Am 13. August dieses Jahres jährt sich der Bau der Berliner Mauer zum 65. Mal. Sie ist das weltweit bekannteste Symbol für den Wettstreit der Systeme nach 1948 und das Ende des Kalten Kriegs 1989.
„The Berlin Wall“ ist ein Symbol wie die Chinesische Mauer. Jedes Jahr kommen Millionen Menschen, um die Überreste der Berliner Mauer zu sehen. Partikel der Berliner Mauer werden fast wie säkulare Reliquien betrachtet. Teile der Berliner Mauer sind an 62 Orten auf der ganzen Welt zu sehen.
Internationale Bekanntheit haben selbstverständlich der Kölner Dom, Schloss Neuschwanstein und sicherlich auch das Münchner Oktoberfest, doch die Berliner Mauer übertrifft die Genannten um ein Vielfaches. Während der Kölner Dom und das Schloss Neuschwanstein zu den 51 eingetragenen deutschen UNESCO-Welterbestätten zählen, ist dies für die Berliner Mauer nicht der Fall. Höchste Zeit, dies zu ändern.
Bereits seit mehr als 30 Jahren treibt der BUND, als Umwelt- und Naturschutzverband, den Schutz der ehemaligen innerdeutschen Grenze als Biotopverbund voran. Ebenso lange setzt er sich dafür ein, dass die ehemalige innerdeutsche Grenze, das „Grüne Band“, als Vorschlag für ein Weltnaturerbe bei der UNESCO eingereicht wird. Auf dem vormaligen Grenzstreifen konnte sich eine einzigartige Fauna und Flora entwickeln. Bedrohte Tier- und Pflanzenarten fanden Rückzugsflächen und blieben erhalten. Die industrielle Landwirtschaft konnte auf diesem Grenzstreifen nicht ausgedehnt werden, was zum Arterhalt beitrug.
Seit Beginn hat der BUND den Kontakt zu lokalen Gruppen und Initiativen gehalten, die an die deutsche Teilung erinnern und beispielsweise in Grenzmuseen erinnerungskulturelle Orte geschaffen haben. Dass in diesem Jahr die Gedenkstätte Mödlareuth, dank Bundes- und Landesförderung, ein neues Gebäude mit einer aktuellen Ausstellung beziehen konnte, ist ein Zeichen dafür, welche Relevanz dieser Erinnerungsraum hat. Mödlareuth, auch „Little Berlin“ genannt, gehört zu den Ortschaften an der innerdeutschen Grenze, die geteilt waren. Heute treffen hier die offenen Landesgrenzen von Thüringen und Bayern aufeinander.
Im Jahr 2024 hat die Kulturministerkonferenz beschlossen, das Grüne Band auf die Tentativliste für Welterbebewerbungen zu setzen und den Auftrag erteilt, eine Bewerbung als gemischte Welterbestätte zu prüfen. Dem Vernehmen nach soll im Herbst dieses Jahres eine Begutachtung vor Ort stattfinden, ob die materiellen Voraussetzungen für eine Bewerbung als Weltkulturerbe ausreichend sind und welche Kriterien angelegt werden sollen. Das Ergebnis dieses Prozesses wird ausschlaggebend sein, ob allein die Bewerbung für ein Weltnaturerbe „Grünes Band“ vorangetrieben wird oder ob die Bewerbung auf eine gemischte Welterbestätte abzielt, die bereits im Namen Auskunft über die außergewöhnliche Bedeutung dieses Natur- und Kulturraums geben muss.
Bislang hat vor allem das Land Thüringen dankenswerterweise den Prozess zur Anerkennung des Grünen Bands als Weltnaturerbe vorangetrieben und diverse Projekte im Naturbereich unterstützt. Thüringen hat unbestritten eine Führungsrolle im Naturbereich übernommen und die Kultur mitgedacht. Dies wird nicht zuletzt in dem geförderten Projekt zum Natur- und Kulturraum Grünes Band des BUND in Kooperation mit dem Deutschen Kulturrat deutlich.
Berlin hat sich bislang eher zurückgehalten. Vermutlich auch aus dem Grund, dass der Prozess vor allem von Naturseite forciert wurde und die Berliner Mauer nicht zum Weltnaturerbe taugt. Dafür eignet sie sich umso mehr als Weltkulturerbe zusammen mit den anderen Relikten der ehemaligen deutschen Grenze in neun weiteren Ländern.
Grenzanlagen gehören zur Menschheitsgeschichte. Laut hebräischer Bibel brachte Josua mit Posaunen die Mauern von Jericho zum Einsturz. Der Limes grenzte das Römische Reich von den Barbaren ab. Die Chinesische Mauer sollte vor dem Einfall von Reitervölkern schützen. Die Maginotlinie in Frankreich, Belgien und Luxemburg war ein Schutzwall gegenüber dem kriegerischen Nachbarn Deutschland. Alle diese Grenzen und Befestigungsanlagen hatten zum Ziel, ein Territorium vor feindlichen Angriffen von außen zu schützen. Das gilt gleichermaßen für Zäune und Befestigungsanlagen, die heute errichtet werden, um Flüchtlinge am Grenzübertritt zu hindern, sei es z.B. am Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA oder auch an den Befestigungen, die an den Außengrenzen der EU errichtet werden, um Flüchtlinge am Betreten europäischen Bodens zu hindern.
