Edgar Reitz & Hans Jessen - 26. Februar 2019 Kulturrat_Logo_72dpi-01

Heimat

Es sind immer Raum und Zeit


Edgar Reitz über seine Trilogie "Heimat"

Die Filmreihe „Heimat“ hat Filmgeschichte geschrieben und Edgar Reitz hat mit ihr den deutschen Heimatfilm maßgeblich geprägt. Doch was bedeutet Heimat über die filmische Auseinandersetzung hinaus für ihn? Hans Jessen hat nachgefragt.

 

Hans Jessen: Herr Reitz, 1984 kam der erste Teil Ihrer Trilogie „Heimat“ in die Kinos und Fernsehgeräte. Kurz zuvor hatte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl gesagt: „Heimat ist der Ort oder das Land, wo man geboren und aufgewachsen ist … Dazu gehört die Bindung an Werte und die urtümlichen Lebensformen unserer Heimat.“ Heimat wäre demnach vor allem ein geografischer Ort, und/oder ein Ort normativer Setzung. Stimmen Sie damit überein?
Edgar Reitz: Was er sagte, ist nicht falsch. Obwohl bei einem Politiker immer eine politische Haltung und bestimmte Moral mitschwingt. Wenn ich von Heimat spreche, habe ich in dem Zusammenhang keine moralischen Vorstellungen, sondern meine etwas ganz Reales, Konkretes. Etwas, was man erlebt und erfährt. Meine wichtigste Erfahrung mit dem Leben ist, dass wir den Ort, an dem wir geboren werden und den Horizont unserer Kindheit weder örtlich noch zeitlich selbst bestimmen können. D. h., im Heimatbegriff ist zunächst einmal keine Freiheit enthalten. Heimat ist eine Haut, ein Gehäuse. Die Freiheit besteht immer darin, sich aus dieser Haut hinauszubegeben und dieses kleine Universum, das wir sozusagen von Geburt an wie einen Uterus mitbringen, zu verlassen. Wir müssen eine Distanz entwickeln, aus der heraus wir entscheiden können, ob wir die Verhältnisse so lassen oder nicht, ob wir uns fügen oder nicht fügen in die Traditionen und Verhältnisse. Heimat war immer eine Haut, aus der ich ausbreche.

 

Hat Ihr Heimatverständnis auch mit Zeit zu tun? Alle drei Teile der filmischen Trilogie heißen „Chronik“: „Heimat – Eine deutsche Chronik“, „Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend“, „Heimat Drei – Chronik einer Zeitenwende“. Chronik ist ein Zeitbegriff.
Es sind immer Raum und Zeit. Sie kommen getrennt voneinander nicht vor. Wir haben ein Bild vor Augen, das ist z. B. Landschaft, das Gesicht der Mutter, ein Haus, ein familiäres Umfeld usw. Alles Ortswahrnehmung – aber überhaupt nicht trennbar von unserer Zeitwahrnehmung. Es ist von Anfang an unverwechselbar, wie die Dinge nacheinander und auch zeitgleich mit anderen sind. Allein schon die Abwesenheit des Vaters in einer bestimmten Zeit: Bei uns waren die Väter während des Krieges abwesend, da ist das Gesicht des Vaters verbunden mit der Erinnerung an die Zeit vor dem Krieg. Das Vatergesicht ist das Friedensgesicht. Als Krieg gibt es nur die Mutter, die am Krieg nicht teilnimmt, sondern sich ums Überleben kümmern muss. Sehr merkwürdige Erfahrung.

 

Eine Heimaterinnerung, die in Kriegszeiten wurzelt, ist eine andere?
Sie ist eine vollkommen andere als die in sogenannten Friedenszeiten. Ich denke, es gibt eine Art Zeitheimat, durch die Zeitgenossenschaft. Eine bestimmte Zeit miteinander erlebt zu haben erzeugt eine ebenso starke Verbindung, wie an einem Ort miteinander gewesen zu sein.

 

Ist für Sie „Heimat“ ein Erlebnis- und Erfahrungszusammenhang im Menschen – mehr geistige Dimension als materielle Verortung?
Dahinter steht ein ganz anderer Begriff, oder sagen wir, eine Erfahrung. Da geht es um die Frage der Zugehörigkeit zu anderen, nicht nur Personen, sondern auch Lebensverhältnissen, Orten und konkreten Dingen wie Familie und Haus. Sich dazugehörig zu fühlen erzeugt ein Basisgefühl der Sicherheit oder Geborgenheit. Genauer, ein Gefühl der Erinnerung an Ähnliches, aber auch der immer wiederkehrenden Angst, diese Zugehörigkeit zu verlieren, also Verlust der Geborgenheit.

 

Heimat ist ohne den Begriff des Verlustes nicht vorstellbar?
Nicht vorstellbar, weil es uns immerzu in dieser Form begegnet. Sobald wir Heimat denken, denken wir an Verletzungen, Abschiednehmen, Verluste von bestimmten emotionalen Brennpunkten usw. Heimat ist ein Schlachtfeld der Gefühle.

