Rainer Eisch - 30. September 2020 Kulturrat_Logo_72dpi-01

Digitalisierung & Kultur

„Kunstwerke für die digitale Welt sind ephemer“


3 Fragen an Rainer Eisch

Mit dem Lockdown hat sich der Kunstmarkt vielfach ins Internet verlagert, da viele Galerien schließen mussten und wichtige Kunstmessen ausgefallen sind. Wie sieht der Online-Kunstmarkt nun aus? Welche Vorteile, welche Nachteile bringt der Markt im Netz mit sich?
Institutionen wie Museen oder Galerien waren schon vor dem Lockdown in der digitalen Welt präsent und die digitale Vermittlung damit schon länger ein Teil der Arbeit von Galerien, Museen und Institutionen. Der schmerzliche Wegfall der analogen Vermittlungswege hat nun zu einer intensiveren Nutzung der digitalen Möglichkeiten geführt und ab und an wurden für diese Kanäle neue Inhalte geschaffen. Bei Kunstverkäufen war von jeher der persönliche Kontakt mit den Käufern existenziell und ist nur sehr schwer durch einen Online-Kunstmarkt zu ersetzen.

 

Online-Verkäufe sind naturgemäß viel einfacher abzuwickeln, wenn das Werk und der Künstler dem Sammler bekannt sind. Erst recht, wenn der monetäre Wert eines Werks und die möglichen Wertsteigerungen im Fokus der Käufer stehen. Der Markt des Weiterverkaufs und der Auktionen hat hier also die Nase vorn. Der Teil des Kunstmarktes, in welchem idealerweise eine Galerie eine Künstlerin vertritt und in langjähriger Vermittlungsarbeit aufbaut, fußt zum großen Teil auf der direkten Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Werk. Die persönliche Begegnung und Beziehung zu Sammlerinnen und Sammlern darf dabei nicht unterschätzt werden. Hier ist es um einiges schwieriger, den Verkauf ausschließlich online abzuwickeln.

 

Die Präsenz für die bildenden Künstler im Internet wird immer wichtiger. Wie ist die Veränderung zu bewerten?
Analog zu den Institutionen und Galerien waren bildende Künstlerinnen schon vor der Pandemie im Internet rege präsent. Man darf dabei nicht den Fehler machen, die künstlerischen Werke mit den Internetpräsenzen gleichzusetzen. Bis auf wenige Ausnahmen handelt es sich meist um Dokumentationen von Werken, welche die direkte Begegnung mit dem Werk nicht ersetzen können. Die dauerhafte Verschiebung der Aufmerksamkeit ins Digitale birgt die Gefahr einer Nivellierung von Sehgewohnheiten.

 

Mehr noch, die digitalen Medien unterliegen einem gewissen formalen Zwang. Dies hat seinen Ursprung in der Technik, man kann z. B. nicht bestimmen, mit welchem Endgerät, welcher Formatierung oder Farbeinstellung der digitale Inhalt betrachtet wird.

 

Wird jedoch eine künstlerische Arbeit ausschließlich für das Internet geschaffen, ist es möglich, mit dem formalen Zwang künstlerisch umzugehen. Hier lauern aber schon die nächsten Fallstricke. Mitte der 1990er Jahre haben einige Kolleginnen und Kollegen angefangen, Werke für das World Wide Web zu schaffen. Ein Datenformat jener Zeit waren ShockWave-Dateien, später Flash-Dateien, welche mittels Browser-Plugins betrachtet werden konnten. Selbst wenn diese Inhalte noch heute im Internet stehen, sind sie mit den meisten der heute üblichen Endgeräte nicht mehr sichtbar, weil die Technik oder Software nicht mehr verfügbar ist. Uns Künstlern muss deshalb immer bewusst sein, dass Inhalte und Werke, welche wir für die digitale Welt erschaffen, wahrscheinlich ephemer sind und in relativ kurzer Zeit verschwinden können.

 

Was gilt es jetzt für Künstler insbesondere zu beachten?
Die aktuelle Pandemie hat uns gezeigt, wie vorteilhaft digitale Techniken sein können, um in einem Ausnahmefall wie der aktuellen Pandemie das kulturelle Leben wenigstens im Ansatz aufrechtzuerhalten. Dass nun die Künstlerverbände im Rahmen von NEUSTART KULTUR die berufliche Stärkung und Entwicklung bildender Künstlerinnen und Künstler im Bereich Digitalisierung fördern ist ein wichtiger Anfang. Wir müssen aber weiter denken.

 

Nahezu in allen Bereichen der Kunstproduktion greifen Künstlerinnen und Künstler heutzutage auf digital- und medienbasierte Werkzeuge zurück. Dies kann sich auf die Entwurfs- und Entwicklungsprozesse beschränken, kann aber auch das Werk selber darstellen. Alle diese digitalen künstlerischen Arbeiten und Entwürfe unterliegen einer Software-Obsoleszenz und Alterung des Gesamtsystems.

 

Für die Gesellschaft stellt sich die politische Frage, wie wir dieses kulturelle Erbe erhalten und wie dies technisch zu meistern ist. Der Diskurs darüber muss breit aufgestellt sein, wünschenswert wäre eine gesamteuropäische Strategie.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 10/2020.


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