René Schuh - 6. Juli 2018 Kulturrat_Logo_72dpi-01

Kulturelle Bildung digital

Musikpädagogische Weiterbildung in der digitalen Gesellschaft


Raum zum Experimentieren, Zeit und Ruhe, um Neues zu erproben, Begegnungen für kollegialen Austausch, eine intensive Verknüpfung von Theorie und Praxis – das sind die Eckpfeiler musikpädagogischer Weiterbildung.

 

In den vergangenen mehr als 40 Jahren haben wir in diesem Feld viele Veränderungen erlebt – keine war so groß und keine stellt uns konzeptionell vor eine so große neue Herausforderung wie die Digitalisierung. Alle, die als Lehrende, Unterrichtende, als pädagogische Fachkräfte mit jungen Amateurmusikerinnen und Amateurmusikern arbeiten, erleben mit dem Einzug medialer Technologien und digitaler Geräte, neuer Programme und Anwendungen einen totalen Wandel sowohl im Hören und Konsumieren wie auch im Gestalten und Produzieren von Musik. Die Bundesakademie für musikalische Jugendbildung steht als Weiterbildungseinrichtung vor dieser Herausforderung. Wir machen Angebote für musikpädagogisch arbeitende Menschen in Musikschulen, Schulen, Vereinen, Kirchen, Kindertagesstätten und freier Arbeit. Sie wollen wir mit aktuellem Wissen für ihre Praxis ausstatten. Dazu gehören in Bezug auf das Arbeiten mit digitalen Medientechnologien technisches Wissen, didaktisches Handwerkszeug und konzeptionelle Kompetenz, mit der sie ihr Tun zukunftsfähig gestalten können. Denn wo sich Lebenswelten so massiv verändern, muss Weiterbildung reagieren. Ihre Aufgabe ist es, die Lehrenden und pädagogisch Tätigen zu befähigen, den Wandel aktiv zu begleiten, zu unterstützen, mitzugestalten und daran teilzuhaben. Diese Aufgabe haben andere Fachdisziplinen ebenso. Worin bestehen aber die besonderen Herausforderungen und die Chancen der Digitalisierung für die musikpädagogische Weiterbildung?

 

Zwischen digitalem Defizit und Zukunftsmusik – Wie digital ist die musikpädagogische Weiterbildung?
Die Digitalisierung kommt nicht erst auf die Musikpädagogik zu, Musik und Musikpädagogik sind bereits mittendrin im digitalen Wandel. Zwar ist das Smartphone in der Hand und am Ohr der Jugendlichen schon längst zum augenfälligen Abbild einer digitalisierten Gesellschaft und Jugendkultur geworden, aber Digitalisierung ist vielmehr als das „digitale Endgerät“. Es gibt unzählige Möglichkeiten im vernetzten World Wide Web, es gibt Programme, mit denen Musik in vielfältiger Weise produziert und bearbeitet werden kann, es gibt Apps, Kompositionstools, Lernmedien, digitales Instrumentarium, Experimentiertools, Produktionsgeräte und vieles mehr. Wie vertraut musikpädagogisch arbeitende Fachkräfte mit diesen Möglichkeiten sind und ob und wie sie diese in ihrem Unterricht oder ihrer Arbeit mit Jugendlichen einsetzen, ist sehr unterschiedlich und hängt sowohl von der musikalischen Sparte, der technischen Ausstattung, als auch von den persönlichen

Vorlieben ab. So lässt sich nicht pauschal sagen, dass es im musikpädagogischen Bereich grundsätzlich ein digitales Defizit gebe, wie immer wieder beklagt wird. Die Arbeit im Jazz/Pop- oder im kompositorischen Bereich etwa ist sehr intensiv und schon seit jeher von digitalen Medien geprägt. Eine Entwicklung, die mit der Digitalisierung der Aufnahmetechnik begann und sich in der Komposition am Computer fortsetzt.

 

Die Herausforderung in der Weiterbildung besteht dann nicht darin, zu fragen: Sind hier Medienschaffende oder Musikerinnen und Musiker am Werk? Ihre Herausforderung besteht darin, zu erkennen, wie über diese Zugänge Kompetenzen erworben werden, wie über die musikalische Gestaltung eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen gelingt, wie Teilhabe in diesem Feld gestaltet werden kann. Diese Auseinandersetzung zu begleiten, den Lehrenden darin Sicherheit zu geben, Potenziale zu erkennen und das fachliche Wissen dazu zu vermitteln, das ist die Aufgabe musikpädagogischer Weiterbildung. Wir beobachten in unserer Weiterbildungseinrichtung im Großen und Ganzen drei Gruppen: Die, die in ihrer Arbeit digitale Möglichkeiten voll ausschöpfen und nahezu auf ein analoges Instrumentarium verzichten. Die, die hin und wieder Technologien oder Anwendungen in ihrem Unterricht einsetzen. Und schließlich die, die nichts dergleichen tun (wollen) und auf die traditionelle analoge Musikvermittlung setzen. Sie alle muss die musikpädagogische Weiterbildung erreichen.