 

Die erste Heimat-Staffel ab 1984 führte zu einem völlig unvorhergesehenen und unvorhersehbaren Erfolg. In Deutschland sahen 10 Millionen Zuschauer jede Folge, Übersetzungen in über 30 Sprachen. Wieso stößt Schabbach, ein fiktives Dorf im Hunsrück, weltweit auf solche Resonanz? Was haben Sie da angetippt?
Das war für mich zunächst auch völlig rätselhaft. Ich hätte diesen Film so gar nicht machen können, wenn ich das geahnt hätte. Ist dieses Verhältnis zwischen Geschichte und Ort eine universell-menschliche Sicht oder Erfahrung? Dieser Frage hätte ich mich nicht gewachsen gefühlt. So war ich in meinen Erzählungen ganz ungehemmt in der Lage, meine persönlichen inneren Bilder zu verarbeiten, meine Erfahrungen aufzugreifen und Familiengeschichte in gewissen Verwandlungen einfach einzubringen. Ich fühlte mich frei in der Fiktion. Ich konnte bei der Entwicklung der Charaktere hemmungslos herumspielen. Leute, an die ich mich aus der Kindheit erinnere, habe ich zum Teil einer „Geschlechtsumwandlung“ unterzogen. Aus einem Onkel wurde eine Tante, um ihn mir fremd zu machen, um ein Bild vor Augen zu haben, mit dem ich freier umgehen kann. Ich habe meine persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen verwurstet, wie es mir in den Kram passte, um die Geschichte zu entwickeln. Bei alledem werde ich mit meinem kleinen Schabbach-Universum zum Abbild der Geschichte oder der Realität des Lebens, weil wir den gleichen Gesetzen unterliegen wie das Leben selbst. Wir müssen uns verteidigen, wir müssen uns Raum schaffen, wir müssen überleben, wir müssen sehen, dass wir durchkommen, wir müssen mit Widersprüchen leben … So entsteht ein lebendiger Filz. Das war bis zum Ende der Prozess.

 

Nachdem Sie in drei großen Filmfolgen das 20. Jahrhundert in unterschiedlicher Chronologie durchmessen hatten, kam 2013 der Film „Die andere Heimat“. Sie greifen weiter zurück in die Geschichte, ins 19. Jahrhundert, als Hunsrücker in erheblicher Zahl nach Brasilien auswanderten. Ist dieser Stoff verwoben mit dem Heimatbegriff der ersten drei Folgen?
Die Erinnerung an diese große Auswanderungswelle lebte im Hunsrück schon immer. Mir war als Kind bekannt, dass es in der eigenen Familie solche Auswanderer gegeben hat, mit denen zum Teil auch nach mehreren Generationen noch Kontakte bestanden. Diese Geschichte steckte in mir. Und während der Dreharbeiten von „Heimat Eins“ tauchten ganz gegen Ende, bei den Dreharbeiten der Schlussepisode, zwei Brasilianer im Dorf auf. Sie waren auf der Durchreise. Ich fand es erstaunlich, dass die sofort anfingen, die Steine des Mauerwerks zu untersuchen und sich die Frage zu stellen: Was sind Schiefersteine? Das ist das Wort, was der Opa in Brasilien immer gesagt hat, aber in Brasilien gab es keine Schiefersteine. Das waren persönliche Erinnerungen. In der Zeit nach den drei großen Filmblöcken hatte ich das Gefühl, diese Geschichte bedarf noch einer Erzählung. Ich fragte mich: Was ist der tiefste Grund für diese Auswanderungswelle? Warum wollten die alle weg aus der Heimat? Wo ich doch auch weg wollte aus der Heimat – auf eine ganz andere Weise.

 

Sie sind als junger Mensch nach München gegangen.
Da kam ich auf den Begriff der Sehnsucht. Deswegen heißt es ja auch „Chronik einer Sehnsucht“. Sehnsucht ist ein mit romantischen Vorstellungen erfülltes deutsches Wort. Auch nicht so leicht zu übersetzen in andere Sprachen. Es gibt dazu kaum Analogien.

 

Menschen verlassen endgültig die alte Heimat, man kommt nicht so eben mal von Brasilien zurück. Sie haben festgestellt, dass in der Distanz sich die alte Heimat in gewisser Weise zu einer geronnenen Vorstellung verfestigt.
Das verband mich mit diesen Brasilianern. Auch ich hatte eine geronnene Vorstellung. Den Hunsrück, aus dem ich komme, gibt es nicht. Das war immer wieder meine schmerzhafte Erfahrung, selbst bei dieser innigen Berührung, mit einem Riesen-Filmteam dort anzukommen und zu sagen: Ich erzähle euch eure eigene Geschichte, indem ich meine Geschichte erzähle und bin somit einer von euch. Und doch war ich keiner von ihnen. Ich erzählte ihnen auch nicht ihre eigene Geschichte. Sie haben die Geschichte des Films, als er Erfolg hatte, gern mit ihrer eigenen Geschichte verwechselt. Aber Heimkehr in diesem Sinne gibt es nicht.

