Corona versus Kultur – Newsletter Nr. 21

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

die Corona-Pandemie hält die Welt weiterhin in Atem. Nicht nur in Deutschland, nein, weltweit wütet die Pandemie. Sie hat bereits sehr viele Menschenleben gekostet. Die Spätfolgen sind kaum abzuschätzen und ein Ende der Pandemie ist noch nicht in Sicht. Immer wieder betonen Politikerinnen und Politiker, dass wir uns noch mitten in der Pandemie befinden. Doch was heißt das?

 

Nach dem ersten Schock Mitte März, der abrupten Schließung von Kultureinrichtungen, der Absage von Messen, Ausstellungen, Festivals und zahlreichen Veranstaltungen befinden wir uns seit Ende Mai in einer zweiten Phase. Der Phase der langsamen Öffnungen, des Herantastens an eine neue Wirklichkeit und Ausprobierens beginnt. Das stellt alle im Kultur- und Medienbereich Tätige vor neue Herausforderungen.

 

Und diese Herausforderungen betreffen nicht nur die organisatorischen Aspekte wie Hygienevorschriften und Abstandsregeln, sie sind auch künstlerischer Natur. Welche Geschichten können in Fernsehfilmen, -serien oder Spielfilmen erzählt werden, wenn sich die handelnden Personen nicht wirklich nahekommen können? Keine stürmischen Liebesszenen mehr im Film – oder erst nach zweiwöchiger Quarantäne der Protagonisten für allenfalls vier bis fünf Minuten? Wie soll das bewerkstelligt werden? Und wer soll das bezahlen? Aber auch schon die normale Interaktion, sich in den Arm zu nehmen, ist schwer zu realisieren. Was für Film und Fernsehen gilt, trifft auf Theater und Tanz allemal zu. Tanztheater mit jeweils anderthalb Metern zwischen Tänzerinnen und Tänzern mag als Experiment vielleicht interessant sein, aber auf Dauer? Und was ist mit den Musikerinnen und Musikern sowie speziell hier mit den Bläserinnen und Bläsern? Verschiedene Untersuchungen zur Wirkung und Ausbreitung von Aerosolen bei Musikerinnen und Musikern werden derzeit durchgeführt.

 

Barrie Kosky, der Intendant der Komischen Oper Berlin, schreibt in der Ankündigung seines neuen Spielplans für die Monate September bis Dezember mit Blick auf ein mögliches „Business as usual“: „Denn eigentlich gibt es kein usual in einem Theater. Auf Unvorhergesehenes, auf Überraschungen zu reagieren und für plötzlich auftretende Ereignisse und Herausforderungen kreative Lösungen zu finden – das ist in einem Opernhaus letztlich the usual business.“ und weiter „Denn ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es uns allen in dieser Zeit besonders guttun wird, gemeinsam Musiktheater zu erleben, sich gemeinsam von Emotionen überwältigen zu lassen, gemeinsam zu weinen und zu lachen“.

 

Einige mögen sagen, ja, Barrie Kosky hat gut lachen und kann mit der öffentlich finanzierten Komischen Oper solche Wege gehen, was ist mit den vielen privatwirtschaftlichen Theatern und Kinos, mit Clubs und Festivals, mit privaten Musikschulen und den vielen anderen mehr? Unbestritten, die Zeiten sind schwer und viele stehen mit dem Rücken zur Wand. Doch es gibt Unterstützungsmaßnahmen von Bund und Ländern. Vieles ist noch nicht optimal, manches wird gerade erst entwickelt und mit Sicherheit wird es einen Nachsteuerungsbedarf geben. Die Corona-Pandemie ist eine neue, in Deutschland, in Europa, in der Welt bislang nicht gekannte Herausforderung.

 

Aber sind nicht gerade jetzt die Künste, die Künstlerinnen und Künstler gefordert? Spüren wir nicht alle diesen bleiernen Schleier der Corona-Pandemie, der sich auf uns legt, der uns müde werden lässt, der alles so grau erscheinen lässt. Die Karten für die Aufführung des Rheingolds der Deutschen Oper Berlin auf dem Parkdeck, einer wirklichen Bausünde des letzten Jahrhunderts, die abstoßend und feindlich wirkt, waren trotzdem im Nu ausverkauft. Das Deutsche Theater Berlin verlegt die zuvor in der Box gespielte Aufführung von „Die Pest“ auf den Theatervorplatz und findet Zuspruch des Publikums.

