Unter dem Highway lauert die Vergangenheit

Die Ausstellung „Umbruch Ost“ der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Halle (Saale)

 

Im Schatten der Pandemie

Die Plakatausstellung „Umbruch Ost“ sollte am 18. März 2020 – dem Jahrestag der Revolution von 1848 und der ersten demokratischen Wahl in der DDR im Jahre 1990 – vor dem Berliner Abgeordnetenhaus eröffnet werden. Die Pandemie machte der Eröffnung einen Strich durch Rechnung. Sie wurde später mit nur kleinem Publikum nachgeholt. Auch andere Eröffnungen und geplante Veranstaltungen fielen reihenweise aus. Trotzdem war die Plakatausstellung durchaus erfolgreich. Die Vernissage wurde Anfang Oktober in großem Rahmen und mit zahlreicher Prominenz nachgeholt. Insgesamt wurde die Ausstellung in zehn Sprachen übersetzt und mehr als 1.500 Exemplare konnten weltweit verbreitet werden.

 

Mit dem Projekt „Umbruch Ost“ wurde trotz aller Corona-Beschränkungen ein Experiment gewagt: Die Stiftung forderte dazu auf, Ergänzungstafeln aus lokaler Sicht zu gestalten, die grafisch im Muster der Ausstellung bleiben und zunächst vor Ort gemeinsam mit der Ausstellung gezeigt werden sollten. Außerdem war dann eine gemeinsame Präsentation aller Ergänzungstafeln vorgesehen.

 

Genau dies geschah zum Tag der Deutschen Einheit vom 1. bis zum 3. Oktober 2021 in Halle.

 

So präsentierte etwa eine Bürgerrechtsinitiative aus Plauen Erinnerungsfotos zu den dramatischen Vorgängen in dieser Stadt am 7. Oktober 1989. Eine Stiftung aus Rostock gestaltete eine Fotoserie mit interessanten Texten über den kulturellen Umbruch nach der Friedlichen Revolution. Aber auch Gruppen und Institutionen, wie Volkshochschulen, Gedenkstätten und Museen aus der alten BRD, meldeten sich zu Wort und berichteten beispielsweise über die Aufnahme der Flüchtlinge aus der DDR im Herbst 1989. Insgesamt wurden 22 Zusatztafeln im gesamten Bundesgebiet erstellt, die nun auch auf der Homepage der Stiftung zu sehen sind.

 

Treffen in Halle

So sammelte sich schließlich am Nachmittag des 2. Oktobers im Schatten der Hochstraße das Häuflein aller Beteiligten zum Fototermin.

 

Die Autofahrer, die auf dem Highway über die Bilder der Vergangenheit hinwegrasten oder die Fahrgäste der Hallenser Straßenbahnen, denen kaum mehr als ein flüchtiger Blick auf die großformatigen Bilder vergönnt ist, mögen sich über die ungewöhnliche Menschenansammlung  gewundert haben. Doch selbst dies kann man als ein Symbol für den Zeitgeist empfinden. Wer findet schon die Muße, sich inmitten der Hast des Alltags mit der Vergangenheit zu beschäftigen? Immerhin mag der eine oder andere sich vornehmen, demnächst auszusteigen, im rauer werdenden Herbstwind stehend, die Texte zu lesen oder etwa hundert Meter zu Fuß zurückzulegen, um in den Franckeschen Stiftungen die „Indoor Version“ der Ausstellung zu betrachten.

 

Nach einer guten Stunde bewegten sich die Ausstellungsmacher in Richtung Stadtzentrum, wo das bunte Treiben am Vorabend der Einheitsfeier noch zugenommen hatte. In einem der Restaurants am Hallmarkt waren Plätze reserviert worden. Die Ausstellung im kalten Flutlicht der riesigen Bogenlampen überließen wir den vorbeifahrenden Autos und Straßenbahnen. Sie war dort besser aufgehoben als im geputzten, von Bratwurstdünsten und Dixielandklängen durchwehten Stadtzentrum, wie schön es auch immer sein mag.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 11/2021.

Stefan Wolle
Stefan Wolle ist Publizist, Historiker und wissenschaftlicher Leiter des Berliner DDR-Museums. Er hat Text und Konzeption zur Ausstellung „Umbruch Ost“ erstellt.
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