„Als Frau werde ich ständig an mein Anderssein erinnert“

Die Komponistin Rebecca Saunders im Gespräch

I m Juni 2019 erhielt die Komponistin Rebecca Saunders den Ernst von Siemens Musikpreis. Der sogenannte Nobelpreis der Musik wird mit 250.000 Euro dotiert. Cornelie Kunkat spricht mit der in London geborenen und in Berlin lebenden freischaffenden Komponistin darüber, was sich seit der Preisvergabe verändert hat.

 

Cornelie Kunkat: Im Juni dieses Jahres haben Sie den Ernst von Siemens Musikpreis verliehen bekommen. Hat sich seitdem Ihr Leben verändert? Haben Sie eine andere Sicht auf sich selbst?
Rebecca Saunders: Ja und nein, vor allem gab es davor und danach viel Aufmerksamkeit. Ich lebe sehr zurückgezogen und nun muss ich mir direkt vornehmen, dass dies auch so bleibt – so fokussiert und stur wie vorher zu arbeiten.
Das Sprechen und die öffentliche Aufmerksamkeit lenken einen stark von der kreativen Arbeit ab, und ich bin letztendlich nur zufrieden, wenn ich komponiere. Da muss ich nun eine Balance finden. Aber ich finde es großartig, die Chance zu haben, nun öfter mit Künstlern aus anderen Bereichen zu arbeiten – insbesondere mit Tanz und Raum möchte ich das tun.

 

Der Preis ist eine außerordentliche Ehrung. Aber fühlt er sich auch wie eine Verpflichtung an?
Nein, das kann ich so nicht sagen, denn ich möchte sowieso nur und immer komponieren, mit Musikern zusammenarbeiten, musizieren, weiterhin auf die Suche gehen, die Musik jagen. Insofern verpflichtet mich der Preis nur, diese Vorlieben weiterhin konsequent zu verfolgen. Es ist natürlich eine große Ehre, und ich bin sehr dankbar. Außerdem ist es eine Erleichterung, finanziell unabhängig zu sein. Aber all das sollte meine Arbeit nicht wirklich verändern.

 

Was sind die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?
Meine räumlichen Kompositionen sind mir wichtig, wobei ich eine musikalische und räumliche Polyphonie erforsche. Ich verstehe darunter groß angelegte Collagen, verschiedene, getrennt voneinander komponierte Kammermusik- und Solowerke. Bei jeder neuen Aufführung führe ich ein Dialog mit den besonderen architektonischen Eigenschaften des Aufführungsraumes. Diese Vorgehensweise finde ich sehr spannend.

 

Und woran arbeiten Sie derzeit?
Ich arbeite weiterhin an Solo-Werken für Solisten, mit denen ich schon seit vielen Jahren zusammenarbeite. Meine Kompositionen sind quasi eine Art Hommage an diese großartigen Musiker, die mich inspirieren und deren Virtuosität ein enormes Energiepotenzial versprechen.
Parallel arbeite ich an einer Reihe von Konzerten. Das nächste wird ein Klavierkonzert für das Luzerner Festival in 2020. Die Kombination von solistischen Teilen – virtuos, penibel, detailreich, intim und höchst präzise – mit den vielfältigen Farbmöglichkeiten des großen Orchesterapparates ist in meinen Augen eine extrem spannende und fruchtbare Herausforderung.

 

Im Gegensatz zu Bildenden Künstlerinnen und Künstlern gibt es nur sehr wenige Menschen, die sich hauptberuflich als Komponist bezeichnen. Fänden Sie es wichtig, dass hierzu mehr Musikerinnen und Musiker animiert bzw. ausgebildet werden? Ist die akademische wie finanzielle Förderung in Deutschland auf diesem Gebiet ausreichend?
Ich würde mir wünschen, dass diejenigen, die Komposition studieren, anschließend ausreichend Unterstützung bekommen, um diese besonders schwierigen Jahren künstlerisch wie finanziell zu überleben. Das Komponieren muss man wollen, geradezu brauchen. Die Wege dorthin sind extrem unterschiedlich. Aber alle Künstler müssen viel experimentieren, und dafür braucht man unheimlich viel Zeit. Auch das Scheitern gehört zu den notwendigen Erfahrungen. Deshalb ist es so wichtig, dass junge Komponisten ihren Mut, das Stursein, die Freude am Experimentieren und Riskieren nicht verlieren. Sie sollten sich nicht an einen „Markt“ anpassen müssen, sondern auf der Suche nach der eigenen Stimme bleiben können.

 

Wurde Ihnen dies nach Ihrem Studium in Deutschland ermöglicht?
Ja, ich hatte Glück. Preise, Stipendien, Projektförderung – all diese finanziellen Unterstützungen haben, als ich jung war, dazu beigetragen, dass ich nach dem Studium als Künstlerin überlebt habe. Ohne diese Unterstützung ist es eigentlich fast unmöglich, die notwendige harte Arbeit in die Kunst zu investieren. Insofern sollten diese Förderstrukturen unbedingt beibehalten, wenn nicht sogar ausgebaut werden.

