Jacques Tilly und Theresa Brüheim - 7. Februar 2020 Kulturrat_Logo_72dpi-01

Kulturerbe Fasching-Fastnacht-Karneval

Politische Kawuppdizität am Rosenmontag


Der Satiriker und Karnevalswagenbauer Jacques Tilly im Gespräch

Der blutbespritzte Prinz Salman von Saudi-Arabien hält mit einem breiten Lächeln auf den Lippen eine Kettensäge in der Hand. Er wird begleitet von seinem unschuldig grinsenden „Schmutzengel“ Donald Trump. Die wütende Greta Thunberg zieht ihrer Mutter und ihrem Vater als Stellvertreter der Eltern-Generation die Ohren lang und fordert, endlich etwas gegen die Klimakatastrophe zu tun. Das sind nur zwei Beispiele der politischen Wagen des Düsseldorfer Rosenmontagsumzuges, die aus der Ideenschmiede und Werkstatt des Bildhauers und Wagenbauers Jacques Tilly stammen. Weltweit ist er für seine satirischen Großplastiken und Karnevalswagen bekannt und berühmt. Im Gespräch mit Theresa Brüheim gibt er nicht nur Einblick in seine Arbeit, sondern auch seine politische Haltung.

 

Theresa Brüheim: Herr Tilly, wie kommt ein studierter Kommunikationsdesigner von der Uni Essen zum Entwurf und Bau von Großplastiken, insbesondere Karnevalswagen, nach Düsseldorf?
Jacques Tilly: Schon als Kind fand ich den Rosenmontagszug spitze. Die ganze Familie ging hin, das war ein fester Teil unseres Jahreskalenders. In den politisierten 1980er Jahren habe ich den Karneval aus den Augen verloren. Als ich 20 war, nahm mich ein Freund in die Wagenbauhalle mit. Die suchten gerade neue Wagenbauer. Und da bin ich direkt in die Politik eingestiegen. 1983/1984 war mein allererstes Jahr – sogar noch vor meinem Studium.

 

Man könnte von einem Zufall sprechen …
Ja, es war ein reiner Zufall. Nie hätte ich gedacht, dass ich lebenslänglich Karneval kriege. Das war am Anfang nur ein Studentenjob an ein paar Wochen im Jahr, um Geld zu verdienen. Meine Professoren haben beide Augen zugedrückt, weil ich im Wintersemester öfter nicht da war. Nach dem Examen bin ich dageblieben, denn es hat mir viel Freude gemacht und ist einfach eine sehr schöne Arbeit. Im Grunde schwänze ich seit 1994, seit dem Examen, meinen eigenen Beruf des Kommunikationsdesigners.

 

Was macht einen gelungenen Karnevalswagen aus?
In erster Linie geht es um die politischen Wagen. Ein gelungener politischer Wagen besteht darin, dass er Emotionen hervorruft, provokant ist, den Menschen eine sehr deutliche, klare und unter Umständen auch polemische Botschaft mitgibt, die sofort verstanden wird. Dann hat ein Wagen Sinn. Der Rosenmontagszug soll die Narrenfreiheit ausreizen. Einmal im Jahr soll denen da oben ungestraft die Meinung gegeigt werden – und das mit einer Kawuppdizität, wie wir im Rheinland sagen, also mit Durchschlagskraft.

 

Das Wort „politisch“ ist nun schon oft gefallen. Die Karnevalswagen aus Ihrer Werkstatt zeichnen sich durch die besonders satirische Thematisierung gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen aus. Wie kommen Sie auf die Ideen?
Die Ideen sind tatsächlich das Schwierigste und gleichzeitig das Wichtigste im ganzen Prozess. Damit quäle ich mich schon. Ideen kommen nicht mal eben beim Fahrradfahren oder Duschen, sondern man muss sich hinsetzen und viel, viel zeichnen, bis eine brauchbare Idee dabei ist. Da muss ich viel aussieben. Ich gehe dann immer in Klausur. Meine Familie kennt das. Dann bin ich nicht ansprechbar und beschäftige mich unter Umständen tagelang mit einer einzigen Idee, bis eine gute Bildformel entstanden ist, die noch nicht abgegriffen ist, in Sekundenschnelle verstanden wird und bei aller Direktheit eine politische Tiefe hat. Diese Kriterien in einem Bild unter einen Hut zu bringen ist schwer. Am Anfang fällt mir sehr viel Durchschnittliches ein, was auch als tagespolitische Karikatur funktionieren würde. Aber im Düsseldorfer Karneval wollen sie besondere Bilder haben, die das Zeitgeschehen auf drastische Weise kommentieren und auch in fünf Jahren noch verstanden werden. Da ist die Suche besonders schwer.

