Zwischen den Fronten und dem Fortleben der Moderne

Architekten im Exil

Ausgehend von diesen Fundstücken beschäftigten sich Studenten des „Centres for Documentary Architecture“ der Bauhaus-Universität Weimar während des Projekts »From the second life. Documents of forgotten architectures« unter der Leitung von Ines Weizmann mit Architekten, die zu Beginn der 1920er Jahre ihren Weg ins Exil fanden. Zu den gefundenen Historien entstanden Kurzfilme und eine Gruppenausstellung. Erzählt wird von Bauwerken, die noch vor den Jahren des Exils in Deutschland entstanden, von den Biografien der Architekten, ihren Wegen in eine neue Heimat, den dortigen Bauten und ihrer heutigen Nutzung und Umformung. Vom Exil als neue Heimat zu sprechen, ist dabei nicht selbstverständlich, da mit dem Ortswechsel auch eine Phase der neuen Identitätsfindung und oft auch beruflicher Neuausrichtung verbunden war. Gerade bei den Architekten, die gen Palästina – heute Israel – aufbrachen, ist zu beobachten, dass sie doppelt mit ihrer Identitätsfindung zu kämpfen hatten – aus jüdischer Perspektive gingen sie nicht etwa ins Exil, sondern kehrten nach 2.000 Jahren Diaspora des jüdischen Volkes „nach Hause“ zurück. Ein Großteil half hier als Stadtplaner den Herausforderungen der Ankommenden gerecht zu werden und neue Siedlungen zu errichten. Im Spannungsfeld der neu entstandenen, der Moderne zugeordneten Bauten und der lokalen, arabischen Architektur, zeigte sich vor allem die Hafenstadt Haifa als bedeutendes Forschungsfeld, da sich die verschiedenen Baustile hier zur Mischform, der „hybriden Moderne“ entwickelten.

 

So erzählt beispielsweise der Film „Seamlinemonument. Eine mögliche Geschichte des Shuk Talpiot in Haifa“ von Julia Tarsten von einem Marktgebäude – dem Talpiot Markt– der infolge eines Wettbewerbs von dem jüdischen, aus Bukarest eingereisten Architekten Moshe Gerstel, errichtet wurde. Besonders an seiner Geschichte ist, dass der wenig gläubige Architekt zuvor für viele arabische Bauherren tätig gewesen war und erst durch diese Bauten die Aufmerksamkeit der jüdischen Gemeinde auf sich gezogen hatte. In dem Marktgebäude, das von jüdischer Seite als Sicherheitsfestung geplant, gleichzeitig als Zeugnis des Bauhauses in Haifa interpretiert wird, und das an der Nahtstelle des arabischen und jüdischen Stadtviertels entstand, vereinen sich Elemente beider Baukulturen. Ob der Architekt hier nicht gezielt ein Gebäude zur Verknüpfung beider Seiten schaffen wollte, bleibt ungeklärt, ob es in Zukunft wieder als solches reaktiviert wird, auch. Heute steht das beeindruckende Zeugnis der Stadt- und Landesgeschichte bis auf einige wenige Nutzungen leer. Im Film wird der Zustand des Gebäudes sowie die Akteure, die mit dem Bau in Verbindung stehen dokumentarisch erfasst und zusammen mit dem archivierten Planmaterial seiner Entstehung und der Biographie des Architekten diskutiert.

 

Auch in Lateinamerika wurde die Architektur vom europäischen Baustil der Moderne beeinflusst und viele der Zuflucht suchenden Architekten installierten sich in Brasilien, Mexiko, Argentinien oder auch Chile, wie der Bauhäusler Tibor Weiner. Der ungarische Architekt und Stadtplaner hatte unter Hannes Meyer am Bauhaus studiert und gelangte über Stationen in der Sowjetunion, der Schweiz und Frankreich nach Chile, wo er die Lehre 1946 über eine Studienreform nach Grundsätzen des Bauhauses maßgeblich prägte. Beispielhaft für seinen Einfluss steht das bauliche Erbe zwei seiner Schüler: Abraham Schapira und Raquel Eskenazi, welches in der Publikation zu ihrem fünfzigsten Jubiläum „Schapira y Eskenazi Arquitectos: Obra Cincuentenaria“ von den Architekten Arturo Scheidegger und Ignacio García Partarrieu des Büros „Umwelt“ zusammengetragen wurde. Ihre Werke gelten nicht als reines Archivmaterial, sondern als Beispiele der operativen Planung, Organisation, und einer professionellen Haltung, die an die Formensprache und das soziale Gedankengut des Bauhauses anknüpft. Zwischen 1930 und 1960 entstanden in Chile viele soziale Wohnungsbauten und öffentliche Gebäude, die einen urbanen Lebensstil vermitteln und Zeugnis der internationalen Bewegung mit Verbreitung moderner architektonischer Gestaltungsideen und eines breiten Wissensstandes sind.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 06/2019.

Riccarda Cappeller
Riccarda Cappeller ist Architekturjournalistin mit Fokus auf Projekten mit sozialem Hintergrund und neuen Nutzungsformen sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Leibniz-Universität Hannover.
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