Peter Grabowski - 1. November 2016 Kulturrat_Logo_72dpi-01

Kommunale Kulturpolitik

Düsseldorf: Weltmetropolenlandeshauptaltstadtdorf


Wie steht es um die kommunale Kulturpolitik in Düsseldorf?

Düsseldorf

  • Einwohner: ca. 630.000
  • Fläche: ca. 217 km²
  • Bevölkerungsdichte: ca. 2900 Einwohner pro km²
  • Nächste Oberbürgermeisterwahl: 2020
  • Nächste Kommunalwahl: 2020
  • Oberbürgermeister: Thomas Geisel (SPD)
  • Kulturdezernent: Hans-Georg Lohe (CDU)
  • Kulturausgaben: ca. 130 Millionen Euro pro Jahr
  • Kulturausgaben pro Einwohner: ca. 206 Euro pro Jahr

Ein schöner Spätsommertag Anfang September: Der Kulturberater Patrick Föhl steht im ersten Obergeschoss des noblen Palais Wittgenstein im strahlenden Sonnenschein. Doch während sonst jeder Einfall natürlichen Lichts in untere Etagen dicht bebauter Altstädte für buchstäblich helle Freude sorgt, guckt Föhl in diesem Moment ausgesprochen unglücklich: Die etwa 120 Leute vor ihm können nämlich leider nicht lesen, was auf der Leinwand hinter ihm zu sehen war – oder besser: zu sehen gewesen wäre, wenn sich der Raum hätte verdunkeln lassen.

 

„Geht nicht wegen Denkmalschutz“, klärt Düsseldorfs Kulturdezernent Hans-Georg Lohe die missmutig grummelnde Schar von Kulturakteuren aus allen Sparten und Ecken der Stadt darüber auf, warum es im Kammermusiksaal des ehrwürdigen Palais keine Jalousien gibt. „Das ist natürlich schade“, versucht Föhl zu retten, was zu retten ist, „aber dann les’ ich’s Ihnen eben vor.“

 

Die Szene hat Symbolwert. In ihr zeigen sich Attraktivität und Reichtum der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt, aber eben auch ihre Tücken und Schwierigkeiten: Düsseldorf hat eine große Geschichte, gerade in Kunst und Architektur. Doch diese ruhmreiche Vergangenheit sorgt in der Gegenwart für einige Probleme, unter anderem auch mit der vielzitierten „Sichtbarkeit“. Die leidet nicht nur ganz konkret, wenn bei einer Präsentation des aktuellen Kulturplanungsprozesses wegen des Denkmalschutzes keine Folien an die Wand des Tagungsraums projiziert werden können. Auch im übertragenen Sinn geht der Blick auf das Heute immer wieder mal verloren, weil man sich zwischen Düssel und Rhein gern am glamouröseren, irgendwie besseren Gestern berauscht. Das reicht vom Wittelsbacher Kurfürsten und Kunstsammler Johann Wilhelm – der Rheinländer sagt: „Jan Wellem“ – Ende des 17. Jahrhunderts über die Düsseldorfer Malerschule Schadows und der Achenbach-Brüder gut 100 Jahre später bis in die jüngere Zeit, zu Beuys, dem Ehepaar Becher und den Elektropionieren von Kraftwerk.

 

