Kolonialismus und Mission: Den Blick weiten

Auseinandersetzung mit einer Geschichte voller Ambivalenzen

Mission – allein der Begriff treibt in einer weitgehend säkularisierten deutschen Gesellschaft einigen die Zornesröte ins Gesicht. Mission, ist das nicht längst überholt? Mission, gehört dies nicht zu den Themen, die sich glücklicherweise erledigt haben? Mission, ist dies nicht ausschließlich eine Bürde aus der Vergangenheit? Mission, sind das nicht diejenigen, die ihren Glauben einfach nicht für sich behalten können und alle Welt beglücken wollen?

 

Ich gebe zu, die Beschäftigung mit Mission ist nicht einfach. Mission scheint aus der Zeit gefallen zu sein. Die Botschaft aus dem Evangelium, alle Welt zu taufen, scheint nur noch wenige hinter dem Ofen hervorzulocken.

 

Vor einigen Jahren erstand ich in einem Antiquariat vier Jahrgänge der Zeitung „Die evangelische Mission“ aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts. Ein spannendes Dokument aus einer mir bis dahin unbekannten Welt. Seit diesem Kauf beschäftigt mich die Mission und ihre Wirkung auf die Missionierten und den Antrieb der Missionare. Sicher auch, weil ich als Protestant eine geschichtliche Verantwortung empfinde.

 

Die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland haben mit einem dramatischen Mitgliederschwund zu kämpfen. Selbst die Evangelischen Freikirchen, die sich explizit als Missionskirchen verstehen, verlieren in Deutschland deutlich Mitglieder. Die Katholische Kirche kämpft mit einem immensen Vertrauensverlust aufgrund des Missbrauchsskandals und hat neben sinkenden Mitgliederzahlen mit dem Mangel an Priestern zu kämpfen. Mission ist, ausgehend von sinkenden Schiffen, nichts, was wirklich mitreißt und Aufbruchsstimmung verbreitet.

 

Vor diesem Hintergrund erscheint es geradezu absurd, dass sich in vergangenen Jahrhunderten Menschen in unbekannte Gegenden aufmachten, um das Evangelium zu verkünden. Sie brachen aus dem tiefen Glauben und der Überzeugung heraus auf, den Auftrag zu haben, das Evangelium zu verbreiten, um allen Menschen den Zugang zum ewigen Leben zu ermöglichen und den Nicht-Christen das Schmoren in der Hölle zu ersparen. Ohne weitergehende Kenntnisse, was sie erwartete. Ohne Internet, ohne WhatsApp, ohne Reiseführer, machten sie sich auf in Gegenden, deren Klima sie kaum gewachsen waren, gegen deren Krankheiten sie nicht gewappnet waren, deren Geografie sie nicht kannten. Die Sprache der Menschen verstanden sie anfangs nicht. Und dies alles mit der Aussicht, wahrscheinlich nie wieder nach Hause zu kommen. Heute kaum nachzuvollziehen.

 

Mit aktueller Mission wird heute allenfalls noch der Islam in Verbindung gebracht. Dem Islam ist ebenso wie dem Christentum der Auftrag inhärent, den Glauben weiterzuverbreiten und neue Gläubige zu gewinnen. Ebenso wie das Christentum kann auch der Islam eifernd sein, weil er im Kern keine andere Religion neben sich duldet. Damit unterscheiden sich beide, Christentum und Islam, von der ältesten der drei monotheistischen Buchreligionen, dem Judentum. Dem Judentum ist die Mission fremd. Im Gegenteil, es ist eine exklusive Religion und die Aufnahme in das Judentum ist mit sehr hohen Hürden verbunden.

 

Warum also ein Schwerpunkt in Politik & Kultur zum Thema „Kolonialismus und Mission“, wenn sich das Thema, also die Missionstätigkeit zumindest der beiden christlichen Kirchen, vermeintlich erledigt hat? Weil die gerade heftig stattfindende Debatte zum Kolonialismus ohne den Teil Mission
und Kolonialismus unvollständig ist.

