Johann Hinrich Claussen - 29. Januar 2021 Kulturrat_Logo_72dpi-01

Lageeinschätzungen Kulturbereiche / Texte zur Kulturpolitik

Die Zivilgesellschaft in Quarantäne


Gehören zur Pandemie-Politik nicht auch hygienisch unbedenkliche Formen der Bürgerbeteiligung?

Die städtische Kultur befindet sich seit bald einem Jahr in einem künstlichen Koma; und die ländliche auch. Es gibt sie noch, sie atmet, wird ernährt – so sie über eine Festanstellung verfügt –, aber sie findet nicht mehr statt. Die Gründe sind bekannt, leuchten angesichts des Pandemiegeschehens ein. Es ist dennoch gut, dieses Langzeitkoma für einen Skandal zu halten. Nicht, um die epidemiologischen Maßnahmen zu diskreditieren. Sondern, um sich das Bewusstsein dafür zu erhalten, dass dies keine Normalität sein darf.

 

Wie unnormal dieser Zustand ist, zeigt sich an einem Punkt, der bisher kaum diskutiert wurde: Es gibt keine Bürgerbeteiligung mehr. In den Jahren „vor Corona“ waren viele Formen und Instrumente entwickelt worden, mit deren Hilfe Bürger Anliegen oder Bedenken einbringen konnten. Manchmal gewann man den Eindruck, dass es zu viel davon gab und größere Bauvorhaben oder Infrastrukturmaßnahmen nicht mehr umzusetzen waren. Andererseits zeigte sich bei der Bewältigung des Flüchtlingssommers 2015 und seiner Folgen, wie sinnvoll es trotz aller Streitigkeit und Zähigkeit ist, Nachbarn anzuhören, wenn es etwa um die Einrichtung von Unterbringungen geht. Denn es geht sie an, oft haben sie auch etwas zu sagen. Gibt man ihnen keine Gelegenheit, darf man sich nicht wundern, wenn eine Akzeptanz sich nicht einstellen will. Aber jetzt, da die politisch Verantwortlichen in das Leben der Bürger in ungeahnter Weise eingreifen, ist von deren Beteiligung nichts zu sehen.

 

Schon vor einem halben Jahr hat der Politikwissenschaftler Roland Roth auf diesen – vielleicht unvermeidlichen – Missstand aufmerksam gemacht und einen interessanten, wenn auch nicht ganz passenden Vergleich gezogen. Die Aids-Krise der 1990er Jahre hat zu enormem sozialen und politischen Engagement geführt, bei aller Tragik auch epochale emanzipatorische Folgen gezeitigt. In der Coronakrise dagegen findet ehrenamtliche Mitwirkung, praktische Solidarität oder politische Beteiligung nicht statt. Die Zivilgesellschaft ist ja in Quarantäne. Für Aufklärung und Gespräch, Kritik oder Gegenvorschläge, ein gemeinsames Lernen gibt es keinen Ort – nur das blöde Internet mit seinen berüchtigten Erregungsmechanismen. So darf man sich nicht wundern, dass die „Querdenker“-Demonstrationen die einzigen analogen Gelegenheiten für einen gesellschaftlichen Diskurs waren. Würde es nicht zu einer seriösen Pandemie-Politik gehören, auch politisch wirksame und hygienisch unbedenkliche Formen der Beteiligung anzubieten?

 

Wie das ginge, weiß ich natürlich auch nicht. Aber zwei positive Erfahrungen habe ich gemacht. Das erste sind die wöchentlichen Zoom-Meetings eines Service-Clubs, bei dem ich seit vielen Jahren Mitglied bin. Als wir von real auf digital umstellten, gab es anfangs nicht nur allerlei technische Probleme. Wir mussten uns auf eine neue Form der Begegnung einstellen. Aber das war schnell überwunden, denn die Freude überwog, sich mit Freunden aus anderen Berufswelten auszutauschen, von den Kenntnissen anderer zu profitieren, Sorgen zu teilen und kontrovers-konstruktiv zu diskutieren.

 

Aber digitale Begegnungen sind kein vollwertiger Ersatz, es braucht auch die analoge Gemeinschaft. Womit ich bei meiner zweiten guten Erfahrung wäre. Zurzeit sind bekanntlich Gottesdienste die einzigen solchen Gelegenheiten. Über die Heiligabendvespern wurde heftig diskutiert – zumeist von Menschen ohne eigene Gottesdiensterfahrung. Deshalb erzähle ich einmal, was ich kürzlich in einem ganz normalen Gottesdienst erlebt habe. In meiner Nachbarschaft steht eine der legendären „Notkirchen“ von Otto Bartning: nach einem Bausatz schnell und günstig errichtet für die Menschen in den zerbombten Städten der unmittelbaren Nachkriegszeit. Wo könnte man heute besser Gottesdienst feiern? Sie sind warm, bergend. Etwa 30 Menschen sind gekommen, einige kenne ich aus der Nachbarschaft. Umsichtige – ehrenamtliche! – Gastgeber begrüßen und registrieren mich, der Küster bringt mich zu meinem Platz. Wir halten Abstand und sind doch beisammen. Wir hören eine biblische Geschichte, die Pastorin legt sie in einer bündigen Predigt aus. Wir beten – für uns und andere. Ein Ehepaar ist gekommen, um den Segen zu ihrer Goldenen Hochzeit zu empfangen. Die große Familie schaut per Webcam zu. Wir sind gerührt, freuen uns mit. In Zeiten, in denen viele Beziehungen im Lockdown zerbrechen, ist dies ein Hoffnungszeichen für uns alle. Zur Belohnung singt die Organistin am Klavier den liebsten Beatles-Song der goldenen Eheleute.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 2/2021.


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