 

Analog und digital im Dialog – Wie gelingt digitaler Kompetenzerwerb?
Um welche Kompetenzen geht es also? Was kann und muss eine Weiterbildungseinrichtung vermitteln, damit die musikpädagogische Arbeit die Jugendlichen in ihrer zunehmend digital geprägten Lebenswelt auch weiterhin erreicht? Zuallererst geht es natürlich um grundlegende Kompetenzen in Bezug auf die technischen Möglichkeiten. Um das Wissen bezüglich der Möglichkeiten, die Software, Apps und andere Tools bieten. Zum Zweiten geht es um den Kompetenzerwerb in Bezug auf die eigene musikpädagogische Arbeit, den Einsatz der Medien und Hilfsmittel im Unterricht, didaktische Methoden, die Chancen durch eine kostengünstige Technik. Und schließlich ermöglichen wir in der Weiterbildung eigene Partizipationserfahrungen an Kreativtools, die die Lernenden selbst für ihre Weiterbildung nutzen wie Lernmedien, E-Learning, Online-Foren zum Austausch und anderes, was den eigenen Bildungsprozess unterstützt und erleichtert.

 

Eine Weiterbildungseinrichtung hat die Aufgabe, die unterschiedlichen Voraussetzungen, mit denen die Lernenden kommen, zu berücksichtigen und miteinander ins Gespräch zu bringen. Sie muss individuelle Bedarfe erkennen und unterstützen, aber auch persönliche Befindlichkeiten und Ängste berücksichtigen und ernst nehmen. Bei allem vorausschauenden und in die Zukunft gerichteten Arbeiten bedeutet das eben auch, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen. Damit verbunden ist die Aufgabe, neue Lernumgebungen zu schaffen. So werden zum Beispiel in berufsbegleitenden Weiterbildungen Inhalte digital zur Verfügung gestellt – für ein effektiveres Lernen in der analogen Welt. Werden Weiterbildungsformate in dieser Weise verändert, können Präsenzzeiten intensiver für das persönliche Miteinander genutzt werden, Online-Zeiten als Ergänzung, zur Vor- oder Nachbereitung. Die Aufgabe der Weiterbildungseinrichtungen besteht unbedingt darin, das richtige Maß zwischen analoger und digitaler Arbeit zu finden und auch die Qualitäten beider (!) Welten für die Musikpädagogik herauszustreichen. Dann lassen sich auch Ängste und Hemmungen gegenüber neuen Technologien abbauen.


Zwischen Chancen und Risiken – Wie die Digitalisierung die Musikpädagogik verändert
Wer in der Weiterbildung selbst die Erfahrung macht, wie digitale Plattformen das Selbstlernen unterstützen, wird die Qualität des digitalen Lernens neu einschätzen – und vielleicht darüber Bedenken überwinden und persönliche Grenzen überschreiten können. Gerade in Bezug auf das inklusive Lernen birgt die Digitalisierung, die ermöglicht, dass jeder seinen und jede ihren Bedarf selbst steuern kann, große Chancen. Auch in struktureller Hinsicht: Digitalisierung hilft dabei, Grenzen zu überwinden, Communities zu bilden, gemeinsam an Projekten zu arbeiten, womöglich gar zu komponieren und zu musizieren, wo früher Hunderte von Kilometern überwunden werden mussten. Ein schönes Beispiel dafür, ist der Skype-Unterricht der Minifiddlers, „Virtual Colourstrings Lessons“. Das ist einer der klassischen Bereiche, in denen diese digital unterstützten Formate schon seit Jahren erfolgreich funktionieren. Eine grundlegende Voraussetzung für eine gute musikpädagogische Arbeit ist das Verständnis für die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen. Insofern werden Musikpädagoginnen und Musikpädagogen nicht umhinkommen, sich mit deren digitaler Kommunikation und Kompetenz auseinanderzusetzen. Einerseits um zu verstehen, was hier geschieht, andererseits, um eine genuin pädagogische Aufgabe zu erfüllen: die Jugendlichen im kompetenten Umgang mit Medien, mit ihren Chancen, aber auch Risiken zu unterstützen und sie zu einem eigenständigen kreativen, aber auch kritischen Umgang zu befähigen. In der Musikpädagogik geht es darum, Jugendliche mit Hilfe der Musik zu einer selbstbewussten und kritischen Haltung in der Gesellschaft zu befähigen. Diesen Prozess unterstützt die Weiterbildung.