An diese ruhmreichen 1960er, 1970er, 1980er Jahre, als Düsseldorf zu den Weltmetropolen der Kunst zählte, tragen viele Bürger der Stadt bis heute jede Menge Erinnerungen mit sich herum. Aus ihnen nährt sich allerdings auch eine manchmal fast pathologische Sehnsucht nach dieser eben erst vergangenen Epoche. Folgerichtig beklagt die Kunst- und Kulturszene unserer Tage einen eklatanten Mangel an Wahrnehmung und Wertschätzung; vor allem innerhalb der Stadtgrenzen, und das trotz großer Qualität vieler Künstler, nicht nur der prominentesten wie Katharina Sieverding, Rosemarie Trockel, Andreas Gursky oder Thomas Ruff. Dieses Phänomen ist auch ein Thema der zurzeit laufenden Kulturentwicklungsplanung (KEP). Sie wird – im Auftrag der Stadt – von der Kulturpolitischen Gesellschaft organisiert, die sich wiederum Patrick Föhl vom Berliner Netzwerk für Kulturberatung als Projektleiter dazu geholt hat. Er und seine Mitarbeiter stellten Anfang September erste Ergebnisse ihrer Bestandsaufnahme des Düsseldorfer Kulturangebotes vor, dazu die vorläufige Auswertung zahlreicher Einzelinterviews mit Akteuren aus Kultur und Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sowie eine kommunikationswissenschaftliche Netzwerkanalyse. Insgesamt 13 Problemfelder haben sich dabei herauskristallisiert. Neben der bereits erwähnten „Sichtbarkeit“ zählen dazu unter anderem die Öffnung der städtischen Institutionen, zeitgemäßere Förderstrukturen und eine koordinierte Vermarktung des nahezu überbordenden Angebots. Besonderes Sorgenkind ist die Koordination und in Teilen auch konzeptionelle Neuausrichtung der rund 40 kulturellen Einrichtungen unter städtischer Beteiligung. In ihrem Zentrum wiederum die zwölf Spezialmuseen: Theater, Film und Schifffahrt sind eigene Häuser gewidmet, das Deutsche Keramikmuseum beherbergt eine weltweit renommierte Sammlung, im Literaturbereich sind Heine-Institut und Goethe-Museum organisatorisch strikt getrennt.

 

Seit einem Jahrzehnt doktert die Stadt an diesem thematischen wie bürokratischen Sammelsurium herum. Mehrere professionelle Berater haben – teils ehrenamtlich – Analysen durchgeführt und Konzepte entworfen, doch im entscheidenden Moment haben die Verantwortlichen in Rat und Verwaltung bis jetzt immer wieder gekniffen. Nun soll ausgerechnet die Kulturentwicklungsplanung das heiße Eisen nicht nur richten, sondern am besten auch gleich noch schärfen und härten. Doch es ist weder Sinn noch Aufgabe solcher Prozesse, das ureigenste Geschäft der Politik zu besorgen: Entscheidungen treffen. Gleichzeitig macht dieser Vorgang das eigentliche Problem in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt deutlich. Es mangelt am Gespür für kulturpolitische Herausforderungen, an der Kreativität und an der notwendigen Durchsetzungskraft zu ihrer Lösung – oft an allem zugleich.

Ein kurzer Blick auf die parlamentarische Seite: Im Rat der Stadt sitzt seit zwölf Jahren der Kunsthändler Friedrich Conzen (CDU) dem Kulturausschuss vor. Er ist seit 1979 Stadtverordneter, seit 2008 auch stellvertretender Bürgermeister. Conzen hat sich große Verdienste um Düsseldorf erworben, auch in der Kulturpolitik. Doch nicht nur seine patriarchale Art und Amtsführung wirken irgendwie aus der Zeit gefallen – auch inhaltlich steht der Seniorchef eines 150 Jahre alten Traditionsunternehmens für einen mitunter rührend rückwärtsgewandten Kulturbegriff.

 

