Nachhaltig wirtschaften, ohne den Kunstbetrieb einzuschränken

Umdenken, verändern, entfesseln: zu den Gefahren und Zielen der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte

Zu ihrem 20. Geburtstag hat die Kulturstiftung des Bundes den Schriftsteller und Dramatiker Lukas Bärfuss Ende Mai als Festredner eingeladen. Bärfuss las den versammelten rund 700 Gästen aus Kultur und Politik fast eine Stunde lang die Leviten. Er forderte die radikale Abkehr vom Götzen „Öl“, er verlangte nach Veränderungen, er hob auf die Klimaveränderung ab und er unterstrich unmissverständlich, dass Transformation wehtut. Transformation ist der schmerzliche Abschied vom Liebgewordenen, von der Verschwendung in der westlichen Welt, von den vermeintlich allseits verfügbaren Gütern und Dienstleistungen, von Gewohnheiten und Bekanntem. Ökologische Transformation ist notwendig, ökologische Transformation ist unumgänglich, ökologische Transformation ist schmerzhaft, so sein Credo. 

 

Die Klarheit von Bärfuss, seine Suada waren unmissverständlich – so recht feierlich war einem danach nicht mehr zumute, hätte nicht das Stegreiforchester so freudevoll und sinnlich nach dem Vortrag gespielt, wäre doch so mancher ein wenig traurig, beschämt und mit einer düsteren Perspektive nach Hause gegangen. 

 

Ein wenig traurig war auch die Perspektive bei der Veranstaltung Müssen, Können, Wollen – Ein Gespräch zum Green Deal im Theater“, die der Deutsche Kulturrat zusammen mit 3sat und dem Berliner Theatertreffen am 14. Mai 2022 im Rahmen des Klimatags des Berliner Theatertreffens am 14. Mai 2022 durchgeführt hat (hier zum Nachsehen).  

 

Vor der Podiumsdiskussion stellten vier der zehn Grünen Botschafter und Botschafterinnen des Theatertreffens ihre Thesen vor. Beim Theatertreffen 2021 wurden von jedem der zehn eingeladenen Theater jeweils ein Grüner Botschafter bzw. Botschafterin benannt. Die Grünen Botschafterinnen und Botschafter tauschten sich über ein Jahr intensiv aus, berichteten von der Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen in ihren Theatern, von Problemen und Schwierigkeiten. Zusätzlich konnten sie eine Weiterbildung zum Nachhaltigkeitsmanager absolvieren. Organisiert wurden die Treffen und die Weiterbildung vom „Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit. Betriebsökologie für Klimaneutrale Kultur und Medien“. Die Grünen Botschafterinnen und Botschafter arbeiten in unterschiedlichen Bereichen in den Theatern wie der Öffentlichkeitsarbeit, den Werkstätten, der Dramaturgie, der Kaufmännischen Direktion usw.  

 

Als wesentliche These stellten die Grünen Botschafterinnen und Botschafter bei der oben genannten Veranstaltung am 14. Mai die Forderung auf, dass in den Zuwendungsbescheiden für Theater Nachhaltigkeitsziele verpflichtend aufgenommen und im Nachgang deren Erfüllung kontrolliert werden sollte. Nur so, so der einheitliche Tenor, ist die Umsetzung tatsächlich möglich, nur so können Veränderungen auch umgesetzt werden. Der Bühnenzauber komme dabei schon nicht zu kurz. 

 

Uns hat diese Forderung nach weiteren Fesseln für den Kunstbereich nachdenklich gemacht. Ist die ökologische Veränderung in Kulturbetrieben tatsächlich nur durch noch mehr Fesseln durch die öffentliche Hand umsetzbar, sind die Verantwortlichen in den Betrieben tatsächlich so taub oder so veränderungsfaul, sind die erforderlichen Ziele so unerreichbar, dass lieber die Flügel gestreckt werden, bevor abgehoben wird? 