 

Leider gibt es bis heute nur wenige, über Fachkreise hinaus bekannte Komponistinnen. Spüren Sie eine besondere Wahrnehmung Ihrer Person, weil Sie eine Frau sind?
Nicht direkt, aber in fast 80 Prozent der Interviews, die ich dieses Jahr geführt habe, wurde mein Geschlecht thematisiert. Hierdurch bin ich als Frau ständig an mein „Anderssein“ erinnert worden. Das heißt, als Frau ist man in diesem Berufsfeld immer noch „das Andere“. In Bezug auf den Ernst von Siemens Musikpreis ist das ja verständlich, da es eine äußert seltsame Situation ist, dass so wenige Frauen meiner Generation und der vorherigen als Komponistin überlebt haben und überhaupt ausgezeichnet wurden. Aber es ist auch irritierend, eigentlich völlig absurd, ständig daran erinnert zu sein, dass ich eine Vagina habe, oder besser gesagt, keinen Penis – denn darum geht es ja.
Offenbar entspricht dieses Denken, zumindest zum Teil, unserer heutigen Zeit. Trotz großer Errungenschaften ist der übersexualisierte Körper einer Frau in jeglicher Form omnipräsent. Wir alle, Mann und Frau, betrachten mit den Augen unserer Gesellschaft eine Frau an erster Stelle als das andere, das Objekt, und zwar hauptsächlich in sexueller Hinsicht. Wir sind immer noch gerne eingeordnet als Jungfrau, Hure, Hexe oder Mutter. Dabei kann man ja auch alles gleichzeitig sein, oder eben nichts von alledem. Aber das passt offenbar nicht zu unseren zeitgenössischen Ordnungsprinzipien. Der klassische Musikbetrieb, darunter auch die Zeitgenössische Musik, gehört zu einem besonders patriarchalischen Kulturkreis. Die traditionelle romantische Vorstellung eines männlichen Künstlers am Rande der Gesellschaft – einsam und leidend – das prägt das heutige Denken immer noch.

 

Und wird in den Interviews auch Ihr Muttersein thematisiert?
Es wird nicht direkt befragt, aber ich empfinde das oft unausgesprochene Staunen, dass ich zwei Kinder habe, als äußerst rätselhaft. Offenbar scheint es immer noch ein tiefgreifender Widerspruch zu sein, dass ich als erschaffende Künstlerin gleichzeitig eine lebenserschaffende Mutter bin. Dabei ist es äußerst positiv für meinen Beruf, eine Familie zu haben. Es erdet und diszipliniert mich unheimlich. Als ich Kinder bekommen habe, war es eine enorme Erleichterung, nicht mehr Zentrum meines Universums zu sein. Das empfand ich geradezu als Geschenk. Außer-dem habe ich dadurch extreme emotionale und körperliche Erfahrungen gemacht, die mich selbstverständlich tief geprägt haben.

 

Im Deutschen Komponistenverband liegt der Anteil der Frauen bei 13 Prozent, obwohl bei den Studierenden seit über 20 Jahren Parität herrscht. Was macht Sie so sicher, dass es mit jeder neuen Generation mehr hervorragende Komponistinnen gibt und jüngere Frauen ihren Karriereweg selbstverständlicher gehen, wie Sie es in einem Interview mit der ZEIT äußern?
Es gibt in den jüngeren Generationen einfach viel mehr Frauen, die nach dem Studium beharrlich dranbleiben und hervorragende Kunst machen. Ich begegne vielen jungen Frauen, die ihre Sexualität, ihr Frausein, mit Selbstbewusstsein tragen. Sie sind da und stehen in der Öffentlichkeit. Diese Selbstverständlichkeit war meiner Generation fremd. Außerdem gibt es in der mittleren Generation Namen, die einfach bereits einen festen Platz im Kunstbetrieb errungen haben. Das ist aus meiner Sicht ganz anders als früher. Denn als ich jung war, waren wir sehr wenige Frauen, die überhaupt studiert haben, und noch weniger, die im Programm eines Festivals aufgenommen und überhaupt ernst genommen wurden. Allgemein beobachte ich, dass in der Kunst Themen wie Gender, Sex und Sexualität immer zentraler werden, und das ist sehr wichtig.

 

Noch eine Frage zum Schluss. Verbinden Sie Ihre Komposition mit einer gesellschaftlichen Aufgabe? Möchten Sie in der Welt etwas verändern?
Ja und nein. Ich kann die Welt nicht verändern. Ich schreibe, weil die Musik mich fasziniert, weil ich muss. Aber dass gesagt, braucht jede Gesellschaft nichtsdestotrotz eine diverse, lebendige, differenzierte und breit angelegte Kunstszene. Man muss dies nicht erzwingen, sondern einfach zulassen, damit es wächst. Eine Gesellschaft ohne neue Kunst zeigt eine bedauernde kulturelle Armut.
Die Kraft der Musik liegt wahrscheinlich darin, dass sie in keine hübsche Kiste passt oder einfach an die Wand genagelt werden kann – ganz gegen die Natur kapitalistischer Waren. Sie entrinnt uns permanent, und sie vermittelt nicht direkt. Aber Musik kann andeuten, ausloten und damit gesellschaftlichen Zuständen, und vor allem dem Unmittelbaren, eine Form geben, sie erkenn- und erfahrbar machen.
Musik filtert und rahmt unsere Realität. Sie ist insofern tief in dem jetzigen Moment verankert – quasi eine akustische Abbildung der heutigen Zeit. Sie ist in sich ein physikalisches Phänomen, die uns zum Beobachten und Fühlen einlädt und der wir letztlich erliegen.
Die Musik geht unter die Haut und noch tiefer, bis ans Wesen der Dinge. Dadurch kann sie Risse verdeutlichen und das unter der Oberfläche Verborgene und das Unzugängliche sinnlich erlebbar machen. Damit verleiht sie dem Ungesagten eine Stimme, und hierin liegt ihre ungeheure Kraft.

 

Vielen Dank.

 

Dieses Interview ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 12/2019-01/2020.

Rebecca Saunders und Cornelie Kunkat
Rebecca Saunders ist Komponistin. Im Juni 2019 bekam sie den Ernst von Siemens Musikpreis verliehen. Cornelie Kunkat ist Referentin für Frauen in Kultur und Medien beim Deutschen Kulturrat.
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