Etwas anders gelagert ist der Fall im zugehörigen Verwaltungsbereich, aber ähnlich schwer. Kulturdezernent Hans-Georg Lohe (CDU) ist Jurist und war weite Teile seines Berufslebens irgendjemandes Referent, unter anderem auch der seines legendären Vorgängers im Amt, Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (CDU). Der wechselte 2005 in die Landesregierung, und dann begann zu wirken, was in der Politik manchmal die größten Kräfte auslöst: Die Arithmetik der Macht. Düsseldorfs damaliger Oberbürgermeister Joachim Erwin nutze Grosse-Brockhoffs Abgang, um endlich einen handzahmen und ihn – Erwin – weniger enervierenden Nachfolger zu installieren. So wurde der ewige Referent Hans-Georg Lohe, der zu jener Zeit das Büro des Kämmerers leitete und im Nebenamt kaufmännischer Geschäftsführer der städtischen Kunsthalle war, zum Kulturdezernent in der Hauptstadt des größten deutschen Bundeslandes. Er ist es bis heute. Lohes Wiederwahl nach acht Jahren kam Anfang 2014 gerade noch rechtzeitig, bevor im Herbst der Sozialdemokrat Thomas Geisel den OB-Posten erobern konnte. Der hat seitdem einige Dezernenten mit CDU-Parteibuch auf diese oder jene Art und Weise entsorgt, den – ungewöhnlich an einer deutschen Stadtspitze – ausschließlich für Kultur zuständigen Lohe aber behalten. Wer im Düsseldorfer Rathaus und drumherum nach den Gründen fragt, hört niemals ein inhaltliches Argument; zumindest keins, das man Lohe zugute schreiben könnte. Viel ist dagegen von der bereits erwähnten Arithmetik die Rede. Mitunter fallen auch harsche Worte.

 

Hinter den Kulissen hieß es zuletzt, der kulturpolitisch recht sattelfeste Oberbürgermeister favorisiere mittlerweile die Idee eines „Generalmuseumsdirektors“ für die stadteigenen Sammlungen. Der – oder die – müsste allerdings spätestens dann installiert werden, wenn im Herbst 2017 der jüngst noch einmal verlängerte Vertrag von Kunstpalast-Direktor Beat Wismer endgültig ausläuft. Dessen Position an der Spitze des größten städtischen Kunstmuseums ist die Schlüsselpersonalie im Institutionengefüge. Doch bislang ist weder klar, welche Ausrichtung das Haus künftig haben soll, noch wie viel Geld zur Verfügung steht. Der bisherige Großsponsor Eon zieht sich im kommenden Jahr endgültig zurück, ein Nachfolger an der privatwirtschaftlichen Geldspritze ist bislang nicht gefunden. Doch vor diesen grundsätzlichen Entscheidungen hier wie da wie dort wird auch die Führungspersonalie nicht zu lösen sein.

 

Vom Kulturdezernenten hat man in dieser Frage noch nichts Substanzielles gehört, so wie eigentlich immer. Wohin zieht das heimatlos werdende Theatermuseum? Wer soll das Keramikmuseum mit seinem erstklassigen Potential dauerhaft aus dem Dornröschenschlaf ins verdiente Rampenlicht führen – und wo? Wird das Schauspielhaus während seines mindestens zweijährigen Zwangsexils wegen einer Mega-Baustelle drumherum auch gleich selbst richtig saniert, bevor das kurz nach der Rückkehr dann sowieso passieren muss? Die letzten Schätzungen dafür belaufen sich auf 20 Millionen Euro plus X. Oberbürgermeister Thomas Geisel hat angesichts der immer größer werdenden Summe den Stadtrat aufgerufen, sich eindeutig zu erklären und dabei auch die Frage zu beantworten, „welche Bedeutung dieses Gebäude der Hochkultur“ für die Stadt habe. Seitdem ist der denkmalgeschützte Bau aus den 1960er Jahren auch wieder eine kulturpolitische Baustelle. Der neue Schauspiel-Intendant Wilfried Schulz wünscht sich natürlich, möglichst bald ein möglichst umfassend saniertes Stammhaus. Ihm wird zugetraut, der traditionsreichen Theaterstätte dann endlich wieder eine echte Identität geben zu können. Doch auch er wird damit zu kämpfen haben, dass in Düsseldorf vor allem große Namen der Vergangenheit hell leuchten und dabei sogar manches starke Licht der Gegenwart gleich mit überstrahlen. Auch in diesem konkreten Fall wirft einer lange Schatten, und zwar auf den Platz direkt vor dem Schauspielhaus. Der ist nach dem legendären ersten Intendanten der Nachkriegszeit benannt: Gustaf Gründgens.

 

Der Text ist zuerst in Politik & Kultur 06/2016 erschienen.


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