Ein neues Licht

Ferdinand Benekes Tagebücher als Inspiration für das Reformationsjubiläum 2017

Wenn man sich nur intensiv genug mit einer Sache beschäftigt, fällt einem bald nichts mehr dazu ein. Es sei denn, jemand käme und steckte einem ein neues Licht auf. So ging es mir mit der Reformation. Lang war die Zeit der Vorbereitung auf das große Jubiläum, arbeitsreich die eigene Auseinandersetzung mit dieser epochalen Bewegung. Viel hatte ich gelesen, viel hatte ich geschrieben, bis mir kein interessanter Gedanke mehr dazu kommen wollte. So musste ich befürchten, ausgelaugt und uninspiriert ins Jubiläumsjahr 2017 einzutreten.

 
Zum Glück aber gab mir ein freundlicher Mitmensch, nämlich der Hamburger Historiker Frank Hatje, gerade noch rechtzeitig einen entscheidenden Hinweis, sodass ich nun mit frischer Freude auf die Reformationsfeiern zugehen kann. Hatje arbeitet mit seinem Team in meiner Heimatstadt Hamburg an einem der schönsten und interessantesten Editionsvorhaben, das Deutschland zurzeit zu bieten hat. Gemeinsam geben sie die Tagebücher von Ferdinand Beneke heraus. Dieser war ein bedeutender Hamburger Politiker und Jurist, vor allem aber ein großartiger Tagebuchschreiber – mindestens im Rang eines Samuel Pepys. Benekes Aufzeichnungen von 1792 bis 1848 schildern das gesamte damalige Leben in einer höchst bewegten Zeit: Stadt- und Weltpolitik, Musik und Literatur, Alltag und Religion. Beneke besaß dafür die nötigen politischen und gesellschaftlichen Kenntnisse, denn er arbeitete als Oberaltensekretär an einer Schaltstelle von Stadt und Kirche. Seit einigen Jahren nun werden Benekes Tagebücher, die nicht nur eine kostbare historische Quelle, sondern darüber hinaus ein literarischer Schatz eigener Güte sind, wissenschaftlich ediert – dank der großzügigen Unterstützung der „Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur“. Im Jahr 2021 soll die Edition abgeschlossen sein und 20 Bände umfassen. Noch ist vielen Deutschen gar nicht bewusst, was für ein Juwel hier der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.

 
In diesen Tagebüchern findet sich nun die schönste und klügste, kritischste und frömmste Erklärung, wie man als aufgeklärter Bürger und Protestant der Reformation gedenken soll. Beneke schrieb sie am 31. Oktober 1817 nieder (sie ist noch nicht editiert, deshalb bin ich Frank Hatje für den Hinweis darauf so dankbar). Es muss ein eigentümlich aufgewühlter Tag gewesen sein. Die Zeit Napoleons war endgültig vorbei, eine neue Ordnung musste für Europa gefunden werden, zugleich brach sich ein nationaler Enthusiasmus Bahn. Burschenschaftler zogen auf die Wartburg, um den 300. Jahrestag von Luthers Thesenanschlag feierlich und begeistert zu begehen. Beneke war zu alt und abgeklärt, um sich diesem Zug anzuschließen. Stattdessen tat er, was er immer tat: Er schrieb in sein Tagebuch:

 
„Als ein öffentliches Jubelfest will mir das Reformationsfest nicht gelingen. Schon beym ersten Erwachen leuchteten der theure Gottesmann Luther und die Freyheit des Geistes, welche er allen Christen erstritten, durch mein Gebet. Als ein öffentliches Kirchenfest kann mir diese Feyer aber nicht zusagen, weil die Reformazion wie alles Menschenwerk nicht rein genug ist, sowol in ihrer Katastrophe selbst als in ihren religiösen und politischen Folgen (unter welchen wir die unseligste, blutigste Periode unsers deutschen Vaterlandes mitzuzählen nicht vergeßen dürfen). Und weil dieses Fest als öffentliche Jubelfeyer immer einen polemischen, sich gegen katholische Mitchristen triumphirend rühmenden Charakter hat, der weder mit dem liebreich innigen und demüthigen Charakter des Christenthums noch mit der Unsicherheit übereinstimmen kann, welche über alle unsre verschiedenen Ansichten des Lebens und der Kirchen schwebt. Die Evangelische Kirche und die Katholische – beyde sind die Träger und Säulen Eines Tempels. Darum freue sich jede ihrer Eigenthümlichkeit. Sie erkenne auch an der Schwesterkirche das Gute in dem, was in ihr anders ist. Aber nicht lautjubelnd rühmen müße sich die Eine ihrer Vorzüge vor der anderen mit Festgeläute, Kanonendonner und Triumph. Ach, beyden Christenparteyen hat der gnädige Gott viel zu vergeben!“ Dies wäre noch heute nicht die schlechteste Art, der Reformation zu gedenken und das anstehende Jubiläum zu feiern: im Gebet für die christliche Freiheit des Geistes zu danken, dies aber nicht in einem triumphalistischen Jubelereignis, sondern in einer vertieften Selbstbesinnung; dabei den anderen Konfessionen nicht nur mit Respekt und Toleranz zu begegnen, sondern sie anzuerkennen, d. h. sich an der Andersartigkeit der anderen zu erfreuen, um sich dann wechselseitig zu vergeben. Dies müsste nun keine trübe Bußübung, sondern könnte durchaus ein fröhliches Fest werden. In ihm aber stellt sich die ernste Frage, was denn nun das Eigentümliche des Protestantismus ist, an dem sich auch aufgeklärte Katholiken erfreuen könnten. Die Antwort darauf wird man in den Tagebüchern von Ferdinand Beneke vergeblich suchen. Man wird sie selbst finden müssen.

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland.
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