Warum wir mehr Universalgelehrte und Universalkünstler brauchen

Von meinem Großvater bekam ich als Kind ein dickes Buch über die »Welten der Entdecker« geschenkt. In ihm war eine Abbildung von Alexander von Humboldt 1856 in seiner Bibliothek an der Oranienburgerstraße in Berlin. Als Kind liebte ich diese Abbildung und war davon überzeugt, dass alle Wissenschaftler und auch alle Künstler irgendwie auch heute so leben, überhäuft mit Büchern, Plänen, Naturobjekten und Kunstwerken, aus aller Herren Länder, aus allen Disziplinen.

 

Heute weiß ich, dass es nur wenige Universalgelehrte und Universalkünstler gibt. Alle spezialisieren sich. Wissenschaftler betrachten oft nur einen winzigen Ausschnitt ihres Forschungsbereiches und Künstlerinnen und Künstler sind oftmals ebensolche Spezialisten nur in ihrer Profession.

 

Aber, es wird immer deutlicher, dass die großen Herausforderungen unserer Zeit nicht in einzelne Disziplinen passen. Klimawandel, digitale Transformation, Artensterben, globale Energiefragen, Migrationsbewegungen oder medizinische Risiken – all das sind Probleme, die sich nicht mit dem Blick nur eines einzigen Faches lösen lassen. Die moderne Wissenschaft ist hoch spezialisiert, und diese Spezialisierung hat zweifellos Fortschritte ermöglicht. Gleichzeitig erzeugt sie aber Wissensinseln, zwischen denen kaum Austausch stattfindet. Viele Forschende kennen ihren Bereich perfekt, aber nicht mehr das Gesamtbild, in das ihre Erkenntnisse eingebettet sind. Dadurch entstehen Lücken, Missverständnisse und manchmal sogar widersprüchliche Entwicklungen, die niemand mehr überblickt. Die KI ist hierfür ein gefährliches Beispiel.

 

Gerade deshalb wären Menschen, die mehrere Denkweisen verbinden können, heute so wertvoll: moderne Universalgelehrte, die Naturwissenschaften, Technik, Kultur und Kunst gleichzeitig im Blick haben. Sie können Zusammenhänge erkennen, die Spezialisten entgehen, und Muster sehen, die nur sichtbar werden, wenn man mehrere Perspektiven miteinander verknüpft. Menschen, die zwischen Disziplinen vermitteln, Grenzen überschreiten und Ideen aus verschiedenen Bereichen zusammenführen. Nicht, weil die Spezialisierung falsch wäre, sondern weil sie allein nicht ausreicht.

 

Moderne Universalgelehrte – ob Wissenschaftler oder Künstler – können Orientierung geben, Perspektiven verbinden und Lösungen entwickeln, die nicht an den Grenzen einzelner Fachgebiete stehenbleiben. Genau diese Fähigkeit, über den Tellerrand hinaus zu denken, könnte heute entscheidend sein, wenn wir die Herausforderungen unserer Zeit tatsächlich verstehen und bewältigen wollen.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 12/2025.
Olaf Zimmermann
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber und Chefredakteur von Politik & Kultur.
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