Berlin ist die Stadt der Freiheit. Nirgendwo auf der Welt gehört die Sehnsucht nach Freiheit, nach Selbstbestimmung und Unabhängigkeit so sehr zum Selbstverständnis einer Stadt wie in der deutschen Hauptstadt. Die Geschichte mit ihren hellen und dunklen Seiten, mit dem Streben nach Freiheit hat Berlin und die Menschen, die in der Metropole leben, über Jahrzehnte zutiefst geprägt.
Geschichte ist überall in Berlin präsent – sei es die Zeit Preußens, die der Weimarer Republik, die schrecklichen Jahre der Nazi-Diktatur oder die Jahre des DDR-Regimes, aber auch die Zeit der Westalliierten und natürlich die Aufbruchjahre nach dem Mauerfall 1989, die Berlin ein besonderes Gesicht, vor allem in der Stadtmitte gegeben haben. In Museen und Erinnerungsstätten, an Gedenkorten, in der Architektur bis hin zur Verkehrsführung – an vielen Orten in Berlin werden die Berlinerinnen und Berliner, aber auch die Touristen aus aller Welt mit der Geschichte unserer Stadt konfrontiert. Und damit mit dem Streben nach Veränderung, nach Freiheit und Demokratie.
Auch heute, im 37. Jahr nach dem Mauerfall, ist die Transformation, die damals mit der Friedlichen Revolution 1989 begann, überaus präsent. Auch heute noch setzen sich die Berlinerinnen und Berliner mit vielen Fragen, die mit dem Zusammenbruch der DDR und dem Sieg der Bürger- und Menschenrechtler über das SED-Regime verbunden sind, auseinander.
Zu dieser, zu unserer Geschichte zählt auch der »Natur- und Kulturraum Grünes Band«, der auf 1.378 Kilometer durch Deutschland führt und Berlin dabei einbindet. Es zeigt uns, wie aus einem Todesstreifen neues Leben entstehen kann, wie aus Trennung Verbindung und aus Unfreiheit Demokratie wird. Dieses »Grüne Band« ist das Zeugnis einer Transformation, die bis heute andauert.
Wie hat die ehemalige deutsch-deutsche Grenze seit jener historischen Nacht im November 1989 ihr Gesicht verändert? Wer die Geschichte der Teilung kennt, erinnert sich an die Bilder von Stacheldraht, Wachtürmen, Minenfeldern – also an die Bilder einer todbringenden Grenze, die sich quer durch Deutschland und mitten durch unsere Stadt zog. Die Grenze, die Deutschland von den frühen 1950er Jahren bis zum November 1989 teilte, war eine Wunde, die Berlin und Europa zerschnitt. Und es war ein Grenzstreifen der Angst, in dem jede Bewegung kontrolliert und jede Sehnsucht nach dem »Drüben« lebensgefährlich war.
Doch die Natur hat sich diesen Grenzstreifen mit einer beeindruckenden Kraft zurückgeholt. Er hat sich zu einem einzigartigen Refugium entwickelt. Wo früher Panzerpatrouillen fuhren, blühen heute seltene Pflanzen; wo Grenzsoldaten Wache hielten, finden viele Tiere – auch bedrohte Tierarten – ihren Lebensraum und damit auch einen Schutzraum.
Das Grau des Betons ist dem Grün der Freiheit gewichen. Aus dem Grenzstreifen, der Deutschland viele Jahre lang in Ost und West teilte, ist eine Lebensader geworden – und das auf mehr als tausend Kilometern. Und diese sollten wir hegen, pflegen und bewahren.
Auch in Berlin haben sich Mensch und Natur den ehemaligen Todestreifen zurückgeholt. Der Mauerweg, der dem ehemaligen Grenzverlauf um das damalige West-Berlin folgt, ist eines der bedeutendsten Projekte der Berliner Erinnerungskultur und Stadtentwicklung. Auf einer Länge von rund 160 Kilometern können die Berlinerinnen und Berliner und natürlich auch die Besucherinnen und Besucher unserer Stadt dem Mauerweg folgen – mit dem Rad oder zu Fuß. 2001 beschloss das Abgeordnetenhaus, diesen besonderen Ort zu erhalten, für die Berliner und Touristen nutzbar zu machen – und damit auch als Erinnerungsort zu bewahren. Schon nach wenigen Jahren, zum 45. Jahrestag des Mauerbaus im August 2006, wurde der Mauerweg offiziell vollendet – mit einer Beschilderung, die die Geschichte und die Bedeutung erklären.
Für die Berlinerinnen und Berliner und auch für die Besucherinnen und Besucher aus aller Welt ist der Mauerweg heute kein Ort des Schreckens mehr, sondern ein Ort der Begegnung und der Erholung. Es ist beeindruckend, wie viele Radfahrerinnen und Radfahrer auf dem ehemaligen Todesstreifen die Stadt erkunden, wie Läuferinnen und Läufer sich dort messen – etwa beim 100-Meilenlauf, einem Ultramarathon, der seit 2011 rund um den Tag des Mauerbaus am 13. August stattfindet und mit dem auch an die Opfer des Mauerbaus erinnert wird.