 

Keine Frage, die Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen kann anstrengend sein. Sie ist vor allem dann schwer, wenn das Vergaberecht oder das Haushaltsrecht auf Nachhaltigkeit treffen. Das Problem wird potenziert, wenn Projekte nur für ein Jahr laufen. Dann ist so gut wie jede Anschaffung, die zwar langlebig, weiter verwendbar, nachhaltig produziert ist, unwirtschaftlich, gerade weil sie länger als ein Jahr haltbar ist. Die Kurzfristigkeit mancher Förderung verhindert Nachhaltigkeit. In der Logik von kurzfristigen Projekten ist es durchaus nachvollziehbar, etwas nicht zu finanzieren, was noch lange nach Projektende nutzbar ist. Warum auch, das Projekt ist doch vorbei. Doch gerade diese Förderpolitik ist nicht nachhaltig! Es muss doch vielmehr darum gehen, Anschaffungen so tätigen zu können, dass angeschaffte Geräte oder Materialien auch in anderen Zusammenhängen, in anderen Vorhaben weitergenutzt werden können. Hier sind Weiterentwicklungen in der Projektförderung dringend von Nöten. Ebenfalls sollten bei Vergabeverfahren ökologische Kriterien eine wichtige Rolle spielen, so manche auf den ersten Blick teurere Anschaffung könnte so in einem anderen Lichte dastehen und eher zum Zuge kommen.  

 

Im Rahmen des Programms NEUSTART KULTUR wurden in den letzten beiden Jahren pandemiebedingte Investitionen in Kultureinrichtungen gefördert, die nicht hauptsächlich öffentlich gefördert sind. Neben Lüftungsanlagen und Plexiglasscheiben waren weitere Baumaßnahmen möglich, die die Einrichtungen für den Betrieb unter Pandemiebedingungen fit machen sollten. Dabei zeigte sich der immense Investitionsstau aus den letzten Jahrzehnten. Investitionen in die Nachhaltigkeit von Gebäuden sind daher dringend erforderlich, um den Anforderungen des Klimawandels gerecht zu werden und um ökologischer zu arbeiten. 

 

Entscheidend ist allerdings, dass die Leitungen von Kultureinrichtungen und Kulturinstitutionen, die Kulturverwaltung sowie Kulturpolitikerinnen und Kulturpolitiker Nachhaltigkeit nicht als Zusatz begreifen, sondern als ein übergreifendes Ziel. Investitionen in Bau- oder Umbaumaßnahmen, in Wärmedämmung und anderes mehr sollten ein Qualitätskriterium öffentlicher Kulturförderung sein. Kaum etwas ist in der Kulturpolitik so verpönt, wie die Investition „in Steine“. Baumaßnahmen werden oft teurer als geplant, die Lorbeeren werden später geerntet, wenn diejenigen, die die Maßnahmen auf den Weg bringen, nicht mehr verantwortlich sind und schöne Projekte mit Künstlerinnen und Künstlern oder auch in der Kulturvermittlung sind viel pressetauglicher und lassen sich besser vermitteln. Hier ist ein Umdenken gefragt. Ökologische Investitionen, Investitionen in nachhaltiges Wirtschaften sollten „sexy“ und ein Ausweis besonderer Vorausschau in Politik und Verwaltung sein. Auch dies wäre ein Teil der Transformation.  

 

Ein Zwang zur Nachhaltigkeit per Zuwendungsbescheid schafft eher neue Probleme. Bei der Veranstaltung zur Nachhaltigkeit beim Berliner Theatertreffen, mussten die Verbotsapologeten daran erinnert werden, auf welchen gefährlichen Pfad sie sich begeben. Gerade das Theatertreffen ist kein Vorbild der Nachhaltigkeit, wenn jedes Jahr zehn Inszenierungen mit Bühnenbild und Schauspielerinnen und Schauspielern für wenige Aufführungen nach Berlin geschafft werden. Im Sinne der Nachhaltigkeit ist das Theatertreffen aus der Zeit gefallen. Die Abschaffung des Theatertreffens wäre sicher die nachhaltigste denkbare Maßnahme, um die Nachhaltigkeitsziele für das Theatertreffen selbst zu erreichen, aber wollen wir wirklich auf dieses Kulturereignis verzichten? 

 

Es muss doch viel mehr darum gehen, Veränderungen im Kunstbereich zu belohnen, ressourcenschonendes Wirtschaften im Kulturbereich anzustreben, ohne den Kunstbetrieb einzuschränken.  

 

Statt einer weiteren Fessel wäre die Entfesselung für die notwendige Veränderung verantwortlich. Mut nicht Demut sind gefragt, Veränderungswille statt Veränderungszwang. Erfreulich ist, wie viele Kultureinrichtungen und Kulturunternehmen sich auf diesem Veränderungsweg bereits befinden. Dies sollte beflügeln. 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 06/22.

Olaf Zimmermann & Gabriele Schulz
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. Gabriele Schulz ist Stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen Kulturrates.
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