 

Viele andere Beispiele aus anderen Städten ließen sich aufzählen. Ich bin fest davon überzeugt, jetzt sind die Künste gefordert. Die vielen digitalen Angebote, die in den ersten Monaten entstanden sind und die wichtig waren, um überhaupt Kunst zu zeigen und zu erfahren, sie haben doch gezeigt, dass damit ein authentisches, gemeinsames Erleben nicht ersetzt werden kann. Speziell Theater, aber auch Kino, Musik, Lesungen und anderes mehr, sie ermöglichen das gemeinsame Lachen, Weinen, Leiden, Freuen.

 

Ich denke, dass die Stunde der Künste nun schlägt. Sie muss genutzt werden, besonders jetzt bei gutem Wetter, wenn die Freiluftsaison beginnt. Es ist gut und richtig, dass der vom Deutschen Kulturrat geforderte „NEUSTART KULTUR“ nun mit einer Milliarde Euro an den Start geht und ich hoffe sehr, dass die aus diesem Topf geförderten Experimentierräume nicht nur für digitale Angebote, sondern ebenso für analoge, für das authentische Erleben gelten.

 

Dabei sollten wir nicht vergessen, einen Blick in unsere Nachbarländer zu werfen. Morgen, am 1. Juli übernimmt die Bundesrepublik für sechs Monate die europäische Ratspräsidentschaft. Viele Themen werden anstehen, das EU-Budget für die nächste Zeit, der europäische Umgang mit der Corona-Pandemie, ein europäisches Zusammenwirken in der Migrationspolitik, aber auch Kultur sollte eine wichtige Rolle spielen. Deutschland sollte sich an die Spitze der Länder setzen, die für eine Erhöhung des Kulturbudgets eintreten, und es sollte Kunst und Kultur eine wichtige, eine deutlich vernehmbare Stimme geben.

 

In der Not erkennt man die Freunde. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem wir als wirtschaftlich starkes Land in der Mitte von Europa gemeinsam mit unseren europäischen Partnern Verantwortung für die Kultur in und außerhalb von Europa übernehmen müssen. Der französische Kulturminister, Franck Riester, ruft im Leitartikel in der neuen Ausgabe von Politik & Kultur dazu auf, für „den Schutz der Kreativen und des Pluralismus“ gemeinsam einzutreten und über die Einrichtung eines europäischen Kulturschutzschildes nachzudenken. Deutschland kann in seiner EU-Ratspräsidentschaft, gemeinsam mit Frankreich, diesen Kulturschutzschild auf den Weg bringen.

 

Angela Merkel, bitte übernehmen Sie!

 

Ihr

 

Olaf Zimmermann
Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates
twitter.com/olaf_zimmermann

 

PS. Geben Sie bitte diesen „Corona versus Kultur – Newsletter“ weiter und verweisen Sie auf unser Webangebot.  Wer noch nicht zu den regelmäßigen Beziehern des „Corona versus Kultur – Newsletters“ gehört, kann sich einfach hier in den Newsletterverteiler des Deutschen Kulturrates eintragen.

 


 

Franck Riester (Kulturminister Frankreichs): Wie navigiert die Kulturnation Frankreich durch die Corona-Krise?

