Missverstehen als Fortschritt

Achille Mbembe in Deutschland

Ein Gespenst geht um in Europa. Das Gespenst der moralisch aufgeladenen Politik. Zwei große moralische Narrative der Grausamkeit kommen mit tiefen politischen Konsequenzen auf uns zugefahren und befinden sich auf Kollisionskurs. Das westliche Narrativ erinnert an die Verbrechen des Totalitarismus wie Holocaust und Gulag. Gerade in der Erinnerung an den Holocaust befinden sich Israel und Juden im Brennspiegel. Die Erinnerung an den Holocaust hat zur Folge, dass die Existenz Israels für viele Juden ein Garant ihrer Sicherheit darstellt.

 

Jenseits der atlantischen Welt spielen diese Erinnerungen eine unwesentlichere Rolle. Im Vordergrund stehen die Grausamkeiten des Westens gegen die Welt, die außerhalb des Westens steht. Nicht Holocaust, sondern Kolonialismus und Imperialismus sind die semantischen Markierungen. Was Israel angeht, sind in diesem Narrativ Israelis weiße Siedler und Israel eine Siedlergesellschaft, die die eingeborene Bevölkerung unterwirft und als Handlager des Westens gesehen wird. Sicher sind diese beiden moralischen Narrative nicht klar voneinander zu trennen, sondern sie sind sowohl in Geschichtsschreibung als auch in politischen Annährungen miteinander verknüpft. Gerade im Nahostkonflikt sind sie überlagert. Dieses kolonialistische Narrativ konkurriert nun mit dem Narrativ des Holocaust. Es war Hannah Arendt, die in ihrer Totalitarismus-Studie, „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“ schon 1951 auf diese Verknüpfung hingewiesen hat. Sie sah sowohl den Holocaust als auch den Kolonialismus als Produkte des Westens, für den der Antisemitismus konstitutiv war. Denkerinnen und Denker wie der kürzlich verstorbene Albert Memmi, Jean Améry, Aimé Césaire, Charlotte Delbo und andere dachten Kolonialismus und Holocaust zusammen. Es ging ihnen auch gerade darum, die Werte der Aufklärung über die Katastrophe hinaus zu retten.

 

Nicht nur die Gründung des Staates Israel als Ausdruck jüdischer politischer Souveränität hat diesen Prozess gestoppt. Das ist eine globale Erscheinung, die in Deutschland natürlich anders konnotiert ist. Nach 1945 schien es mehr als natürlich, dass nur der Zionismus das für die Juden von den Nazis Zerschlagene wieder zusammenfügen kann. Ein mystisches Grundereignis, das politisch übersetzt wurde, nämlich den Juden einen Staat zu geben. Und neben der theologischen Dimension Israels begann der neu gegründete Staat Israel mit einer ethnischen Definition seiner Nation und versuchte, ja musste es versuchen, aus der Pluralität jüdischer Diasporaexistenz eine nationale Einheit zu schaffen. Das Konzept der Souveränität des israelischen Staates stellte eindeutig die jüdische Vision des Lebens in der Diaspora infrage. Und hier beginnt die Kritik an Israel als europäisch ethnonationales, wenn nicht sogar koloniales Projekt. Es ist in erster Linie Kritik an der Ausübung jüdischer politischer Souveränität. Und es ist eine Kritik an der gewaltsamen Landnahme der Zionisten. Denn die Idee eines Staates für Juden im Nahen Osten konnte nur mit Gewalt durchgesetzt werden.

 

Damit wurden die politischen Fronten neu gezogen. Das musste auch der postkolonialistische Denker Achille Mbembe am eigenen Leib anlässlich seiner Einladung, die Ruhrtriennale im Sommer 2020 zu eröffnen, erfahren. Die Reaktionen waren abzusehen. Mbembe wurde als Antisemit, Israelhasser und Holocaustleugner beschimpft, während andere ihn als legitimen Kritiker des israelischen Kolonialismus auszeichneten oder auch sein Recht auf Kritik verteidigen wollten. Es galt nicht, als Mbembe von sich behauptete, kein Antisemit zu sein. Die andere Seite hingegen, die Mbembe verteidigt, argwöhnt, der Antisemitismusvorwurf diene nur dem Interesse Israels, legitime Kritik zum Schweigen zu bringen. Das sagt mehr über die Sprecher als über das Gesprochene und die manchmal an üble Nachrede grenzenden Verurteilungen sagen wohl eher etwas über die Ungewissheit der eigenen Position aus. Das gemeinsame Denken von Holocaust und Kolonialismus wurde seit den 1970er Jahren durch immer stärker werdende Identitätspolitik zu einem Denken der Konkurrenz. Die Geschichte von Holocaust und Antisemitismus drohte die relativ neue Disziplin der postkolonialistischen Studien im wahrsten Sinne zu überwältigen. Das ist auch der Grund, warum neue Disziplinen wie Diaspora-Studien, postkoloniale Studien, ethnische Studien sich häufig gegen und in Konkurrenz gegen jüdischen Studien definieren, ja definieren müssen. Und es geht natürlich auch um die gegenseitig ausschließende Opferkonkurrenz. Postkolonialistisch und postnationalsozialistisch waren nun wie Schwerter, mit denen man gegenseitig auf sich losschlug.

 

Das muss aber nicht sein und man kann das in den 1950er begonnene Gespräch zwischen Holocaust und Kolonialismus wieder aufzugreifen. Es gibt durchaus postkolonialistische Ansätze, in denen zentrale Fragen der jüdischen Geschichte wie Assimilation, Emanzipation, Exil, Minderheitsrechte und Heimatlosigkeit grenzüberschreitend gelesen werden. Es ist durchaus möglich, transnationale Debatten historisch einzubetten und zu verankern. Das gilt insbesondere auch für Diskussionen über transnationale Gerechtigkeit, die über europäische Ansätze hinausgehen wollen und in denen es auch über die „Tradition der Unterdrückten“ geht. Das ist richtig für jüdische Geschichte, aber für den souveränen Staat Israel hat das weniger Resonanz. Partikulare Stimmen sind daher historisch und theoretisch notwendig. Gerade post-kolonialistische und jüdische Stimmen pochen auf ihren Partikularismus. Deshalb sind die Missverständnisse in der Mbembe-Debatte auch Fortschritt. Beide Seiten pochen auf ihr eigenes „Nie wieder“ und beide haben wohl von ihrem jeweiligen Standpunkt aus recht.

 

Mbembe und seine Kritiker vertreten daher keine Inkommensurabilität. Eine postkritische Theorie verlässt das „Entweder-oder“ und bewegt sich auf ein „Sowohl-als-auch“ zu. Das heißt natürlich nicht, dass wir uns einer dialogischen Illusion oder machtfreien Kommunikation hingeben sollen. Konflikte können und sollen nicht weggedacht werden, so wie unsere partikularen Erinnerungen nicht einfach ausgetauscht werden können. Das ist gut für die Debatte.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 07-08/2020.

Natan Sznaider
Natan Sznaider ist Soziologe in Tel Aviv.
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