Dagnija Baltiņa und Pauls Daija - 25. März 2026 Kulturrat_Logo_72dpi-01

Texte zur Kulturpolitik

Jenseits von Kulturpolitik


Originale als ewiges Gedächtnis

Dieser Artikel ist dem 500. Jahrestag des Erscheinens des ersten Buches in lettischer Sprache gewidmet. Die Lettische Nationalbibliothek war für das fünfjährige Festprogramm (2021-2025) verantwortlich. Wir standen vor der Frage, wie wir das Jubiläum eines Buches feiern sollten, das nicht erhalten geblieben ist. Das Buch wurde im Jahr 1525 in Wittenberg gedruckt; sein Inhalt war protestantisch. Auf dem Weg nach Riga wurde es vom katholischen Rat in Lübeck beschlagnahmt – und zur Vernichtung bestimmt.

 

Im Oktober 2025 haben wir gemeinsam mit unseren deutschen Partnern in Wittenberg eine internationale Konferenz zu diesem Ereignis organisiert.

 

Dort wurde es als Detektivgeschichte der Buchgeschichte diskutiert. Wenn es tatsächlich eine Detektivgeschichte ist, dann eine sehr ungewöhnliche: In dieser kennt man den Täter schon auf der ersten Seite – aber gerade das Opfer ist es, das niemand finden kann. Unser Meinung nach ist diese Geschichte symbolisch für die Bedeutung des Originals in der Buchgeschichte. Denn auch das historische Gedächtnis wird oft zum Opfer einer vergessenden Gesellschaft. Den Titel unseres Artikelss haben wir von dem Film »Eternal Sunshine of the Spotless Mind« aus dem Jahr 2004 übernommen – ein Film, der von einem psychologischen und philosophischen Experiment mit Erinnerung, Identität und Schmerz erzählt.

 

Der Protagonist versucht, seine Erinnerungen auszulöschen – und erkennt nach und nach, dass er sie gar nicht verlieren will. Der Titel des Films stammt aus einem Gedicht von Alexander Pope, aus den Zeilen: »The world forgetting, by the world forgot. / Eternal sunshine of the spotless mind!« Die Mission der Bibliotheken besteht darin, dafür zu sorgen, dass unsere Köpfe nicht makellos, also nicht »spotless«, werden. Doch der Lauf der Geschichte – und oft auch unsere Instinkte – gehen genau in diese entgegengesetzte Richtung.

 

Die Frage, was die Verantwortung der Bibliotheken als »Erinnerungsinstitutionen«, als Hüterinnen des kulturellen Erbes im Gedächtnis der Gesellschaft eigentlich bedeutet, spielt heute eine zentrale Rolle. Das Digitalisierungsprogramm der Europäischen Union hat ein klares Ziel formuliert: die Digitalisierung und Bewahrung des europäischen Kulturerbes. Doch es ist ebenso klar, dass Digitalisierung und Bewahrung nicht identisch sind. Unsere größte und schwierigste Herausforderung – nicht nur als Institutionen, sondern auch als Individen – besteht heute darin, der Versuchung zu widerstehen, alles immer »bildschirmglatt« zu machen.

 

Um zu zeigen, warum das wichtig ist, möchten wir drei Perspektiven hervorheben: Ethik, Nachhaltigkeit und Solidarität.

 

Erstens der ethische Aspekt: Bewahrung und Erhaltung ist eine ethische, bürgerliche und intellektuelle Handlung. Sie hält das kollektive Gedächtnis lebendig – selbst dann, wenn sich Institutionen, Technologien und politische Systeme verändern. Bewahrung und Erhaltung ist nicht nur eine physische, sondern auch eine moralische Tat. Jeder Mensch, der Bibliotheken und Museen unterstützt oder einfach alte Familienbriefe aufbewahrt, beteiligt sich am langfristigen Projekt der Menschheit – Erfahrung weiterzugeben. Der European Council stellte fest, dass der Zugang zu Archiven eine der zentralen Fragen ist, die gelöst werden müssen, um die Demokratie auf dem gesamten Kontinent zu stärken.

