„Die Juden trinken aus Quellen“

Der christlich-jüdische Dialog

„Die Juden trinken aus den Quellen, die Griechen aus dem Ablauf und die Römer oder Lateiner aus den Pfützen.“ Dieser Satz stammt von Martin Luther. Der sprachgewaltige Reformator konnte recht derb werden und gut austeilen. Nach diesem Zitat könnte man ihn für einen Griechen- oder Römerhasser halten, gewiss nicht für einen Feind der Juden.

 

Leider wandelte sich Luthers Haltung zu den Juden, und so sind uns Schriften und Sätze überliefert, die wir heute ebenso ungern wiedergeben wie die eingangs zitierte Aussage. Es ist denn auch nicht verwunderlich, dass die jüdische Gemeinschaft Luther als problematische Person der Zeitgeschichte sieht.

 

Das positive Wirken Luthers soll dennoch nicht ausgeblendet werden. Ohne Zweifel war Martin Luther nicht nur ein tiefgläubiger Mensch, sondern zugleich auch sehr mutig. Er hat alles aufs Spiel gesetzt, um die damaligen Missstände in der Kirche anzuprangern und letztlich kirchenstiftend gewirkt. Es ist daher nachvollziehbar, dass evangelische Christen das Reformationsjubiläum feiern.

 

Zugleich gibt es in der jüdischen Gemeinschaft eine Erleichterung, dass die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) keine Jubelchöre anstimmt und die frühere Heldenverehrung nicht einfach fortsetzt. Die evangelischen Christen machen es sich heutzutage mit ihrem Kirchenvater nicht leicht. Sie beschäftigen sich mit dem massiven Antisemitismus Martin Luthers und dessen verheerenden Folgen.
Vor allem die EKD-Synode hat sich intensiv mit dem Antisemitismus von Martin Luther auseinandergesetzt. Wegweisend war ihr Beschluss vom vergangenen Jahr. In der verabschiedeten Erklärung ist die Rede von einer „Schuldverstrickung der Reformatoren und der reformatorischen Kirchen“ und von einem „schuldhaften Versagen gegenüber dem Judentum“ in der Zeit des Nationalsozialismus.

 

Damit hat die Synode eine Linie gezogen von Luther bis zur NS-Zeit. In der Tat hat die Judenfeindschaft der beiden großen christlichen Kirchen dazu beigetragen, dem Antisemitismus der Nationalsozialisten den Weg zu bereiten. Über Jahrhunderte hatten die Kirchen judenfeindliche Stereotype gepflegt und in Predigten Lügen über das Judentum verbreitet. Daran konnten die Nazis anknüpfen. Weder von der katholischen noch von der evangelischen Kirche gab es damals nennenswerten Widerstand gegen die Verfolgung und Vernichtung der Juden. Die EKD hat sich in Vorbereitung auf das Reformationsjubiläum erneut klar zum Versagen der evangelischen Kirche in der NS-Zeit bekannt.

 

Für die jüdische Gemeinschaft ist jedoch ebenso wichtig, dass die EKD-Synode sich zugleich gegen die Judenmission ausgesprochen hat. Damit hat sie das Leid anerkannt, das die über Jahrhunderte praktizierte Zwangskonversion vieler Juden verursacht hat. Für uns ist jetzt entscheidend, dass diese Erklärung auch in allen evangelischen und evangelikalen Gemeinden und Gruppierungen umgesetzt wird. Dies gilt auch für die sogenannten messianischen Juden, die unter falscher Flagge segeln. Sie bezeichnen sich als Juden, obwohl sie an Jesus als Messias glauben, und versuchen, Juden für diese Haltung zu gewinnen. Damit propagieren sie faktisch eine Aufgabe des Judentums. Das ist inakzeptabel. Es ist zu begrüßen, dass diese Gruppe keine Plattform beim Evangelischen Kirchentag im Mai bekommt.

 

Der Synodenbeschluss zu Luthers Antisemitismus sollte in unseren Augen noch weitere Konsequenzen haben: ein beherztes Engagement gegen den heutigen Antisemitismus und die zunehmende Israelfeindlichkeit! Die Abkehr von Judenfeindlichkeit und Judenmission bedeutet noch nicht automatisch eine Hinwendung zum Judentum. Papst Johannes Paul II. hat das Judentum einmal als „älteren Bruder“ des Christentums bezeichnet. Sollten nicht zwischen Geschwistern Empathie und Solidarität herrschen? Daran müssen wir noch arbeiten.

 

Die Kirchen können sich aktiv am Abbau von den lange tradierten Vorurteilen beteiligen. Sie können zeigen, welche jüdischen Traditionen und religiösen Inhalte das Christentum übernommen oder abgewandelt hat.

 

Auch für Israel können sich die Kirchen meines Erachtens noch aktiver einsetzen. Die grundsätzliche Solidarität mit dem Land, das Christen als Heiliges Land betrachten, sollte nicht infrage gestellt werden, weil man nicht mit der Politik der israelischen Regierung einverstanden ist. Es gibt auch kirchliche Gruppen, die mit Blick auf Israel in ein Schwarz-Weiß-Denken verfallen sind. Deutschland hat aufgrund seiner Geschichte eine besondere Verantwortung für Israel. Dieses Verantwortungsbewusstsein wünschen wir uns auch von den Kirchen.
Es ist daher gut und wichtig, den christlich-jüdischen Dialog weiterzuführen. Auch der Dialog mit Muslimen ist notwendig. Dennoch sollten wir nicht den christlich-jüdischen Dialog durch einen Trialog ersetzen. Wir brauchen unsere gemeinsame Plattform, um uns über die in Jahrhunderten geschaffenen Gräben hinweg wieder anzunähern. Das Reformationsjubiläum ist dafür ein guter Anlass.

Josef Schuster
Josef Schuster ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland
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