Exil: Die Türen öffnen sich langsam

Kulturschaffende im Exil

Heinrich Heine beginnt seine großartige Ballade „Deutschland. Ein Wintermärchen“ mit folgenden Zeilen:

 

„Im traurigen Monat November wars,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber.

Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begunnen zu tropfen.

Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zu Mute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.“

 

Heine lebte bereits seit einem Jahrzehnt im Exil als er 1843 erstmals wieder nach Deutschland reiste. Er war ins Exil gegangen, weil er als getaufter Jude unter beruflicher Ausgrenzung und Antisemitismus litt. Als Schriftsteller stand er unter strenger Beobachtung der Zensur. Viele seiner Werke fielen ihr zum Opfer und konnten in Deutschland nicht erscheinen. Seine Urheberschaft vom „Loreley-Lied“ wurde lange Zeit unterschlagen.

 

Heinrich Heine ist ein Beispiel für eine ganze Reihe von Schriftstellern und Intellektuellen, die während der Restauration im 19. Jahrhundert Deutschland verlassen mussten. Sie hatten sich für ein einiges Deutschland eingesetzt und für Gedankenfreiheit gekämpft. In den deutschen Kleinstaaten konnten sie nicht publizieren oder verloren ihre berufliche Stellung. Exil war also schon vor dem Nationalsozialismus für Intellektuelle oft die einzige Option des Überlebens.

 

Der Nationalsozialismus bedeutete dann einen erheblichen Aderlass an Künstlern, Schriftstellern, Komponisten, Schauspielern, Verlegern, Filmproduzenten und anderen mehr. Viele wurden verfolgt, weil sie Juden waren. Viele aufgrund ihres Werkes. Viele flüchteten zunächst in die Nachbarländer – insbesondere in die junge Tschechoslowakei, in die Niederlande und nach Frankreich. Kommunistische Künstler gingen in die Sowjetunion. Sie erhofften sich dort nicht nur Exil, sondern wollten auch am Aufbau des Sozialismus mitwirken. Viele von ihnen fielen den stalinistischen Säuberungen Ende der 1930er Jahre zum Opfer. Sie litten ein weiteres Mal unter Verfolgung und starben im Gulag. Diejenigen, die in die Tschechoslowakei flohen, mussten mit der Besetzung des Sudetenlands und der Installierung des NS-Regimes ein neues Aufnahmeland suchen. Ähnlich erging es jenen, die in den Niederlanden oder in Frankreich zeitweise Zuflucht gefunden hatten.

 

Jene, die oft auf abenteuerlichen Wegen endlich an einem sicheren Ort ankamen, beispielsweise in den USA, spürten Erleichterung. Erleichterung, den Verfolgern entkommen zu sein. Erleichterung, das blanke Leben gerettet zu haben.

 

Sie verspürten aber zugleich einen großen Schmerz. Schmerz über den Verlust der Heimat, die längst keine Heimat mehr sein konnte. Schmerz über den Verlust von Familie und vor allem Schmerz über den Verlust von Arbeitsmöglichkeiten. Viele waren in der neuen Welt Nobodys. Neben den ökonomischen Sorgen des tagtäg-lichen Überlebens im wahrsten Sinne des Wortes gehörte dazu, dass kaum jemand Interesse hatte für die Werke, für das schauspielerische Potenzial, für die Kompositionen und anderes mehr. Der ehemalige Präsident der Sektion Dichtkunst der Akademie der Künste Heinrich Mann konnte im US-amerikanischen Exil, anders als sein jüngerer Bruder Thomas, keine nicht-deutschsprachige Fangemeinde um sich scharen. Er war vom Wohlwollen seines Bruders abhängig. Und er ist nur ein prominentes Beispiel von vielen. Die Exilgemeinde blieb vielfach unter sich. Die für viele schier unüberwindbare Sprachbarriere tat ein Übriges.
Viele exilierte Künstlerinnen und Künstler und ihre Werke sind heute vergessen. Es ist hieraus eine Lücke in unserem kulturellen Gedächtnis entstanden, die trotz aller Anstrengungen nicht mehr vollständig geschlossen werden kann.

 

Noch unter dem Eindruck des verbrecherischen NS-Regime heißt es im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland: „Politisch Verfolgte genießen Asyl.“ Diese schnörkellose, klare und letztlich wunderbare Zusage ist die Reaktion auf vielfaches Asyl in allen Weltgegenden, gerade auch von deutschem Künstler während der Nazibarbarei.

 

Auch vor der Wiedervereinigung boten die Bundesrepublik als auch die DDR Exilsuchenden Zuflucht. Die DDR war unter anderem nach dem Sturz der Allende-Regierung im Jahr 1973 Fluchtort für Chilenen. In der Bundesrepublik suchten insbesondere Intellektuelle und Künstler aus Osteuropa Zuflucht. Mit der Philharmonia Hungarica fand ein ganzes Orchester nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands 1956 in der Bundesrepublik Exil und wurde durch Bundesförderung unterstützt. Ein anderer bekannter Exilant war Lew Kopelew der trotz der Bedrängungen durch die sowjetische Regierung die Sowjetunion eigentlich nicht verlassen wollte. Nach seiner Ausbürgerung fand er schließlich in Köln Aufnahme. Über die Schwierigkeiten, sich in Deutschland einzugewöhnen, berichtete seine Frau Raissa Orlowa-Kopelew eindrücklich in ihrem Buch „Die Türen öffnen sich langsam“.

 

Künstlerinnen und Künstler, Journalistinnen und Journalisten, die in Deutschland Aufnahme fanden und finden, sind erleichtert, der Verfolgung entkommen zu sein. Sie haben ihr Leben gerettet. Sie stehen zugleich vor der Herausforderung in einem fremden Land, oftmals in einer fremden Sprache, in einer neuen Kultur Fuß zu fassen. Die Erleichterung wird vom Schmerz des Verlustes überschattet und von der Ungewissheit der Zukunft. Ist es ein Exil auf immer? Oder ist es ein Exil auf Zeit? Wer liest und wer hört mich? Welche Auftrittsorte gibt es? Wer verlegt meine Werke und wer interessiert sich in der Fremde dafür?

 

Exilierte Künstlerinnen und Künstler heute kämpfen mit ähnlichen Problemen wie jene Künstlerinnen und Künstler, die aus Deutschland flohen. Sie sind in Sorge um ihre Angehörigen und müssen sich zugleich in einem hart umkämpften Markt einen Platz erobern. Denn ebenso wenig wie auf die Exil-Künstler aus Deutschland in den USA und anderswo gewartet wurde, wartet die deutsche Kunstszene auf die heutigen Exilierten. Wenn der erste Exil-Bonus weg ist, steht die Positionierung in einem ohnehin hart umkämpften Markt an, auf dem oft ganz andere Spielregeln gelten als im Heimatland. Die meisten Künstlerinnen und Künstler in Deutschland sind ohnehin nicht auf Rosen gebettet. Die Konkurrenz ist groß. Umso wichtiger sind Unterstützungen von Berufskolleginnen und -kollegen wie z. B. dem PEN-Zentrum Deutschland.

 

Der Ich-Erzähler in Heinrich Heines Wintermärchen wird wehmütig, als er die deutsche Sprache hört. In der ihm eigenen Ironie bricht Heine die in den Zeilen mitschwingende Sentimentalität. Sie sind zugleich eine Ermahnung, die Besonderheiten mit denen Künstlerinnen und Künstler im Exil leben nicht aus den Augen zu verlieren.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 06/2019.

Olaf Zimmermann
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur.
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