 

Dies folgt aus der ethischen Überzeugung, dass Wissen über die Vergangenheit ein Menschenrecht ist – und dass Bürgerinnen und Bürger in einer demokratischen Gesellschaft das Recht haben, Zugang zu einer objektiven Darstellung ihrer Geschichte zu erhalten, die auf authentischen Quellen in Archiven beruht. Die Begegnung mit dem Original vermittelt nicht nur ein Gefühl für die Tiefe der Zeit und für die Arbeit, die in die Entstehung von Wissen eingeflossen ist. Das Original zeigt, dass Wissen angehäuft wurde und nicht immer wieder neu erfunden wird – dass selbst der modernste Geist auf Jahrhunderten gemeinsamer Erfahrung aufbaut.

 

Dieses Bewusstsein schafft Wertschätzung und Respekt, die nicht sentimental, sondern rational und ethisch begründet sind. Die digitale Kultur nimmt unserer historischen Erfahrung die Dimension der Zeit und fördert stattdessen Gleichzeitigkeit. Wir dürfen unsere historische Erfahrung und unser kollektives Gedächtnis nicht in eine digitale Kultur integrieren, die auf Informations-Gleichzeitigkeit und dem sogenannten »Scroll-Effekt« beruht.

 

Wir dürfen auch nicht zulassen, dass die Mechanismen der Informationsauswahl und -filterung, die in der digitalen und sozialen Medienwelt entstanden sind, auch auf das historische Gedächtnis übertragen werden. Damit riskieren wir, den Kontext zu verlieren. Das digitale Format bewahrt zwar den Inhalt, löscht aber oft den Zusammenhang. Ohne diesen Kontext verlieren wir die Kraft, die kritisches Denken überhaupt erst ermöglicht.

 

Zweitens: Nachhaltigkeit. Durch Restaurierung und Erhaltung treffen wir eine Auswahl – wir entscheiden, welches Material weitergegeben wird und welches verschwindet. Die Dokumente der Europäischen Union betonen, dass das kulturelle Erbe eine nicht erneuerbare Ressource ist: Es ist einzigartig, unersetzlich und nicht austauschbar. Seit Jahrhunderten dient Papier als das haltbarste und zugänglichste Medium für menschliches Wissen und kollektives Gedächtnis. Dokumente auf Papier sind also physische Verbindungspunkte zur Vergangenheit. Das papierbasierte Erbe wirkt wie ein Gegenschlag gegen die Tendenz, alles zu digitalisieren, zu verschlüsseln oder einfach zu löschen. Es sorgt dafür, dass menschliche Erfahrungen – ebenso wie Irrtümer – nicht einfach vergessen werden.

 

In der digitalen Welt lassen sich Fehler mit einem Klick löschen – auf Papier bleiben sie sichtbar: in Korrekturen und Randnotizen. Gerade diese Unvollkommenheiten machen ein Dokument authentisch, weil sie die Spuren menschlicher Gegenwart bewahren. Das originale Papierdokument widersetzt sich der Vorstellung, dass man Geschichte einfach »bearbeiten« kann.

 

Drittens: Solidarität. Das ewige Leuchten des Originals – darin liegt seine besondere Bedeutung. Dieses Leuchten verzaubert uns nicht nur, es beeinflusst uns auch – als Bibliotheksdirektorinnen und -direktoren, Minister, Forschende und Studierende. Und es erlegt uns Verantwortung auf. Das ist eine klare Aussage: Kulturerbe gehört allen, und sein Schutz ist eine gemeinsame Verantwortung, kein exklusives Fachgebiet für Expertinnen und Experten.

 

Es ist notwendig, die Diskussion über die Bewahrung von Papier auch an breitere Gesprächstische zu bringen. Denn das verleiht Kontext und ein Gefühl von Kontinuität – auch in Bezug darauf, welche Entscheidungen wir treffen und mit welchen Augen wir künftig das digital Geborene sehen und verstehen werden. Doch wenn wir fordern, Papier aus dem engen kulturellen Rahmen zu lösen, müssen wir uns auch selbst fragen: Sind wir bereit, uns aus diesem Rahmen zu entlassen? Wenn wir wollen, dass andere Disziplinen – Wirtschaft, Finanzen, Bildung, Landwirtschaft, Wissenschaft und Technologie – das Original ernst nehmen, dann müssen wir selbst an ihren Tischen sitzen.