 

Der französische Kulturminister Franck Riester schreibt: „Frankreich steht ein völlig neuer Kultursommer bevor. Die Fête de la Musique, die jedes Jahr die Sommersaison einläutet, musste sich neu erfinden, um trotz der gebotenen Schutzmaßnahmen unser aller Herzen zum Schwingen zu bringen. Nach den Museen und Denkmälern haben auch die Kinos mit angepassten Besuchsbedingungen ihre Türen wieder geöffnet. Und auch die Veranstaltungsstätten werden allmählich ihren Betrieb wiederaufnehmen, während die großen Festivals, an deren kreativer Dynamik wir uns Jahr für Jahr erfreuen, weiterhin nicht stattfinden können. … Das französische Kulturministerium setzt seit Beginn der Krise gemeinsam mit der Regierung und in Abstimmung mit den Gebietskörperschaften alles daran, damit die Krise unser so reichhaltiges Kultur-Ökosystem nicht dauerhaft schwächt. In diesem Sinne hat der Staat den Kultursektor bis heute mit nahezu 5 Milliarden Euro unterstützt. …

 

In diesem Sinne rufe ich alle unsere Partner auf, gemeinsam für den Schutz der Kreativen und des Pluralismus einzutreten. Auch wünsche ich mir, dass wir gemeinsam über die Einrichtung eines „europäischen Kulturschutzschildes“ nachdenken, um die durch die Krise geschwächten europäischen Unternehmen sowie ihre Beschäftigten und Vermögenswerte vor feindlichen Übernahmeversuchen zu schützen.   

 

Im weiteren Sinne müssen wir die Kultur in den Mittelpunkt der Solidarität zwischen den Europäern stellen. Durch die Stärkung der Zusammenarbeit zwischen allen Kulturakteuren und durch die Förderung der Verbreitung von Werken und Künstlern können wir dazu beitragen, alle Bürgerinnen und Bürger um ihr gemeinsames Erbe und ihre gemeinsame Kultur zusammenzubringen.

 

Ich weiß um die Entschlossenheit Deutschlands in all diesen Fragen. So kurz vor Beginn der deutschen EU-Ratspräsidentschaft und in einer für die Zukunft der europäischen Kulturpolitik so wichtigen Zeit wünsche ich mir, dass das deutsch-französische Tandem treibende Kraft für ein ehrgeiziges Engagement im Dienste unseres Kunst- und Kultursektors ist.“

 

 


 

Politik & Kultur 07-08/2020: Das Corona-Update

 

Bereits in den letzten drei Ausgaben 4/20,5/20 und 6/20 widmet Politik & Kultur den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Kulturbereich zahlreiche Seiten, Texte und Energien.

 

Angesichts des neuen Konjunkturprogramms „NEUSTART KULTUR“ nehmen wir das Thema in der neue Politik & Kultur 7-8/20 wieder auf und weiten den Blick mit Beginn der EU-Ratspräsidentschaft am 1. Juli auf die Kulturlage in anderen europäischen Ländern.

 

Machen Sie sich bereit für das „Corona-Update“:

 

 

Nach dem Leitartikel des französischen Kulturministers Franck Riester (siehe oben) läutet Kulturstaatsministerin Monika Grütters mit „Zukunftsmusik“ den weiteren Schwerpunkt ein: Die Soforthilfen der Bundesregierung für Selbständige und Kleinstunternehmen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft, die Unterstützungsprogramme der für Kultur zuständigen Bundesländer und das konjunkturbelebende Programm „NEUSTART KULTUR“ bilden diese Klänge von morgen auf S. 18.

 

Auf der folgenden S. 19 schreibt die Staatsministerin für auswärtige Kulturpolitik Michelle Müntefering ein Plädoyer für eine europäische Öffentlichkeit. Sie fordert, jetzt zwei Schritte nach vorn zu tun und eine gesamteuropäische Medien- und Kommunikationsplattform aufzubauen sowie mit gemeinsamen digitalen Kulturinstituten in Europa voranzugehen.

 

Der Hamburger Senator für Kultur und Medien, Carsten Brosda, plädiert auf S. 20 dafür, nun wieder mehr über Kultur zu reden, wo in den vergangenen Monaten das Geld im Vordergrund stand. Auf S. 21 macht die Vorsitzende des Kulturausschusses des Europäischen Parlaments, Sabine Verheyen, deutlich, dass Geld für Kultur und kulturelle Bildung klare Investitionen in die Zukunft unseres Kontinents sind – daher müssen das SURE-Programm und auch Corona Virus Response den Kultur- und Kreativbereich direkt erreichen.

