Büchse der Pandora

Kommentar zur Corona-Pandemie

Ja, wir haben sie geöffnet, die berühmte Büchse der Pandora. Nicht erst in Wuhan, sondern schon Jahrzehnte vorher. Unsere Büchse heißt Kommerzialisierung aller Lebensbereiche und ist die Idee eines zügellosen Kapitalismus. Noch vor einem Dreivierteljahr stellte die Bertelsmann Stiftung fest: „In Deutschland gibt es zu viele Krankenhäuser.“ Und jetzt ringen wir um jeden Beatmungsplatz für Corona-Patienten. Wir haben uns Sand in die Augen streuen lassen und waren vielfach blind, die Risiken zu erkennen.

 

Das Heilsversprechen der Geschäftemacher ist: Durch immer mehr Globalisierung gehe es uns allen immer besser. Doch bis heute ist die globalisierte Welt nicht in der Lage, den Hunger zu bekämpfen, immer noch stirbt etwa alle 3,5 Sekunden ein Mensch an den Folgen von Hunger und Unterernährung.

 

Oder das Recht auf Bildung in der Welt zu realisieren? Immer noch beherrschen etwa 776 Millionen Erwachsene – die meisten davon Frauen – nicht die einfachsten Grundlagen des Schreibens und Rechnens, ungefähr 75 Millionen Kinder gehen nicht zur Schule, keinen einzigen Tag in ihrem Leben! Und nicht nur in Syrien werden ganze Generatio­nen tagtäglich ihrer Zukunft beraubt.

 

Doch bislang konnten wir glauben, dass zumindest wir im sogenannten entwickelten Teil der Welt die Nutznießer der Kommerzialisierung und der Globalisierung seien. Spätestens mit dem weltweiten Siegeszug des Coronavirus wurden wir eines Besseren belehrt.

 

Der Kulturbereich spürt die verheerenden Wirkungen der Seuche gleich dreifach. Wie alle Menschen sind wir von gesundheitlichen Risiken der Pandemie betroffen, zusätzlich können viele Kulturschaffende ihrer Arbeit, die sehr oft viel mehr als nur Broterwerb ist, nicht mehr nachgehen und die wegbrechenden Einnahmen bringen viele Kulturunternehmen und Solokünstler in existenzielle Not.

 

Schon vor mehr als fünf Jahren haben wir uns gegen die sogenannten Freihandelsabkommen, wie TTIP und CETA, gestellt und sind gemeinsam mit den Freunden aus der globalisierungskritischen Szene auf die Straße gegangen1. Wenn die Corona-Pandemie überwunden ist, müssen wir an die damaligen Aktivitäten wieder anknüpfen und die Grundfrage, wie wollen wir in der Zukunft leben, neu beantworten. Der Kulturbereich muss bei der notwendigen Diskussion einer der Antreiber sein.

 

Das letztlich Positive an dem griechischen Mythos ist doch, dass die Büchse der Pandora auch die Hoffnung enthält. Wir müssen sie jetzt nur herauslassen.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 04/2020.

 

1 siehe hierzu: TTIP, CETA & CO: Zu den Auswirkungen der Freihandelsabkommen auf Kultur und Medien

 

 

Olaf Zimmermann
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur.
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