 

Wie läuft der Prozess vom Auftrag über die Idee bis zum Bau genau ab? Inwieweit werden Themen von den Auftraggebern, zu denen unter anderen das Comitee Düsseldorfer Carneval zählt, vorgegeben?
Ich bin komplett frei. Die Vorschläge kommen direkt von mir. Ich mache ungefähr 30 bis 40 Ideenskizzen, die ich dem Comitee Düsseldorfer Carneval vorlege. Mit dem Geschäftsführer Hans-Jürgen Tüllmann setze ich mich dann zusammen und diskutiere über die Entwürfe. Meist sind wir einer Meinung und nehmen diejenigen, die gepfeffert sind. Das sind die Entwürfe, die den Leuten am meisten Spaß machen. Es findet keine Zensur statt, sondern wir einigen uns immer darauf, die besten Entwürfe zu nehmen. Trotzdem wird nicht jeder Entwurf genommen. Die schalten sich gegenseitig aus. Es gibt einen Wettbewerb unter den Entwürfen. Im letzten Jahr zum Thema „Fridays for Future“ bzw. „Greta Thunberg“ habe ich bestimmt acht Entwürfe gezeichnet, bis einer dabei war, der reif war, das Tageslicht zu erblicken und dann in der Wagenbauhalle realisiert wurde. Es ist ein mühsamer Prozess. Zumal er unter einem großen Zeitdruck stattfindet. Wir bauen die Wagen immer kurz vor Rosenmontag. Es hat keinen Sinn, sich schon im Oktober Gedanken zu machen. Das ist im Februar schon längst wieder kalter Kaffee. Wir müssen immer am Zahn der Zeit sein. Das heißt: Riesenzeitdruck – unter dem dann zwölf final brauchbare Ideen entstehen müssen für die zwölf politischen Wagen. Das ist wirklich Stress und Arbeit.

 

Wie lang bauen Sie an einem Wagen?
Unter Umständen nur einen Tag. Wenn am Sonntag vor Rosenmontag politisch noch etwas Wichtiges passiert, bauen wir schnell noch einen Wagen. Das ist schon oft vorgekommen, weil weltpolitisch interessante Dinge passiert sind, die unbedingt Rosenmontag noch verwurstet werden mussten. Da sind wir sehr flexibel und bauen bis zur allerletzten Minute, damit wir am Rosenmontag den Düsseldorfern hochaktuelle Ware zeigen können.

 

Diese zwölf politischen Wagen sind aber nicht die einzigen, die Sie bauen …
Der ganze Zug besteht aus 90 Wagen. Das sind überwiegend die Wagen der Gesellschaften und Karnevalsvereine. Die sind nicht so politisch. Da geht es mehr um das Motto oder die Garden und Uniformen. Aber auch die bauen mein Team und ich. Es entsteht natürlich der Prinzenpaarwagen, der besonders prächtig sein soll. Dann bauen wir die Werbewagen. In Düsseldorf haben wir Sponsoren, die mitfahren – z. B. Mercedes, die Provinzial Versicherungen oder die Rheinische Post. Sie alle haben eigene Wagen. Die bauen wir über das ganze Jahr. Wir fangen schon im Mai des Vorjahres mit dem Bauen an. Die politischen Wagen, die am Ende entstehen, sind natürlich das Sahnehäubchen. Sie machen allen am meisten Spaß, weil es da wirklich zur Sache geht.

 

 

Wann kommen Sie an die Grenzen der satirischen Gestaltung der Wagen?
Es ist immer die Frage, wo die Grenzen der Satire liegen. Kurt Tucholsky schrieb 1919 in einem Artikel in der Berliner Zeitung, der mit dem berühmten Satz endet: „Satire darf alles.“ Ich bin nicht der Meinung, dass Satire alles darf. Satiriker sind keine Ausnahmemenschen, die Sonderrechte haben. Sie sind Staatsbürger wie alle anderen auch. Das heißt, es müssen Persönlichkeitsrechte geachtet werden. Auch Verleumdung darf es nicht geben. Wo nun die Grenze dessen liegt, was man tun und nicht tun sollte, ist Ermessenssache. Das hängt von jedem einzelnen Entwurf ab. Es gibt keine Regel, aber es gibt Grundsätze. Beispielsweise treibt man keinen Spott mit Opfern. Oder das Thema Love Parade in Duisburg ist ein zu trauriges. Das darf nicht karnevalistisch aufbereitet werden. Es gibt Themen, die von vornherein nicht infrage kommen. Insofern gibt es selbstverständlich Grenzen. Wir bauen die Wagen für die Menschen am Straßenrand. Mit den politischen Wagen wollen wir ausdrücken, was die Menschen mehrheitlich denken. Sie sollen sich wiederfinden und mit dem identifizieren können, was thematisch in der Luft liegt. Da geht nicht jedes Thema.

 

Ihre politischen Wagen spalten. Oft werden sie mindestens als bissig beschrieben. Wie reagieren Sie darauf?

