Vorbild: Nachhaltigkeit braucht kulturellen Wandel

Eine erfolgreiche Nachhaltigkeitspolitik setzt einen umfassenden kulturellen Wandel voraus

Eigentlich müsste Kulturpolitik ein beherrschendes Thema in dieser Bundestagswahl sein. Nicht nur, weil ich glaube, dass nach dem erfolgreichen Erwachen der Bundeskulturpolitik vor mehr als zwei Jahrzehnten endlich ein Bundeskulturministerium eingerichtet werden muss.

 

Mehr noch, weil gerade in den letzten Jahren deutlich geworden ist, dass die großen gesellschaftlichen Herausforderungen einen kulturellen Wandel voraussetzen, der noch in weiter Ferne ist.

 

Der neue Bericht des Weltklimarates zeigt es deutlich, die Erde wird sich noch schneller erwärmen, extremere Wetterlagen, auch in Deutschland, werden deutlich zunehmen. Um unser Überleben zu sichern, müssen wir jetzt massiv gegensteuern.

 

Doch dazu fehlt in der Gesellschaft sichtbar die Bereitschaft. Die Notwendigkeit von weitreichenden Maßnahmen wird grundsätzlich nicht bestritten, doch sollen doch die anderen bitte beginnen.

 

Auch der Kulturbereich wird seinen Einsatz erhöhen müssen. Natürlich ist es gut und notwendig, wenn Kulturorte energetisch optimiert werden und wenn Klimaneutralität erreicht werden soll. Doch wird das nicht ausreichen.

 

Gerade der Kulturbereich nutzt die Ressourcen unseres Planeten weltweit intensiv. Nach der Wirtschaft dürfte der Kulturbereich
bis zur Pandemie Reiseflugweltmeister im Businessbereich gewesen sein.

Und ich bin immer wieder erstaunt, dass, nach vielen Jahren der Debatte um nachhaltiges Wirtschaften auch im Kulturbereich, in meinem Berliner Kiez alle paar Wochen ein riesiger „Heuschreckenschwarm“ von Dutzenden von Lastwagen, von Sattelschleppern, von Generatorenwagen, Essenswagen, Umkleidebussen ganze Straßenzüge belegen, um nach einem kurzen Filmdreh am nächsten Tag zum nächsten „Tatort“ zu ziehen. Ein Vorbild in Nachhaltigkeit sind wir nicht.

 

Und Vorbild müssen wir werden, wenn wir Verantwortung  bei der gesellschaftlichen Transformation übernehmen wollen. Die Klimakrise wird nur durch einen kulturellen Wandel in den Griff zu bekommen sein.

 

Was zu tun ist, ist bekannt; es zu tun, bedarf eines breiten gesellschaftlichen Willens. Diese Bereitschaft in der Bevölkerung zu gewinnen, ist die Aufgabe der Kultur.

 

Nach der Bundestagswahl werden die Weichen für die nächsten Jahre gestellt. Ich hoffe, die dann verantwortlichen Politikerinnen und Politiker erkennen dabei die Bedeutung der Kulturpolitik! Eine erfolgreiche Nachhaltigkeitspolitik setzt einen umfassenden kulturellen Wandel voraus.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 09/2021.

Olaf Zimmermann
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur.
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