 

Vom Lernen zum Konzept – Wie Digitalisierung zur Führungsaufgabe wird
Die Zeit der Medienbeauftragten ist vorbei. Das kann ein Fazit aus der Beobachtung sein, dass digitale Medien aus der musikpädagogischen Arbeit nicht mehr wegzudenken sind. Die Lebenswelt der Jugendlichen muss den Lehrenden präsent sein und sie muss selbstverständlich in den Schülerunterricht einfließen. Das bedeutet zum Beispiel für Musikschulen, dass sie ihre Konzeptionen ganz grundlegend unter diese Lupe legen müssen. Nicht einer oder eine im Team wird zuständig sein für den digitalen Umbau, alle müssen – in je eigener Weise – diesen Weg mitgehen.

 

Es wird auch zukünftig Kolleginnen und Kollegen in einem Team geben, die mehr oder eben weniger technikaffin sind. Es wird die Lehrenden geben, die mit ihrem Instrument, den Noten, einem analogen Stimmgerät und der Schülerin oder dem Schüler arbeiten. Aber auch sie müssen eine Ahnung davon haben, was möglich sein kann, was der Schülerin oder dem Schüler – digital unterstützt – das Üben zuhause erleichtern könnte. Wird Lernen als Dialog verstanden, dann ist es ein spannender Prozess mit und von den Digital Natives zu lernen. Das stellt nicht die Qualität der analogen Vermittlung in Frage, ganz im Gegenteil. Wir gewinnen in dieser notwendigen Auseinandersetzung eine noch klarere Vorstellung davon, was die besondere Qualität der Mensch-zu-Mensch-Beziehung und die konkrete Arbeit mit einem Instrument ausmachen.

 

Die Digitalisierung ist eine Zukunftsaufgabe von Musikschulen – und allen anderen Einrichtungen, die musikpädagogisch arbeiten. Erforderlich ist eine Konzeption, die die technischen Gegebenheiten und Möglichkeiten vor Ort, Bedarfe und Bedürfnisse der Lernenden und der Lehrenden miteinander verzahnt. Von den Vorteilen der Vernetzung profitieren alle auch in organisatorischer Hinsicht, wenn das Unterrichts- und Kursmanagement digital verwaltet und Abläufe vereinfacht werden. Jede Einrichtung muss für sich diese Ausrichtung auf die Zukunft leisten.

 

Digitalisierung braucht Denkfabriken – Wie sich Weiterbildung in der Musikpädagogik weiterentwickelt
Musikpädagogik hat noch viel Aufholbedarf im digitalen Wandel. Weiterbildungseinrichtungen brauchen Mut, um Neues auszuprobieren und in neue Wege zu investieren. Dafür brauchen die Einrichtungen Freiräume, Dialogräume, die entsprechende Ausstattung und eine gute Fehlerkultur.
Der digitale Wandel verläuft so rasant, dass immer wieder auch Wege eingeschlagen werden, die sich als nicht zielführend erweisen werden. Und das bedeutet Mut auf vielen Seiten: Die Weiterbildungs-einrichtungen müssen mutig Angebote kreieren, die Neues wagen, aber auch auf Voreingenommen-heit und (technisches) Unverständnis eingehen. Mittelgeber müssen Investitionen in ein noch lebendiges, unklares Ziel zulassen und das Risiko mittragen, Wege zu ändern, wenn es notwendig scheint. Des Weiteren brauchen wir eine begleitende Forschung, wo die Musikpädagogik in diesem Feld grundsätzlich hingeht. Die Digitalisierung fordert die Weiterbildungseinrichtungen heraus – dazu die Perspektive zu wechseln, sich selbst in die Rolle der Lernenden zu begeben und sich immer wieder auch verunsichern zu lassen. Wir brauchen viele unterschiedliche Dialogpartner – die jungen Digital Natives gehören dazu.

 

Weitere Informationen

 

Dieser Text ist zuerst erschienen auf dem Internetportal „Kultur bildet.“ des Deutschen Kulturrates im Juli 2017.


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