 

Der Deutsche Kulturrat hat in seiner „Stellungnahme zu Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ im Februar dieses Jahres formuliert, dass in die Debatte um Kolonialismus und um Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten auch die Kirchen einbezogen werden müssen. In der genannten Stellungnahme wurde mit Blick auf die erforderliche gesellschaftliche Diskussion geschrieben: „Einzubeziehen sind auch kirchliche Einrichtungen, die nicht zuletzt durch Missionsarbeit und Missionsstationen über einschlägige Sammlungen und umfangreiche Kenntnisse über koloniales Handeln verfügen.“

 

Diese Aussage rief anfänglich Erstaunen hervor. Erstaunen über den Umstand, dass die Kirchen aufgrund ihrer Missionstätigkeit über einschlägige Sammlungen verfügen – war doch zuvor vor allem vom Humboldt Forum, das im Herbst des kommenden Jahres in Berlin eröffnet werden soll und allenfalls von weiteren ethnologischen Museen die Rede. Erstaunen, dass das Thema Mission offensiv angesprochen wird und nicht zuletzt Erstaunen, dass den Kirchen Kenntnisse im kolonialen Handeln zugesprochen werden.

 

In der Evangelischen Kirche in Deutschland und in der Katholischen Kirche gab es kein Erstaunen, sondern vielmehr eine sehr positive Resonanz auf und Bestärkung für diese Positionierung des Deutschen Kulturrates. Vertreterinnen und Vertreter beider Kirchen freuten sich und der Schwerpunkt in dieser Ausgabe ist ein erster Aufschlag mit dem komplexen Thema Mission und Kolonialismus. Der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche, Johann Hinrich Claussen, ist einer unserer aktivsten Unterstützer, auch beim Zusammenstellen dieses Schwerpunktes.

 

Wir wollen uns mit der Ambivalenz von Mission auseinanderzusetzen. Zu dieser Ambivalenz gehört, dass Mission nicht ohne kolonialen Kontext denkbar ist. Die deutschen, vornehmlich evangelischen Missionsgesellschaften, waren verbunden mit den kolonialen Regimen. Sie waren in den Kolonien tätig und profitierten von kolonialer Herrschaft. Und manchmal, aber nicht immer, stabilisierten sie diese Herrschaft.

 

Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass gerade die Missionsgesellschaften weder staatlich noch kirchlich, im Sinne der Amtskirche, waren. Sie wurden getragen von enthusiastischen Menschen, Gläubigen, die echten Kontakt suchten, die nicht nur Glauben, sondern auch Bildung und ein Gesundheitswesen brachten. Manche Traditionen, Geschichten, Mythen, Sprachen überlebten dank der Transkription durch Missionare. Auch dies ist ein Teil der Missionsgeschichte.

 

Die Missionsgesellschaften und die kirchlichen Werke der Entwicklungszusammenarbeit setzen sich mit dieser Geschichte auseinander. Manche haben Freiheitskämpfe in ehemaligen Kolonien und Missionsgebieten unterstützt. Freiheitskämpfer und -kämpferinnen besuchten einst Missionsschulen. Bildungsvermittlung war immer ein Kern der Mission.

 

Mission und Kolonialismus ist eine komplexe Geschichte, voller Ambivalenzen, einem sowohl als auch. Es lohnt sich, sich mit diesem spezifischen Teil der Kolonialismusgeschichte auseinanderzusetzen. Es ist vor allem auch eine unabgeschlossene Geschichte. Denn längst deckt die Katholische Kirche in Deutschland einen Teil ihres Priesterbedarfs aus ehemaligen Missionsgebieten, sodass Priester beispielsweise der Steyler Mission, heute in Deutschland predigen und in der Diaspora das Evangelium verbreiten. Mission in umgekehrter Richtung.

 

Der Schwerpunkt soll zu Diskussionen anregen und einen ersten Stein in das Wasser werfen. Im kommenden Jahr soll der Blick in einer Tagung geweitet werden.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 09/2019.

Olaf Zimmermann
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur.
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