 

Wir dürfen uns nicht in die Komfortzone kultureller Selbstverständlichkeit zurückziehen und so unbewusst unsere eigene Randständigkeit reproduzieren. Denn wer Originale bewahrt, trägt Werte in sich, die andernorts oft fehlen: Geduld, Langzeitdenken, die Fähigkeit zur Kontextbildung und zur moralischen Abwägung. Diese Haltung ist kein sentimentaler Luxus, sondern eine Ressource für Zukunftsgestaltung. In »Eternal Sunshine« fühlt sich der Verlust von Erinnerung für einen Moment befreiend an – bis sichtbar wird: Ohne Wurzeln können wir unsere Zukunft nicht wählen; wir treiben ihr lediglich entgegen.

 

Das ist mehr als Theorie. Als Vertreter der Nationalbibliothek wünschen wir uns einen Platz an den Tischen, an denen über künstliche Intelligenz, digitale Transformation oder Innovationsstrategien entschieden wird. Oft spüren wir, dass wir uns dafür »würdig« erklären müssen, als wäre unsere Erfahrung mit Originalen ein Randthema in einer Welt der Algorithmen und Start-up-Euphorie. Doch vielleicht liegt der Schlüssel genau hier: Die eigentliche Innovation ist nicht das Feuerwerk der Bildschirme, sondern das stille Wissen um das Original – um seine Geduld, seine Authentizität, seine Wahrheit.

 

Wenn wir das begreifen und sichtbar machen, erweitern wir nicht nur das Feld unserer Verantwortung; wir öffnen einen Raum, in dem diejenigen, die Vergängliches produzieren, von denen lernen können, die Dauer gestalten.

 

Wer Originale hält, hält auch die Richtung. Als wir vor mehr als zehn Jahren die Dauerausstellung in der Lettischen Nationalbibliothek zum Thema Buchgeschichte gestalteten, diskutierten wir lange darüber, wie wir das erste Buch, das nicht erhalten geblieben ist, präsentieren sollten. Schließlich beschlossen wir, eine Handvoll Asche in die Vitrine zu legen. Damals war es Mode, digitale Lösungen, Bildschirme, interaktive Tablets usw. in Ausstellungen zu verwenden. Unsere damalige Leitung hatte jedoch die Vorgabe, nur Originale auszustellen.

 

Dies deckt sich in gewisser Weise mit der These, die der Psychologe Paul Bloom 2010 in seinem Buch »How Pleasure Works« formulierte. Er sagte, dass den Menschen die reine äußere oder funktionale Ähnlichkeit einer Sache nicht reicht. Wir schätzen an einem Objekt sein Wesen und seine Geschichte – die Verbindung zu seinem Ursprung, zu seinem Autor oder zu dem Weg, den es gegangen ist. Eine völlig identische Kopie eines Gemäldes mag optisch gleich sein, doch die meisten Menschen bevorzugen trotzdem das Original, weil sie ein existenzielles Bedürfnis nach Authentizität haben – nach etwas, das der Künstler in sein Werk »hineingewoben« hat.

 

Das ergibt sich aus unserem kognitiven Bedürfnis nach der inneren, unsichtbaren Essenz der Dinge, die sie zu dem macht, was sie sind. Unsere Bindung an das Original hat nichts mit sinnlicher Erfahrung zu tun, sondern mit Wesen, Geschichte und Glauben. Der Mensch ist ein Sinnsuchender – wir finden Tiefe dort, wo Bedeutung ist, nicht dort, wo nur Inhalt existiert.

 

Das erste lettische Buch ist als Original nicht erhalten – und dennoch ist es uns bekannt, belegt durch einen Eintrag im Protokoll des Lübecker Domkapitels. Ein fehlendes Original, das uns dennoch verpflichtet. Gerade dieses Beispiel erinnert uns daran: Originalerhalt ist kein rein kulturelles Anliegen. Er liegt jenseits von Kulturpolitik – dort, wo wir über Wissen, Beweissicherheit, Demokratie und die Verlässlichkeit öffentlicher Institutionen sprechen. Wenn wir diese Perspektive ernst nehmen, wird erkennbar: Das ewige Leuchten des Originals liegt nicht im Schutz der Vergangenheit, sondern in der Sicherung unserer Entscheidungsfähigkeit für die Zukunft.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 4/2026 

Copyright: Alle Rechte bei Deutscher Kulturrat

Adresse: https://www.kulturrat.de/themen/texte-zur-kulturpolitik/jenseits-von-kulturpolitik/