Nachhaltigkeit und Energiewende als kulturelle Aufgabe

Auferstanden aus der Kohle…

Foto: realities:united, 2019, digitale Montage basierend auf einer Fotografie von Frank Roeder/picture alliance/Westend61

Das Ende einer Ära steht uns bevor. 2022 werden in Deutschland die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet, nach und nach gehen die Kohlekraftwerke vom Netz. Es wird eine neue Dynamik entstehen, ein neues solares Zeitalter wird beginnen und schneller als wir heute glauben, werden die letzten rauchenden Kühltürme der fossilen Energieerzeugung stillgelegt. Diese kulturelle Revolution schreit nach künstlerischer Bearbeitung.

 

In der Berlinischen Galerie thematisieren „realities:united“, dahinter stehen Jan und Tim Edler, mit ihrer Ausstellung „Fazit“ das künstlerische Potenzial für den damit einhergehenden industriellen, kulturellen und sozialen Wandel. Ihr Vorschlag: Noch aktive Kraftwerke sollen so modifiziert werden, dass sie nicht mehr nur Energie und Schadstoffe produzieren, sondern auch weithin sichtbare Zeichen in die Luft abgeben – als Symbol und Leitbild dieser Transformation.

 

Die gesellschaftliche Debatte rund um die Energiewende und die damit einhergehenden Chancen und Herausforderungen werden im Rahmen der Ausstellung mit Vertreterinnen und Vertretern der Energiebranche, von Umweltverbänden, Kunstschaffenden, aber auch mit den Besucherinnen und Besuchern weitergeführt. Die Ausstellung will als Inkubator für das langfristige künstlerische Projekt und für eine nachhaltige kulturelle Auseinandersetzung mit dem Thema fungieren.

 

Die Veränderungsnotwendigkeiten sind den meisten Menschen bewusst. Aber die Potenziale, die einen Prozess in Gang bringen und die Trägheit der politischen Entscheider beenden, liegen noch brach. Wissen wird nicht automatisch gesellschaftlich relevant, auch weil Diskussionen viel zu oft in Blasen stattfinden. Hier bedarf es der Kunst, um die Starre aufzubrechen.
Die Podiumsdiskussion am 19.06.2019 in der Berlinischen Galerie trug dazu bei. So berichtet Gerd Rosenkranz von der Agora Energiewende begeistert, dass er bei der Eröffnung dieser Ausstellung keinen einzigen Menschen kannte. Und das freute ihn: Endlich einmal andere Menschen, die sich mit der Energiewende beschäftigen. Denn die Erkenntnisse müssen raus aus der Blase der Wissenschaft hinein in die gesamte Gesellschaft.

 

Esra Küçük, die Geschäftsführerin der Allianz Kulturstiftung, thematisierte die Kluft zwischen Wissen und Bewusstsein. Allzu oft wissen wir gar nicht, was Entscheidungen wirklich bedeuten. Nur wenige Akteure gestalten Wandel wirklich mit, die anderen bleiben oft zurück. Deshalb bedarf es Orte, an denen sich die viele mit gesellschaftlichem Wandel beschäftigen und Diskurse entstehen.

 

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung schafft solche Orte und unterstützt Menschen, die neue Ideen mit Leben füllen. Als Generalsekretär ist es Günther Bachmann leider gewohnt, wohlfeile Reden zum Thema Nachhaltigkeit zu hören. Um aber nachhaltiges politisches Handeln zu bewirken, bedarf es noch mehr Druck aus der Zivilgesellschaft. Deshalb ist es für ihn wichtig, dass Kunst und Kultur noch stärker politisch wirken.
„Wir brauchen mehr Räume, an denen Menschen zusammenkommen und die Veränderung bearbeiten“, sagte Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. „Die industriellen Orte des fossilen Zeitalters, das uns Fortschritt und Wohlstand gebracht hat, sollten wir nicht verteufeln und platt machen, sondern diese nutzen, auch zur kulturellen Erneuerung der Regionen. Dies könnte ein wertvoller Beitrag werden, um die Akzeptanz des Wandels zu befördern. Denn wir brauchen ein positives Verhältnis zum eigenen tun. Nicht Stilllegen, wachküssen.“

 

So wie Neuseenland. Wo in der Vergangenheit ganze Landstriche für die Energieversorgung verwüstet, Dörfer abgebaggert und Heimat vernichtet wurde, ist etwas völlig Neues entstanden. Die ehemalige Kraterlandschaft südlich von Leipzig wurde nach dem Ende des Braunkohlebergbaus renaturiert und geflutet. Eine faszinierende Melange aus Wohnen und Freizeit, Natur und Kultur, Action und Entspannung ist entstanden. Die riesigen Schaufelradbagger stehen nur noch als stählerne Zeugen einer vergangenen Ära am Horizont.

 

Vor diesem Hintergrund haben der Deutsche Kulturrat gemeinsam mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschenland eine Veranstaltungsreihe konzipiert, die sich unter dem Claim „Heimat: Was ist das?“ mit der kulturellen Dimension der Nachhaltigkeitsdebatte auseinandersetzt. Am 6. September werden wir in Mitten des Museums der bildenden Künste Leipzig mit interessanten Gästen diskutieren, ob und wie Heimat neu entstehen kann. Freiherr Speck von Sternburg wird uns durch seine Sammlung führen und mit uns erläutern, welchen Beitrag kann Kunst und Kultur zur Beheimatung leisten kann. Regine Möbius liest aus „Schneisen der Zeitgeschichte“ und zeigt gesellschaftliche Diskurs auf, die Heimat gestalten. Und dann fahren wir nach Neuseenland, um Menschen zu treffen, die ihre Heimat verloren und neue Heimat gewonnen haben.

 

Die Kraft von Kunst und Kultur vermittelt bei gesellschaftlichen Veränderungen, hat das Potenzial zum Perspektivwechsel und manchmal auch die Sprengkraft der Befreiung. Durch ihre Kompromisslosigkeit kann sie irritieren, sollte aber immer, wie wir es tun, zum Diskurs einladen.

Jens Kober
Jens Kober ist Referent für Nachhaltigkeit und Kultur beim Deutschen Kulturrat.
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