 

Wie geht das zusammen, alte und neue Heimat? Kann man mehrere Heimaten gleichzeitig in sich tragen?

„Zweite Heimat“ ist der Begriff, den ich über die zweite große Staffel gesetzt habe. Das ist die Zugehörigkeit, die wir selbst wählen. Zu Beginn dieser Geschichte sagt Hermann Simon: „Man wird zweimal geboren. Das erste Mal aus seiner Mutter, und da kann man nichts dran ändern. Das zweite Mal aus einem eigenen Kopf.“ Die Heimat, die wir uns da schaffen, setzt sich aus immer mehr Einzelheiten und Zugehörigkeiten, auch Widersprüchlichkeiten zusammen zu etwas, was wir letztendlich unsere Biografie nennen. Diese Heimat ist etwas wesentlich anderes als die erste, nicht gewählte Herkunftsheimat. Aber die Sehnsucht stammt aus der ersten. Die Sehnsucht nach unaussprechlichen, ich würde sagen, kindlichen, zumindest in einer gewissen Weise unschuldigen, frühen Erfahrungen, die mit dem Gefühl der Grenzenlosigkeit und Geborgenheit verbunden sind. Auch wenn wir ins Neue aufbrechen. Da bleibt immer diese assoziative Verbindung mit einem unbewussten früh gemachten Erfahrungshintergrund.

 

Als Sie mit der Arbeit an der Heimat-Trilogie begannen, war das ein gesellschaftlicher Aufbruch. Bis dahin herrschte ein zum Teil revanchistischer, reaktionärer, verlustbesetzter Heimatbegriff vor. Wie nehmen Sie es wahr, dass in der jüngeren Vergangenheit im Zusammenhang mit Globalisierung und Migration wieder eine Heimatdebatte einsetzt, die zum Teil sehr aggressiv und angstbesetzt geführt wird?
Das ist ein Abgrenzungsbedürfnis. Dieses Abschottungsbedürfnis ist eine Mischung aus Angst und Unwissenheit. Aber wer sich mit Heimat beschäftigt, darf keine Angst haben. Heimat ist kein Ort des Besitzes und der Zuflucht. Heimat ist immer etwas, was wir verlieren. Als Kindheitserfahrung verlieren wir es dadurch, dass wir erwachsen werden, dass wir den Horizont ausweiten und mit jedem Hinzugewinn an Wissen und Handeln über den Rahmen, den wir schon kennen, hinausgehen. Irgendwann sind wir nicht mehr die Bewohner unserer ursprünglichen Heimat, sondern wir sind hinausgewachsen oder hinausgegangen. Was da bleibt, ist Erinnerung. Und was in der Erinnerung bleibt, sind diese sehr schwer benennbaren Empfindungen, die ich versucht habe als eine emotionale Hintergrundfläche zu beschreiben. Wenn wir uns diesem Sehnsuchtsgebilde „Heimat“ wieder nähern wollen, machen wir die Erfahrung, dass es diese Heimat konkret und real nicht mehr gibt. Sie ist immer ein Teil der Erinnerung, aber niemals so, wie wir sie suchen, konkret vorhanden. Was in vieler Hinsicht Gründe hat. Es muss auch so sein. Wir würden ja allen, die uns nicht auf dem Lebensweg begleiten, jegliche Entwicklung verbieten, wenn wir von ihnen verlangen, dass ich mich ändere, die aber nicht. Selbst die Mutter, selbst die nächsten Angehörigen haben eine eigene Lebensgeschichte und sind nicht mehr genau gleich. Die Emotionen können das sehr fein unterscheiden, was sich verändert, und bekommen ein Gefühl der Fremdheit. Bei jedem Versuch der Heimkehr wird Fremdheit erfahren. Deswegen sage ich, es gehört Mut dazu, denn das tut weh.

 

Ist unter den Bedingungen einer fortschreitenden Globalisierung und Allgegenwärtigkeit von Kommunikationsmöglichkeiten, Heimat in dem Sinn, wie wir sie noch kennengelernt haben, zukünftig möglich? Oder ist ein ganz anderer Heimatbegriff möglich? Heimat als Ort im Internet, in Social Media?
Das bezweifle ich. Ziemlich vage kann ich mir vorstellen, dass die Menschheit ein Heimatgefühl zu ihrem Planeten entwickelt. Wenn man von der Raumstation ISS aus dem Orbit heraus Bilder und Nachrichten bekommt oder unser deutsche Astronaut Alexander Gerst mitteilt: „Die Dürre über Norddeutschland ist erschreckend, von hier oben aus gesehen“, bekomme ich ein planetarisches Gefühl. Die Entfernungen schrumpfen zusammen. Das Ding rast in anderthalb Stunden einmal rundum. Da ist es so weit wie von Schabbach nach Simmern, einmal um die Welt. Es wäre ein Traum, dass die Menschheit sich als Bewohner des Planeten fühlt und eine Heimatliebe zu diesem blauen schönen Planeten entwickelt.

 

Vielen Dank.

 

Dieses Interview ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 03/2019.


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