 

Auf der Doppelseite 22 und 23 beurteilen die kulturpolitischen Sprecherinnen und Sprecher der im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien, (CDU/CSU – Elisabeth Motschmann; SPD – Martin Rabanus; AfD – Marc Jongen; FDP – Hartmut Ebbing; Die Linke – Simone Barrientos; Bündnis 90/Die Grünen – Erhard Grundl) ob „NEUSTART KULTUR“ ein tatsächlicher kultureller Neubeginn ist.

 

Es folgen Einschätzungen und Meinungen aus den Verbänden zum Kulturkonjunkturprogramm auf den S. 24 bis 26: Bibliotheken – Barbara Schleihagen; Theater – Ulrich Khuon und Marc Grandmontagne; Musikwirtschaft – Jens Michow; Filmwirtschaft – Thomas Negele; Soziokultur – Georg Halupczok; Galerien & Kunsthandel – Kristian Jarmuschek und Birgit Maria Sturm; Buchhandel – Alexander Skipis; Film und Fernsehen – Christoph Palmer; Freie Szene – Stephan Behrmann)

 

Auf S. 27 erläutert Hannes Langbein, Kunstbeauftragter der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), die in der Corona-Krise angestoßene neue Initiative „Kirchen für Künstler“, die Kulturschaffenden Auftrittsmöglichkeiten in Gottesdiensten bietet. Ebendort gibt Boris Kochan, Präsident des Deutschen Designtages, in drei Fragen einen Überblick über die aktuelle Situation seiner Branche.

 

Auf S. 28 nehmen uns die Auslandskorrespondenten Jürgen König und Peter Lange mit nach Frankreich bzw. Tschechien und zeigen, wie es angesichts der Pandemie um die Kulturbranche bestellt ist und in welcher Situation sich die Künstlerinnen und Künstler dort befinden.

 

Auf S. 29 spricht der dänisch-isländische Künstler Ólafur Elíasson über sein Kunstwerk „Earth Speakr“, eine App und interaktive Webseite, die zu Beginn der deutschen EU-Ratspräsidentschaft am 1. Juli 2020 die Ideen und Bedenken von Kindern zu unserem Planeten in allen 24 EU-Sprachen hörbar verstärkt.

 

Einen aktuellen Einblick in die Arbeit des europäischen Netzwerkes für Kulturinstitute EUNIC in der Corona-Krise gibt die Geschäftsführerin Gitte Zschoch auf der S. 30; sie macht sich stark für eine stärkere europäische Zusammenarbeit in der Kultur.

 

Mit einem Beitrag des Generalsekretärs der Europa-Union Deutschland, Christian Moos, endet der Schwerpunkt „Das Corona-Update: Deutschland und Europa zwischen Nothilfen und Konjunkturplänen“; Moos sieht die Europa-Union als natürlichen Verbündeten der Kulturschaffenden.

 

 


 

Corona versus Kultur – Newsletter

 

Hier finden Sie alle Corona versus Kultur Newsletter des Deutschen Kulturrates.

 

Wenn Sie den Corona versus Kultur – Newsletter regelmäßig erhalten möchten, können Sie sich einfach in den Newsletterverteiler des Deutschen Kulturrates eintragen.

 

 


 

Pressemitteilungen des Deutschen Kulturrates

 

Lesen Sie hier unsere Pressemitteilungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie.

 

 


 

Maßnahmen des Bundes

 

Hier finden Sie gebündelte Informationen über die Maßnahmen des Bundes für Solo-Selbständige sowie kleine und große Unternehmen der Kultur- und Kreativwirtschaft im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie.

 

Bitte beachten Sie, dass die von der Bundesregierung gerade beschlossenen Maßnahmen, wie der Kulturinfrastrukturfonds („Neustart Kultur“) hier noch nicht aufgeführt sein können, weil der Deutsche Bundestag und der Bundesrat den Maßnahmen noch nicht zugestimmt haben.

 


 

Maßnahmen der Länder

 

Eine aktuelle Übersicht über die Hilfsmaßnahmen der Länder finden Sie hier.

Vorheriger ArtikelCorona versus Kultur – Newsletter Nr. 20