spuren hinterlassen hat, dann ist alles auch Kultur.
Für mich ist dieser Befund zunächst nicht moralisch zu bewerten. Die Vorstellung, weniger kulturelle Beeinflussung mache die Natur automatisch „besser“, weil sie „unberührter“ sei, ist aus menschlicher Sicht eher eine akademische als eine praktische Frage. Ohne den Menschen wäre Natur keine Kultur. Doch so weit geht die Naturliebe selbst des größten Umweltschützers wohl kaum.
Das heißt aber gerade nicht, dass der Mensch keine Verantwortung für seine Umwelt trägt. Im Gegenteil: Weil er zum universellen Gestalter geworden ist und diese Gestaltung nicht einfach abstellen kann, ist er für die Art und Weise seines Handelns verantwortlich. Er trägt Verantwortung für Artensterben, Erderwärmung und den Raubbau an den Schätzen der Natur. Eine Kultur, die im Zeitalter des Anthropozäns ihre Umwelt zerstört, zerstört sich selbst.
Was bedeutet das für einen Kulturverband wie den Deutschen Kulturrat? Es verändert die bislang sauber getrennten Zuständigkeiten. Die einen kümmern sich um Natur, die anderen um Kultur; die einen sind Naturwissenschaftler, die anderen Kulturwissenschaftler; die einen machen Umweltpolitik, die anderen Kulturpolitik; die einen engagieren sich in Umweltverbänden, die anderen in Kulturverbänden. Diese Aufteilung ist nicht mehr zeitgemäß. Im Zeitalter des Anthropozäns muss Kulturpolitik wieder mehr Verantwortung übernehmen, auch für die Natur.
Ihr
Olaf Zimmermann
Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates
Herausgeber von Politik & Kultur
2. Kultur ist Vielfalt und Heimat: Statement der Kultur in Sachsen-Anhalt unterzeichnen
„Heimat ist dort, wo Vielfalt gelebt und Kunstfreiheit verteidigt wird“ – unter diesem Leitgedanken haben Kulturakteurinnen und Kulturakteure aus Sachsen-Anhalt ein gemeinsames Statement veröffentlicht. Darin wenden sie sich gegen Ausgrenzung, Diskriminierung und demokratiefeindliche Ideologien und bekräftigen: Die Freiheit der Kunst und Wissenschaft ist nicht verhandelbar. Sie ist Grundlage der Arbeit – und Maßstab der Haltung der Institutionen.
Das Statement kann von Kulturakteurinnen und Kulturakteuren aus Sachsen-Anhalt sowie bundesweit von Unterstützerinnen und Unterstützern unterzeichnet werden.
Hier können Sie das Statement lesen und unterzeichnen: www.kulturvielfaltheimat.de
3. Veranstaltung am Bauhaus in Dessau: Kultur – Fundament der Demokratie?
Vorgestern lud das Umweltbundesamt gemeinsam mit dem Deutschen Kulturrat und der Stiftung Bauhaus Dessau zu einer Diskussion über den Zustand unserer demokratischen Kultur ein.
In Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung und zugespitzter Kulturdebatten wurde der Frage nachgegangen, wie ein offener, pluralistischer Kulturbegriff gestärkt werden kann. Die Veranstaltung stand unter dem Eindruck der im Herbst stattfindenden Wahlen in Sachsen-Anhalt und der Gefahr, dass eine rechtsextreme Partei den Ministerpräsidenten und den Kulturminister stellen könnte.
4. 10 Jahre FREO – Politisches Panel: „Zwischen Wettbewerb und Wir-Gefühl – Solidarität als politische Überlebensstrategie“
Wie können Verbände, Politik und Verwaltung gemeinsam kulturpolitische Entwicklungen voranbringen? Und wie gelingt es der freien Musikszene, ihre Vielfalt und dezentralen Strukturen zu bewahren und zugleich mit einer gemeinsamen Stimme in politische Entscheidungsprozesse hineinzuwirken? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des politischen Panels „Zwischen Wettbewerb und Wir-Gefühl – Solidarität als politische Überlebensstrategie“ im Rahmen des Jubiläums „10 Jahre FREO – Freie Ensembles und Orchester in Deutschland e. V.“
Das Panel diskutiert die Rolle von Netzwerken und Verbänden als Teil einer funktionierenden kulturpolitischen Infrastruktur.
Montag, 15. Juni, 17:30 Uhr
FREO VERNETZT – Zwischen Wettbewerb und Wir-Gefühl
bUm Berlin, Paul-Lincke-Ufer 21, 10999 Berlin
Mit:
- Dominique Mayr, Vorstand von FREO
- Christian Fausch, Vorstandsvorsitzender von FREO
- Antje Valentin, Generalsekretärin des Deutschen Musikrats
- Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates
- Moderation: Lena Krause, Geschäftsführerin von FREO
- Weitere Informationen und Tickets finden Sie hier.
5. Text der Woche: „Irans Kulturerbe ist bedroht, aber nicht verloren“ von Natascha Bagherpour Kashani
„Es ist Krieg im Iran! In einer westiranischen Provinz ist das archäologische Museum mit seiner Sammlung gefährdet. Die beweglichen Objekte – unersetzliche Zeugnisse jahrtausendealter Zivilisation – wurden daher schnell evakuiert, die bedeutenden Exponate mussten bleiben. Auch das Museum selbst ist ein schützenswertes historisches Baudenkmal und bleibt der Gefährdung durch Waffenbeschuss ausgesetzt. Mehr lassen die institutionellen Kapazitäten aber nicht zu.
Was auf dem Spiel steht, lässt sich kaum messen – denn das, was bedroht wird, ist weit mehr als ein einzelnes Museum.“
Natascha Bagherpour Kashani ist Archäologin und Kustodin am Archäologischen Museum Frankfurt und dem Deutschen Bergbau-Museum sowie Mitglied von Blue Shield Deutschland e.V.
Hier lesen Sie den ganzen Beitrag.