Die Wagen spalten tatsächlich. Nicht jeder findet sie gut. Schon oft habe ich den sogenannten Shitstorm über mich ergehen lassen, weil die einen oder anderen Wagen irgendwelchen Gruppierungen oder bestimmten Milieus übel aufgestoßen sind. Einige Institutionen und Bevölkerungsgruppen haben große Schwierigkeiten mit Kritik. Ich bin aber der Meinung, dass jeder, der in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft seine Meinung zu Markte trägt, es über sich ergehen lassen muss, kritisiert zu werden und auch polemisch infrage gestellt zu werden. Das ist eine Zivilisationsleistung. Da gebe ich gerne mit meinen manchmal sehr harten Wagen Entwicklungshilfe. Daher ist auch unser Grundsatz, dass wir vor keinem Thema aufgrund drohender Kritik zurückschrecken wollen. Parteipolitisch sind wir natürlich alle nicht. Als Narren sind wir streng parteipolitisch neutral, wir sind auch weltanschaulich neutral wie Justitia. Niemand wird bevorzugt, niemand wird verschont. Jeder kriegt einen drüber. Wer sich in diesem Jahr ärgert, dass er dran ist, der kann sich damit trösten, dass die politischen Gegner nächstes Jahr wieder dran sind. Beispielsweise wird das Thema Religion oft im Düsseldorfer Rosenmontagszug verarbeitet. In der Vergangenheit haben wir z. B. islamkritische Wagen gebaut. Das hat den Linken nicht gefallen. Seit vielen, vielen Jahren bauen wir Wagen zur Verteidigung von Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und offener Gesellschaft. Das gefällt den Rechtspopulisten und Rechtsextremen nicht. Prügel gibt es immer. Aber ein Satiriker, der allen Menschen gefallen will, macht seine Arbeit nicht richtig.

 

Nicht nur national, sondern auch international ist das Presseecho auf Ihre Wagen sehr, sehr hoch. Wie kommt das zustande?

Ja, das freut mich sehr. 2019 waren die Wagen in annähernd 100 Ländern zu sehen. Rund 1.500 Veröffentlichungen habe ich gezählt. Das ist eine Riesenmenge. Ich begreife es als Serviceleistung, dass wir Wagen bauen, die auch international verstanden werden. In Kamerun, Nepal, Paraguay, China oder Korea, in den verschiedensten Kulturregionen werden diese Bildformen gelesen und funktionieren. Mittlerweile baue ich nicht mehr nur mit Blick auf die Düsseldorfer am Wegesrand des Rosenmontagszuges, sondern auch mit Blick auf die Weltpresse. Das ist eine Besonderheit im Düsseldorfer Karneval. Wir haben Bilder, die nicht nur ein Millionen-, sondern sogar ein Milliardenpublikum erreichen, wenn man die sozialen Netzwerke hinzugefügt und sich anschaut, in wie vielen Ländern Fotografien veröffentlicht werden. Das ist die größte Bühne, die ein Satiriker haben kann.

 

Für Bildhauer, Maler, Künstler in den Karnevalshochburgen ist der Bau von Umzugswagen eine wichtige Einnahmequelle. In Ihrer Werkstatt beschäftigen Sie sogar ganzjährig Ihre Mitarbeiter.

Wir bauen nicht nur Karnevalswagen in unserer Wagenbauhalle, sondern auch Großplastiken für alle möglichen Zwecke. Gerade im politischen Bereich bauen wir große Eyecatcher, die die Aufmerksamkeit der Medien auf sich ziehen und besonders für Zeitungen und Fernsehsender attraktiv sind. Z. B. haben wir zum G20-Gipfel 2017 für Greenpeace einen Riesen-Trump gebaut. Ich habe sehr viele Wagen gegen den Brexit gebaut, die in England auf den großen Demonstrationen gefahren sind. Das ist die Arbeit, die wir dann übers ganze Jahr machen. Gegen Winter ist dann ausschließlich die Wagenbauproduktion für den Rosenmontagsumzug angesagt.

 

Können Sie schon verraten, was zum Rosenmontagszug 2020 zu erwarten ist?
Nein, das gehört zu den Düsseldorfer Besonderheiten. Wir sind die einzige Narrenhochburg, die vorher ihre Wagen nicht der Öffentlichkeit zeigt. Sie werden bis zum Morgen des Rosenmontags geheim gehalten. Um 7 Uhr öffnen sich dann die Tore zur Werkstatt. Die Journalisten stehen schon vor der Tür und fotografieren im Dunkeln die Wagen ab. Im Blitzlichtgewitter werden sie der Öffentlichkeit vorgestellt. Bis dahin herrscht strengste Geheimhaltungsstufe.

 

Was wäre ein Wunschprojekt, das Sie zukünftig gern umsetzen würden?
Die Wagen sollen dort fahren, wo sie gebraucht werden. Zum Teil wird das schon realisiert. Im Moment fahren drei Wagen durch Polen, um gegen den demokratiefeindlichen Kurs der rechtsnationalistischen Regierung zu demonstrieren. Es fahren viele Wagen in England. Bedauerlicherweise steht Marine Le Pen ante portas. Wenn Frankreich auch den Rechtspopulisten in die Hände fällt, bin ich mir ganz sicher, dass meine Wagen auch in Paris fahren und dort Wirkung zeigen werden. Wobei ich das aber natürlich nicht hoffen möchte.

 

Vielen Dank.

 

Dieses Interview ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 02/2020.


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