Das zeigt: Die Berlinerinnen und Berliner haben sich die Stadt zurückgeholt. Wir haben uns mit dem Mauerweg einen Ort der Erinnerung und des Lebens geschaffen.
Aber wir spüren in Berlin auch jeden Tag: Die Transformation ist auch 37 Jahre nach dem Mauerfall nicht abgeschlossen. Viele Menschen setzen sich bewusst mit ihrer Geschichte und der ihrer Familie auseinander. Viele Frauen und Männer, gerade aus dem Osten Deutschlands, stellen sich die Frage nach ihrer Identität, nach ihrer Vergangenheit, nach ihrem Leben im Heute und vor allem, was aus ihnen in Zukunft werden wird.
Gerade in diesen herausfordernden Zeiten – mit globalen Krisen, einer tiefgreifenden Transformation der Wirtschaft oder dem Krieg in der Ukraine – dürfen wir nicht den Fehler begehen, die Freiheit als einen statischen Zustand zu betrachten, den man einmal erreicht und dann für immer besitzt.
37 Jahre nach dem Mauerfall müssen wir schmerzlich feststellen: Demokratie und Freiheit werden heute weltweit wieder massiv bedroht. Wir erleben eine Zeit, in der autokratische Systeme an Boden gewinnen, in der Desinformation die Fundamente unserer Debattenkultur untergräbt und in der populistische Kräfte versuchen, die Gesellschaft zu spalten und neue Mauern zu errichten.
Sagen wir es so: Das »Grüne Band«, dieser einmalige Kultur- und Naturraum, mahnt uns, dass Freiheit ein fragiles Gut ist. Es ist sicher kein Zufall, dass gerade in Zeiten politischer Instabilität solche Orte an Bedeutung gewinnen. Das »Grüne Band« steht für das Scheitern des DDR-Regimes, für Ideologen, die Menschen eingesperrt haben und ihnen die Freiheit nahmen. Wenn wir derzeit erleben, dass im Osten Europas wieder Grenzen gewaltsam verschoben werden und Menschen erneut für ihre Freiheit sterben müssen, dann bekommt das »Grüne Band« eine neue, beklemmende Aktualität.
Berlin hat als Stadt der Freiheit eine besondere Verpflichtung. Wir müssen die Stimme derer sein, die unterdrückt und verfolgt werden. Wir müssen unsere Demokratie und Freiheit verteidigen – gegen die Feinde von innen und außen. Und wir müssen und werden deutlich machen, dass Dialog, Toleranz und Rechtsstaatlichkeit die einzigen tragfähigen Brücken in die Zukunft sind.
Viele Menschen engagieren sich auch vor diesem Hintergrund für die Aufnahme des Natur- und Kulturraums Grünes Band in das UNESCO-Welterbe. Dies wäre ein Signal von weltweiter Strahlkraft. Denn das »Grüne Band« ist weltweit einzigartig. Es ist das einzige Denkmal, das gleichzeitig für eine ökologisch außergewöhnliche Entwicklung steht und für die Überwindung von Unfreiheit und Unterdrückung. Eine Anerkennung als Welterbe würde unterstreichen, dass wir beides – Natur und Erinnerungskultur – dauerhaft schützen wollen. Es geht nicht nur um den Schutz von Biotopen, es geht um den Schutz unserer kollektiven Erinnerung.
UNESCO-Welterbe zu sein bedeutet, eine Verantwortung zu übernehmen und unser Erbe lebendig zu halten. Das »Grüne Band« erzählt die Geschichte des 20. Jahrhunderts – von der menschenverachtenden deutsch-deutschen Teilung bis zur Deutschen Einheit. In einer Zeit, in der internationale Abkommen und multilaterale Zusammenarbeit von manchen infrage gestellt werden, wäre diese Auszeichnung ein Bekenntnis zu gemeinsamen Werten. Es würde auch zeigen, dass die Deutschen sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzen und sie als Mahnung für Freiheit und Frieden begreifen.
Ich bin deshalb überzeugt: Der Schutz des Natur- und Kulturraums Grünes Band ist nicht nur eine ökologische Notwendigkeit, sondern ein hochpolitischer Akt. Indem wir das »Grüne Band« pflegen und bewahren, verteidigen wir das Erbe der Friedlichen Revolution von 1989. Wir setzen ein Zeichen gegen jene, die heute wieder von Abschottung und Nationalismus träumen. Wer auf dem »Grünen Band« unterwegs ist, soll erleben, dass eine Grenze, die trennt, immer eine Niederlage der Menschlichkeit ist. Eine Grenze, die verbindet – so wie das »Grüne Band« heute – ist hingegen ein Sieg der Menschlichkeit über die Unmenschlichkeit. Und ein Sieg der Freiheit.