Ludwig Greven - 30. November 2020 Kulturrat_Logo_72dpi-01

Texte zur Kulturpolitik

Überleben über alles


Weshalb gelten Leben und Gesundheit jedes Einzelnen plötzlich als höchstes Gut?

In meiner vorherigen Kolumne habe ich über übersteigerten Individualismus geschrieben und wieso auch Einzelgänger Gemeinschaft brauchen. Ich möchte das fortführen. Denn je länger die Pandemie dauert und unser aller Leben sowie unsere Freiheiten eingeschränkt sind, um sie abzuwehren, desto mehr fällt mir eine verstörende Diskrepanz auf. Wir leben in einer Zeit, in der in den westlichen Gesellschaften das Individuum für viele zum Götzen geworden ist. Ich, das eigene Wohlbefinden – danach soll sich alles richten. Das Wohlergehen der Gemeinschaft ist zweitrangig geworden – in normalen Zeiten. Doch jetzt herrscht der Kant’sche Corona-Imperativ, vom Chefvirologen und Schillerpreis-Redner Christian Drosten in Stein gemeißelt: „Verhalte Dich stets so, als wärst Du infiziert. Und schade keinem Anderen.“ Alle sollen verzichten, zurückstecken, notfalls ihren Job und ihre wirtschaftliche Existenz opfern, damit möglichst wenige durch Corona sterben. Die überwältigende Mehrheit, von der man glaubte, dass sie nur an sich denkt, stimmt dem verblüffenderweise zu. Noch.

 

Gleichzeitig erleben wir jedoch eine neue Orgie des Individualismus: Die einen wettern gegen die verordneten Beschränkungen und fordern für sich persönliche Freiheitsrechte ohne Rücksicht auf Verluste an Gesundheit und Leben. Die anderen, die verantwortlichen Politiker und die Mehrheit der Bürger sind überzeugt, dass kein einziges Leben frevelhaftem Tun wie Geselligkeit, Reisen oder Vergnügen geopfert werden dürfe oder dem schnöden Mammon. Dabei sind alle Geschäfte und die meisten Betriebe weiterhin offen, im Gegensatz etwa zu Kulturstätten. Eine Zeit der Askese.

Früher wurden Millionen Menschenleben in unseren Breitengraden dem Kaiser, dem Führer, dem Endsieg, dem Klassenkampf oder anderen mehr oder weniger hehren Zwecken geopfert. Der Einzelne zählte wenig bis nichts, sofern er oder sie nicht zur herrschenden Klasse gehörte. In vielen Teilen der Erde ist es noch immer so. Und es ist ja mitnichten auch bei uns sonst so viel anders. Wer hat bis zu dieser Pandemie beispielsweise ernsthaft etwas dagegen unternommen – und tut es jetzt –, dass in unseren Krankenhäusern und Heimen jedes Jahr Tausende an unhygienischen Zuständen, Keimen und Unterversorgung an Pflegekräften sterben? Dass Unzählige durch Luftverschmutzung oder Verseuchung von Wasser und Böden erkranken oder ums Leben kommen? Dass Millionen in armen Ländern durch Hunger und Not als Folge des ungerechten Welthandels und unserer Konsumgewohnheiten ihre Leben lassen? Dass Menschen durch Waffen aus deutscher Produktion getötet werden? Der Krieg in Syrien, quasi vor unserer Haustür, dauert schon beinahe zehn Jahre; Millionen wurden getötet oder vertrieben, ohne dass der Westen eingriff. Sind Menschenleben mehr wert, wenn es um die eigene Oma, den eigenen Opa geht? Weshalb hat das Virus plötzlich die Wertigkeiten verändert – auf der ganzen Welt, zumindest in ihrem wohlhabenderen Teil, der sich um ernsthafte Bedrohungen des eigenen Lebens sonst keine große Sorgen machen muss?

 

Ich sprach kürzlich mit einem jungen Ägypter und fragte ihn, wie die Lage in seiner Heimat sei für seine Eltern, Geschwister, Freunde und Verwandten. Ob sie sich auch große Sorgen vor dem Virus machten? „Sie sorgen sich darum, ob sie etwas zu essen und Arbeit finden“, erwiderte er. Ein Jemenit, den ich über Facebook kennengelernt habe, schrieb mir: „Die Menschen hier fürchten sich nicht vor dem Virus, sondern vor dem Krieg, der alles zerstört. Sie sterben durch Bomben und Hunger. Corona kann es kaum noch schlimmer machen. Tests? Wir haben keine einzige Klinik mehr, keine Ärzte weit und breit, kein sauberes Wasser, kein Brot.“ Die UNO berichtet, dass Hunger und Unterernährung in der Welt infolge der Coronakrise dramatisch zugenommen haben. Dem dürften weit mehr Menschen zum Opfer fallen als dem aktuellen Virus. Wir aber bangen um einen Impfstoff, damit unser Leben wieder in seinen gewohnten Gang zurückkehren kann.

 

Damit mich niemand missversteht: Ich verharmlose die Pandemie keineswegs. Ich gehöre selbst zu einer Risikogruppe. Ich habe einen engen Freund mit dem Virus verloren. Auch mir ist jedes Menschenleben wichtig. Aber wir dürfen die Relationen nicht aus dem Auge verlieren. Jeden Tag sterben Menschen an allem Möglichem, ohne dass ihr Tod in die Statistiken des Robert-Koch-Instituts eingeht, die wie Sturmflutwarnungen den Regierungen und uns Bürgern permanent den Takt vorgeben. Leben wir, um zu überleben? Ein Leben in ständiger Angst, eingesperrt in den eigenen vier Wänden, ist auf Dauer ebenfalls tödlich. Ärzte und Psychologen berichten von zunehmenden Depressionen, von Menschen, die verzweifeln und an Vereinsamung zugrunde gehen oder sich das Leben nehmen. Eine Mutter sagte mir, dass sie ihre Kinder in den Keller gesperrt habe, weil die nicht mehr andere treffen sollten. Aber sie seien ausgebüxt.

 

Lassen wir uns unseren Lebensmut nicht nehmen. Es hat ein Leben vor dieser Pandemie gegeben. Es wird eins danach geben. Und es gibt eins, bis sie irgendwann zu Ende geht und die nächste kommt. Anders als vorher, ungewohnt, viel ruhiger, angespannt. Aber nicht weniger lebenswert.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 12/2020-01/2021.


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