Die innerdeutsche Grenze und die Berliner Mauer als das Symbol für die deutsche Teilung hatten einen anderen Zweck: Es ging der DDR in erster Linie darum, die eigene Bevölkerung am Verlassen des Landes zu hindern und nicht Angriffe von außen abzuwehren.
Darüber hinaus stehen die Berliner Mauer und die innerdeutsche Grenze für die Blockkonfrontation von 1948 bis 1989 und die damit verbundene Aufrüstung und Waffenstationierung in der Mitte Europas. Sie repräsentieren aber ebenso den Widerstand in der DDR, der mit dem Aufstand am 17. Juni 1953 begann, die Perestroika bis hin zu den Montagsdemonstrationen. Und dem wunderbaren Finale, der friedlichen Überwindung der Mauer durch massiven Protest der Bevölkerung in der damaligen DDR.
Sie symbolisieren ebenso den Helsinki-Prozess in den 1970er Jahren. Der in diesem historischen Umfeld geschlossene deutsch-deutsche Grundlagenvertrag machte die zuvor undurchdringliche innerdeutsche Grenze und Berliner Mauer ein Stück weit durchlässiger. Reiseerleichterungen wurden ermöglicht, der kleine Grenzverkehr etabliert, der es Westdeutschen in den grenznahen Landkreisen ermöglichte, persönliche familiäre Kontakte über die Grenze hinweg zu pflegen.
Die Erinnerung an die innerdeutsche Grenze und die Berliner Mauer ist damit ein Appell an die Kraft der Diplomatie, den Multilateralismus und besonders die Macht, die Menschen durch friedlichen Protest auf die Straße bringen können.
Ein Hoffnungszeichen, dessen Relevanz und Strahlkraft nicht hoch genug eingeschätzt werden können. Nicht umsonst kommen die Menschen nach Berlin und an die innerdeutsche Grenze, um sich von der Hoffnung auf Veränderung inspirieren zu lassen. Allein das ist ein weltweites Alleinstellungsmerkmal.
Deutschland darf sich rühmen, mit 52 Weltkultur- und drei Weltnaturerbestätten auf der UNESCO-Welterbeliste vertreten zu sein. Nur China und Italien haben mehr Welterbestätten. Dies sollte aber nicht entmutigen, die Bewerbung der innerdeutschen Grenze, der Berliner Mauer und des Grünen Bandes weiter voranzutreiben – zumal es bislang noch keine gemischte Welterbestätte in Deutschland gibt.
Die Bewerbung einer gemischten Welterbestätte ist anspruchsvoll. Es gilt, die jeweiligen Kriterien, Natur- und Kulturkriterien, genau herauszuarbeiten, die Einzigartigkeit schlüssig darzulegen und materiell zu belegen. Die besondere Herausforderung besteht darin, über die Grenzen der jeweiligen Profession hinauszuschauen. Es wird eben nicht reichen, wenn der Naturbereich sagt, dass die Kultur schon immer mitgedacht wurde und zu Grenzmuseen Kontakte gepflegt werden. Ebenso wenig wäre es zielführend, wenn von Kulturseite die Naturschutzgebiete vor allem als grüne Dekoration wahrgenommen würden. Es müssen vielmehr die kulturwissenschaftlichen, historischen, denkmalfachlichen und Natur- und Umweltschutzkompetenzen zusammengebracht und der Mehrwert der gemischten Welterbestätte präzise herausgearbeitet werden.
Hilfreich wird sicherlich sein, dass die Flächen nicht hundertprozentig identisch sein müssen und bei der Einbeziehung Berlins ohnehin eine serielle Nominierung erforderlich ist. Umso wichtiger wird es werden, die repräsentativen Attribute herauszuarbeiten und zu belegen.
Bislang sind es einige Länder, allen voran Thüringen, die die Nominierung des Grünen Bands als Weltnaturerbe bzw. als gemischte Welterbestätte voranbringen und finanziell unterlegen. Es wird Zeit, dass Berlin auf den Zug aufspringt. Mit der Berliner Mauer hat Berlin das Artefakt, das weltweit bekannt ist und als einzigartig wahrgenommen wird. Es steht für demokratische Prozesse, für eine multipolare Welt und für das Überwinden von unüberwindbar erscheinenden Mauern.
Der 13. August dieses Jahres bietet sich an, dass Berlin verkündet, sich offensiv in den Welterbeprozess zur Berliner Mauer und zur innerdeutschen Grenze einzubringen. Die im September neu zu wählende Landesregierung täte gut daran, sich bereits im Koalitionsvertrag zu dem Vorhaben Welterbe zu bekennen und hier einen kulturpolitischen Akzent zu setzen.
Der 13. August ist ein Datum, an dem zurück und nach vorne gedacht werden sollte. Es wird Zeit: Die Berliner Mauer muss als weltweites Symbol der friedlichen Überwindung von Grenzen endlich Weltkulturerbe werden!
Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 5-6/2026